Automarkt Indien Zwölfspurig ins Chaos

Wirtschaftsexperten sind sich einig: Neben China ist Indien der Automarkt der Zukunft. Die Wachstumsraten sind enorm, und auch der Export steigt Jahr für Jahr. Der Verkehr in Städten wie Delhi steht allerdings schon heute kurz vor dem Zusammenbruch.


Morgens um neun auf dem Weg nach Delhi verflucht man die Analysen der Marktforscher. Ihnen zufolge steht Indien erst am Beginn der Massenmobilisierung - aber subjektiv betrachtet verfügt das Milliardenvolk schon heute über viel zu viele Autos. Zumindest in der Hauptstadt und drumherum herrscht auf den Straßen ein derartiger Betrieb, dass der Verkehr regelmäßig zusammenbricht.

Auf sechsspurigen Autobahnen kämpfen sich in zwölf Kolonnen Abertausende verbeulte Kleinwagen, völlig überfüllte Busse, knatternde Tuk-Tuks, antiquierte Taxis und irrwitzig überladene Lkw in Richtung Millionenmetropole. Voran geht es oft nicht einmal im Schritttempo. Das liegt nicht nur an den heiligen Kühen, die ab und an die Straße kreuzen und so das Treiben zum Stillstand bringen – es liegt an der schieren Masse der Vehikel.

Die schwüle Luft ist zum Schneiden dick und von Abgasen grau. So etwas wie einen TÜV gibt es nicht, die Abgasuntersuchung ist eine Farce, und für Neuwagen gelten Grenzwerte auf dem Niveau von Euro 3. Noch schlimmer als der Gestank ist der andauernde Lärm: Noch lauter als die Motoren ist die Kakophonie der Hupen, die indische Autofahrer selbst im aussichtslosesten Dauerstau im Sekundentakt betätigen. Mit religiös geprägter Gelassenheit oder meditativer Ruhe ist es zumindest hinter dem Lenkrad nicht weit her.

Der tägliche Wahnsinn ist offenbar nur der Anfang. Denn der indische Automobilmarkt boomt: Allein in den vergangenen fünf Jahren lag das Wachstum bei durchschnittlich 17 Prozent, in diesem Jahr erreichen die Fahrzeugverkäufe 1,5 Millionen Exemplare, bis zum Jahr 2015 werden es mehr als drei Millionen sein. Im Jahr 2030 – so die Prognosen – soll Indien Europa und Japan überholt haben und nach den USA und China auf Rang drei der Auto-Weltrangliste stehen.

Suzuki hat die absolute Marktanteil-Mehrheit

Das vorherrschende Auto ist der Suzuki Alto, der zu Preisen ab etwa 8000 Dollar allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres rund 164.000-mal verkauft wurde und dem halbstaatlichen Joint-Venture Maruti Suzuki die unangefochtene Marktführerschaft sichert. Mit einem Anteil von 54 Prozent ist die Firma in Indien erfolgreicher als der VW-Konzern in Deutschland in den allerbesten Zeiten.

Die weiteren Spitzenplätze in der Zulassungsstatistik halten die Suzuki-Modelle Swift und Wagon R, der Hyundai i10 und der Tata Indica, und in der Markenwertung folgen auf Suzuki mit großem Abstand Hyundai, Tata, Mahindra und Chevrolet. Erfolgreichste europäische Anbieter sind Renault-Mahindra mit dem Modell Logan und Skoda, die auf dem Subkontinent vor allem mit den Typen Fabia und Octavia punkten und in diesem Jahr circa 25.000 Autos verkaufen werden.

Technik aus Indien auf deutschen Straßen

Weil Indien den Markt mit hohen Einfuhrzöllen schützt, werden die Massenmodelle alle im Land gebaut. Statt Wolfsburg, Stuttgart oder Detroit heißen die Autozentren hier Delhi, Pune oder Chennai. Von dort aus drängt Indien auch auf den Weltmarkt. Im ersten Halbjahr ist die Zahl der Exporte – auf einem bescheidenen Niveau von 100.000 Autos – um 50 Prozent gestiegen; bis 2010 will allein Suzuki 200.000 Autos pro Jahr ausführen. Und mit dem Hyundai i10, dem kommenden Suzuki Alto sowie den Dieselmotoren in Opel Agila und Suzuki Splash ist Technik aus Indien auch auf deutschen Straßen unterwegs.

Obwohl die Musik bei den Kleinwagen spielt, 70 Prozent aller Neuzulassungen zu den Minis unter 3,40 Metern Fahrzeuglänge zählen und das halbe Land auf den Tata Nano wartet, wittern auch die deutschen Hersteller Morgenluft. Weil die Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren im Schnitt um sieben Prozent per annum gewachsen ist, entsteht eine finanzkräftige Mittelschicht. Ihr werden in absehbarer Zeit 150 Millionen Menschen angehören, sagt Bettina Genster von der Marktforschungsfirma Polk.

Deutsche Marken bauen Kapazitäten in Indien aus

An dieser Schicht verdient auch die deutsche Industrie ganz gut: Mercedes E- oder S-Klasse, BMW 5er oder Audi A6 sind im Straßenbild von Delhi keine Seltenheit mehr. Hin und wieder sieht man sogar einen Maybach oder Rolls-Royce; und selbst Lamborghini hat auf dem Subkontinent einen Händler. Porsche meldet rund hundert Zulassungen pro Jahr, Mercedes hat im ersten Halbjahr etwa 1800 Autos verkauft, BMW etwa 1600.

Weil alle mit weiterem Wachstum rechnen, bauen die deutschen Hersteller eigene Produktions- oder zumindest Montagekapazitäten auf: So schraubt Mercedes bereits seit 1995 die E- und inzwischen auch S- und C-Klasse vor Ort zusammen und legte im Sommer 2007 den Grundstein für ein neues Werk, in dem schon bald Kapazitäten für 5000 Autos pro Jahr bereitstehen.

BMW zog nach und eröffnete in Chennai eine Fabrik für jährlich bis zu 3000 3er- und 5er-Modelle. Und auch der VW-Konzern hat Großes vor: Skoda ist bereits seit 2004 mit einer Montage im Land, Audi hat auf dem gleichen Gelände gerade mit der Fertigung begonnen, und 2009 will die Konzernmutter in Pune eine Fabrik für mehr als 100.000 Autos im Jahr in Betrieb nehmen.



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