Automarkt Brasilien Aufholjagd mit Alkohol

Brasilien gibt mächtig Gas: In diesem Jahr werden dort wohl erstmals mehr Autos verkauft als in Deutschland. Für die CO2-Bilanz ist das jedoch keineswegs fatal, denn mehr als die Hälfte des Treibstoffs in Südamerikas Supermacht wird klimaneutral aus Zuckerrohr gewonnen.

Tom Grünweg

Aus Rio de Janeiro berichtet


Morgens um acht in Rio de Janeiro: Alle wichtigen Straßen sind auf Einbahnverkehr geschaltet, achtspurig schieben sich die Autos an den Stränden von Copacabana und Ipanema entlang. In den anderen Großstädten des riesigen Landes sieht es kaum anders aus. Und das ist erst der Anfang. Das einstige Schwellenland ist längst eine aufstrebende Industrienation. Neben China und Indien sei Brasilien einer der großen Wachstumsmärkte für die Autoindustrie, sagt Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Die Zahlen belegen das: Seit 2006 hat sich der Markt beinahe verdoppelt und lag im vergangenen Jahr bei knapp über drei Millionen Neuzulassungen. In diesem Jahr werden die Brasilianer aktuellen Prognosen zufolge sogar die Deutschen als Autokäufer überholen und damit zur Nummer drei der Weltrangliste aufsteigen.

Der Markt am Zuckerhut ist noch lange nicht gesättigt. "Kommen hierzulande auf tausend Bürger etwa 500 Autos, sind es in Brasilien bislang nur 114", sagt Dudenhöffer. Bei 190 Millionen Einwohnern ergibt sich ein gewaltiges Potential. "Erfolgreich ist in Brasilien aber nur, wer dort auch produziert", sagt der Experte. Peugeot, Ford, Chevrolet, Renault und auch Mercedes haben Fabriken vor Ort. Und das größte Fiat-Werk steht nicht etwa in Italien, sondern in Belo Horizonte. Dort baut die Marke pro Jahr 800.000 Autos und rund eine Million Motoren. Das bedeutet die Marktführerschaft: Fast 25 Prozent Verkaufsanteil, das schafft Fiat nur in Rio - und längst nicht mehr in Rom.

Auf Platz zwei rangiert VW. Mit vier Fabriken, in denen 22 unterschiedliche Typen hergestellt werden, verfügt die Marke über die breiteste Modellpalette des Landes. Auch Brasiliens Bestseller seit bereits 23 Jahren, der Gol, kommt von VW. Nach fast 700.000 Auslieferungen im vergangenen Jahr will der Konzern weiter wachsen und bis 2014 eine Million Autos im Jahr verkaufen - ein Ziel, in das VW rund 2,3 Milliarden Euro investiert.

Zulassungen 2009 in Brasilien (Pkw & leichte Nutzfahrzeuge)

Verkäufe Marktanteil in Stück Marktanteil in %
Fiat Group 750.000 24,7
Volkswagen 693.000 22,8
Chevrolet 611.000 20,1
Ford 317.000 10,4
Honda 128.000 4,2
Renault 117.000 3,8
Toyota 96.000 3,2
Peugeot 82.000 2,7
Hyundai 78.000 2,6
Citroën 70.000 2,3
Mitsubishi 37.000 1,2
Nissan 24.000 0,8
Mercedes-Benz 11.000 0,4
Iveco Mercosul 2.000 0,1
Audi 2.000 0,1
Total 3.040.000

CAR/ Universität Duisburg-Essen

Die Fahrzeugflotte im Land ist exotisch - und trotzdem vertraut. Auch die Opelmodelle Astra und Corsa sind in Brasilien beliebt; viele Taxichauffeure fahren Opel Meriva und immer wieder tuckert ein alter VW Bus der Generation T2 vorbei, den VW hier seit Jahren baut. Zwar rüstet Volkswagen das Auto mittlerweile mit einem flüssigkeitsgekühlten Motor aus, ansonsten blieb der Bus weitgehend unverändert. Mitunter gelangen auch brasilianische Modelle nach Europa: der VW Fox zum Beispiel oder das Sportcoupé der Mercedes C-Klasse. Umgekehrt dagegen funktioniert das kaum, gehobene europäische Modelle sieht man nur sehr selten in Brasilien.

An allen Tankstellen Brasiliens wird Ethanol angeboten

Brasilien ist nicht nur ein Dorado der Autobosse, sondern auch Umwelt- und Energiepolitiker schwärmen von dem Land. Denn die Brasilianer haben sich dank Ethanol aus Zuckerrohr schon weitgehend aus der Abhängigkeit vom Erdöl gelöst. Den Bioalkohol gibt es dort an allen 35.000 Tankstellen des Landes. Mit rund 30 Milliarden Litern pro Jahr sei Ethanol mittlerweile eine der drei wichtigsten Energiequellen in Brasilien, sagt Adhemar Altieri vom Verband der brasilianischen Zuckerrohrindustrie. "Diesel gibt's nur für Busse und Lastwagen, bei Pkw und leichten Nutzfahrzeugen kommt Ethanol auf einen Marktanteil von weit mehr als 50 Prozent."

Das Ethanol-Programm reicht zurück in die Zeit der ersten Ölkrise in den siebziger Jahren. "Einen Kick erhielt der Markt dann ab 2003 mit der Einführung sogenannter Flex-Fuel-Modelle", sagt Altieri. Dank einer speziellen Motorsteuerung verbrennen diese Autos Ethanol oder Benzin in jedem beliebigen Mischungsverhältnis. So kann der Fahrer beim Tanken flexibel auf die aktuellen Preise reagieren und den jeweils billigsten Sprit wählen. Bei der Auswahl helfen kleine Tabellen, in denen der um rund 30 Prozent höhere Verbrauch bei Ethanol-Betrieb berücksichtigt wird. Flex-Fuel-Fahrzeuge sind inzwischen Standard in Brasilien, mittlerweile gibt es sogar die ersten Fahrzeuge, die man auch noch mit Erdgas betanken kann.

Ethanol aus Zuckerrohr - und Rohöl vom Meeresgrund

Zwar gilt Ethanol als pflanzliches Produkt als einigermaßen CO2-neutral, doch es gibt auch Kritik. Umweltschützer fürchten angesichts der riesigen Anbauflächen um den brasilianischen Regenwald, Ethiker um die Preise und die Produktion von Nahrungsmitteln. Beide Fraktionen versucht Verbandssprecher Altieri zu beruhigen. "In Brasilien gibt es genügend Platz", sagt der Lobby-Vertreter. Die gegenwärtig acht Millionen Hektar für Zuckerrohranbau machten lediglich 2,5 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche aus. Die Weideflächen der Fleischindustrie seien 35-mal so groß. Zudem lägen Zuckerrohrplantagen weit vom Regenwald entfernt. "Dort wäre es für die Ernte zu feucht."

Obwohl Benzin in Brasilien fast schon ein Nischenkraftstoff ist, baut das Land auch die Rohölförderung aus. Bei einem Ausflug auf den Zuckerhut kann man, den Blick aufs Meer gerichtet, sehen, wie die staatliche Ölgesellschaft Petrobras dort gerade eines der größten Mineralölvorkommen der Welt erschließt.



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Don Alfonso 04.06.2010
1. Das Biosprit-Märchen
Zitat von sysopBrasilien gibt mächtig Gas: In diesem Jahr werden dort wohl erstmals mehr Autos verkauft als in Deutschland. Für die CO2-Bilanz ist das jedoch keineswegs fatal, denn mehr als die Hälfte des Treibstoffs in Südamerikas Supermacht wird klimaneutral aus Zuckerrohr gewonnen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,698477,00.html
Die Klimaneutralität ist leider ein Märchen, das die Biosprit-Lobby nur zu gern erzählt. Rechnet man die klimarelevanten Emissionen des gesamten Produktionszyklusses zusammen, dann hat Biosprit aus Zuckerrohr 50 % niedrigere CO2-Emissionen als konventioneller Treibstoff. Was schon mal alles andere als klimaneutral ist. Leider wird das Zuckerrohr in Brasilien aber auf Flächen gewonnen, die in riesigem Ausmaß durch Rohdung von Regenwald gewonnen werden. Rechnet man die daraus resultierenden negativen Klimaaffekte ein (von anderen gar nicht zu reden), dann braucht es nach einer Untersuchung der Stanford University zwischen 40 und 120 Jahren bis zu einer positiven CO2-Bilanz. Bis dahin wird nicht weniger C02 erzeugt, sondern mehr! Nach der Stanford-Studie geht die Abholzung von tropischen Wäldern derzeit zu etwa zwei Drittel auf das Konto der Biosprit-Erzeugung. D.h. was da in Brasilien passiert ist das genaue Gegenteil von dem, was richtig wäre.
cromagnon 04.06.2010
2. Bitterer Zucker
Kaum zu glauben, was Tom Grünschnabel da wieder von sich gibt. Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass die riesigen Zuckerrohr-Monokulturen nicht nur ökologisch höchst bedenklich sind. Im bitterarmen Nordosten Brasiliens hat ihre von den Militärs gewaltsam durchgesetzte Anlage in den 1970er Jahren das ohnehin prekäre soziale Gefüge vollends zerstört, Landflucht provoziert und die Morros und Favelas der großen Städte endgültig in Höllen verwandelt. Das sind keine neuen Erkenntnisse! Gordian Troeller erhielt 1984 den Grimme-Preis für seinen Dokumentarfilm "Bitterer Zucker"!!!!
schneesieber 04.06.2010
3. Schrill gekichert
Jaja, die europäischen Brasilienkenner im SPON Forum bringen mich immer mal wieder zum Lachen: "Zudem lägen Zuckerrohrplantagen weit vom Regenwald entfernt. "Dort wäre es für die Ernte zu feucht."" Was, an diesem Satz, ist denn da nun nicht verständlich, meine Herren Foristen? Die Mär, dass Brasilien Regenwälder abholzt um Land für Zuckerrohranbau zu gewinnen, kann man doch nun wirklich nicht mehr aufrechterhalten. Zum einen braucht Zuckerrohr ein anderes Klima und zum anderen braucht man in diesem riesigen Land überhaupt nichts abzuholzen, um Anbauland zu gewinnen! Wenn Sie das obige Zitat der Falschaussage bezichtigen, dann bitte auch nachweisen. Oder vielleicht auch mal hier schauen: http://www.payer.de/arbeitkapital/arbeitkapital03082.htm Es gibt übrigens hier unten bis zu drei Ernten im Jahr. Einfach mal NICHT europäische Verhältnisse auf unbekannte Länder anwenden, wäre schon mal ein guter Anfang ... Schneesieber
sukowsky, 04.06.2010
4. Hier muss ich wiedersprechen
Hier muss ich wiedersprechen! Abertausende von Quadtratkilometer Wald hat man dafür abgeholzt zur Gewinnung von Alkohol für die Autos. Das Klima verändert sich zum schlechten. Klimaneutral? Niemals das Gegenteil ist der Fall. Jedes Jahr erodiert der Boden mehr und mehr, mächtige Wolkenbrüche mit Überschwemmungen tun das ihrige. Brasilien hochgelobt. Klimamäßig und bevölkerungspolitisch am Abgrund. Die Mächtigen und Reichen ruiniere seit Jahrzehnten dieses Land. Die USA sind Goldjungen dagegen.
Ilja 04.06.2010
5. Konsum
Zitat von Don AlfonsoDie Klimaneutralität ist leider ein Märchen, das die Biosprit-Lobby nur zu gern erzählt. Rechnet man die klimarelevanten Emissionen des gesamten Produktionszyklusses zusammen, dann hat Biosprit aus Zuckerrohr 50 % niedrigere CO2-Emissionen als konventioneller Treibstoff. Was schon mal alles andere als klimaneutral ist. Leider wird das Zuckerrohr in Brasilien aber auf Flächen gewonnen, die in riesigem Ausmaß durch Rohdung von Regenwald gewonnen werden. Rechnet man die daraus resultierenden negativen Klimaaffekte ein (von anderen gar nicht zu reden), dann braucht es nach einer Untersuchung der Stanford University zwischen 40 und 120 Jahren bis zu einer positiven CO2-Bilanz. Bis dahin wird nicht weniger C02 erzeugt, sondern mehr! Nach der Stanford-Studie geht die Abholzung von tropischen Wäldern derzeit zu etwa zwei Drittel auf das Konto der Biosprit-Erzeugung. D.h. was da in Brasilien passiert ist das genaue Gegenteil von dem, was richtig wäre.
Das ganze ist eine riesige Heuchelei. Auf abgeholztem Regenwald wird vor allem Rinderzucht betrieben zum Beispiel von McDonalds und anderen Multis. Diese riesigen Rinderfarmen sind auch zum größten Teil für die Landflucht verantwortlich, da die Landbevölkerung auch mit Gewalt von den Flächen vertrieben wurde. Auf anderen Flächen wird Soja angebaut für den Export als Viehfutter vor allem nach Europa. Wer etwas für den Regenwald tun will, sollte also Vegetarier werden oder heimische Nahrungsmittel essen. Was in Brasilien selbst verbraucht wird für Energie und Nahrung ist nicht genug, um Regenwälder abholzen zu müssen. Das Problem ist der Export: Also BEI UNS kein Kaffe, keine tropischen Früchte, kein Angusfilet usw. und die Regenwälder bleiben stehen. Es ist verlogen, den Brasilianern den Konsum zu missgönnen, aber selbst nicht bereit zu sein, darauf zu verzichten. Sollen die doch gefälligst Kaffee und Früchte für uns anbauen, aber doch keine Sprit für sich selbst! Hmm.... Ilja
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