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Fortschritt durch Fernsteuerung So will Bosch Parkhäuser revolutionieren

Parkhäuser sind die Labyrinthe der Moderne: unübersichtlich und eng. Der Zulieferer Bosch zeigt, wie Autos dort in Zukunft zu ihrem Stellplatz finden - ohne den Menschen, ohne aufwendige Technik für autonomes Fahren.

Die große Plage des Alltagsverkehrs: einparken. Oft ein einziges Hickhack mit anschließender Delle. Moderne Assistenzsysteme vereinfachen die Manöver bereits, aber nur das selbstfahrende Auto verspricht die endgültige Erlösung. Bis die Maschine dem Menschen alles abnimmt, wird es allerdings noch viele Jahre dauern. So lange will der Zulieferer Bosch nicht warten - und testet einen Ansatz, der die Autofahrer zumindest in Parkhäusern von lästigen Pflichten befreit.

In Stuttgart demonstrierte der Zulieferer sein Konzept: Eine E-Klasse fährt im Parkhaus des Mercedes-Museums in eine "Drop-off-Area", die Insassen steigen aus und geben per Smartphone-App den Befehl, das Auto möge nun bitte verschwinden und sich einen Stellplatz suchen. Der Wagen fährt daraufhin von allein los, zirkelt um eine Kurve ins nächste Stockwerk und parkt dort auf einem freien Platz ein. Später wird er wieder per App gerufen und fährt selbstständig an einer "Pick-up-Area" vor.

Ganz neu sind solche Szenarien nicht. In einem Parkhaus in Ingolstadt hat beispielsweise Audi schon vor fünf Jahren gezeigt, wie ein A7 eigenständig über die Parkdecks fährt und rückwärts in eine Lücke einfädelt. Auf der Messe CES in Las Vegas ist ein Chefentwickler des Start-up Faraday Future vor großer Zuschauerkulisse aus einem Prototypen gestiegen und auf die Bühne marschiert, währenddessen suchte sich das Auto von selbst einen Parkplatz. Die dafür nötige Technologie - Ultraschallsensoren, Videokameras, Lidar, Radar und Laser - werden längst serienmäßig in den Oberklassemodellen vieler Hersteller verbaut.

Der Clou an dem jetzt gezeigten System von Bosch: Das Auto braucht zum Einparken keine einzige dieser teuren Technologien. Es wird stattdessen komplett von außen dirigiert.

Das funktioniert so: In dem Parkhaus sind zahlreiche knapp hüfthohe Säulen aufgestellt, jede einzelne hat etwa den Umfang eines Fußballtorpfostens. Sie stehen im Abstand weniger Meter an Wänden und Pfeilern, zwischen Parkbuchten und entlang der Rampen, die die Stockwerke verbinden. In den Säulen sind Lidar-Systeme verbaut, mit denen die Umgebung gescannt wird. So wird festgestellt, wie viel Platz zwischen zwei stehenden Autos ist, ob sich auf dem Weg dorthin ein Hindernis befindet und ob plötzlich ein Mensch oder ein Tier auftaucht. Die Informationen werden per W-Lan-Verbindung an das Auto übermittelt und dort über eine Schnittstelle in Lenk-, Brems- und Beschleunigungsvorgänge umgesetzt.

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Parkhaus der Zukunft: Der Auto-Dirigent

Foto: Bosch & Daimler

Dank dieses Ansatzes, sagt Gerhard Steiger, Vorstand der Chassis Systems Control Division bei Bosch, sei es gelungen, "das fahrerlose Parken deutlich früher als geplant zu realisieren".

"Geht's auch schneller?"

Was Steiger damit meint, erklärt Rolf Nicodemus, der als Leiter des Bereichs "Connected Parking" das Projekt vorantreibt. "Es hieß immer, das Auto muss die Aufgaben selbst lösen", sagt der Mann mit dem grauen Dreitagebart über das Ziel, Fahrzeuge vollautomatisiert einparken zu lassen. Das Problem: Die Technologien fürs autonome Fahren machen zwar einen rasanten Fortschritt, aber trotzdem sind die Herausforderungen immer noch sehr komplex - bei der Weiterentwicklung der Systeme im Auto ist noch Geduld gefragt. Nicodemus selbst nennt das Jahr 2020 als "Zeithorizont".

Er und ein Team hätten sich also die Frage gestellt: "Geht's auch schneller?" - und dann eine Antwort gefunden, "die erst einmal absurd klang". Absurd? "Auf die Idee, die Aufgaben beim autonomen Parken zwischen Fahrzeug und Infrastruktur aufzuteilen, ist vorher noch niemand bei Bosch gekommen", sagt Nicodemus.

Das Prinzip ähnelt jetzt einem ferngesteuerten Spielzeugauto - nur, dass statt eines Menschen ein Computer die Befehle erteilt.

Diese Vorteile soll das System bieten

Bosch verspricht sich von dem System gleich mehrere Vorteile, sowohl für Kunden als auch für Parkhausbetreiber. Und obwohl das Auto - wie es ein Beteiligter am Rande der Präsentation ausdrückte - "von der Sensor-Seite her dumm ist", also in diesem Fall ohne aufwendige Video- oder Radar-Technologie auskommt, soll das Testprojekt auch wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung vollautonomer Fahrzeuge liefern:

  • Auf der Hand liegt der Komfortgewinn für die Autofahrer: Sie sparen sich in Parkhäusern die Suche nach einem Stellplatz. Außerdem müssen sie sich vor und nach dem Parken nicht mehr durch feuchtkalte Labyrinthe mit schummriger Beleuchtung kämpfen.
  • Als "massiven Anreiz" sieht Gerhard Steiger zudem "die Vermeidung von Parkremplern" - heißt, die Einparkkünste der Maschinen sind vertrauenswürdiger als die der Menschen.
  • Statt der teuren Lidar-Systeme will Bosch bei einer möglichen Serienfertigung vergleichsweise günstigere Videokameras nutzen. Kameras böten zudem den Vorteil, nicht in Bodennähe und damit außer Reichweite der Autos platziert werden zu können. Weil die Lidarsysteme aber schon jetzt reif für den Parkhaustest sind und die Videokameras erst noch weiterentwickelt werden, wollte Bosch nicht länger warten. Bei der Frage nach den Kosten hält man sich noch bedeckt: "Der Neubau eines Parkhauses kostet im Schnitt zehn Millionen Euro, der Preis für unser System ist im Vergleich dazu verschwindend gering", meint Nicodemus und will damit wohl vor allem sagen: Die Investition lohnt sich.
  • Steiger betont, dass bestehende Parkhäuser mit dem System nachgerüstet werden könnten. Dort sei dann ein Mischbetrieb von Autos sowohl mit als auch ohne Mensch hinterm Steuer möglich. Steht den fahrerlosen Wagen ein eigener Bereich zur Verfügung, könne die Belegung im Vergleich zu herkömmlichen Parkflächen um bis zu 20 Prozent erhöht werden, weil sich die fahrerlosen Autos enger nebeneinander stellen ließen.
  • Der Service verspricht eine kurze Wartezeit, höchstens fünf Minuten sind angepeilt. Dazu dürfen die Stellplätze allerdings nicht zu weit von der "Pick-up-Zone" entfernt liegen, oder der Befehl zum Vorfahren muss schon auf dem Weg dorthin erteilt werden - momentan schleicht das Auto vorsichtig mit höchstens sechs km/h durch das Parkhaus.
  • Rolf Nicodemus sieht in dem Mischbetrieb einen weiteren Vorteil: "Man kann beobachten, wie Menschen auf selbstfahrende Autos reagieren." Nicodemus hofft auf eine steigende Akzeptanz für solche Technologien. "Die Leute werden sehen, dass diese Autos sicher fahren und sie als etwas Selbstverständliches betrachten".
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Parkhaus der Zukunft: Der Auto-Dirigent

Foto: Bosch & Daimler

Das wäre auch ganz im Sinne von Michael Hafner, der bei Daimler den Bereich "Automatisiertes Fahren" leitet und damit eine der wichtigsten Entwicklungssparten für die Zukunft des Konzerns verantwortet. Die Gegenwart ist bei Daimler und anderen deutschen Autoherstellern derzeit von Abgasskandalen und Selbstanzeigen geprägt, da schien ein Termin wie jetzt im Mercedes-Benz-Museum wie eine willkommene Verschnaufpause.

"Bei der für das Zusammenspiel mit dem Bosch-System notwendigen Technik können wir uns aus dem Regal der Serienfertigung bedienen", sagt Hafner - in Summe seien die wesentlichen Komponenten bereits in fast allen Modellen von Mercedes-Benz verfügbar und benötigten nur entsprechende Software-Änderungen. Voraussetzung ist nur, dass Lenkung, Bremse und Getriebe elektronisch angesteuert werden können. Weiterhin werde das sogenannte Keyless-Go-System benötigt, das die Zugangs- und Fahrberechtigungsfunktionen des Fahrzeugs umfasst, ohne dass sich der Schlüssel an Bord befindet. Die Schnittstelle für den Empfang der Bosch-Befehle lasse sich in ein bestehendes Kommunikationsmodul im Wagen integrieren.

Theoretisch können Neuwagen also jetzt schon für die schöne neue Parkhauswelt ausgerüstet werden, man müsste die Schnittstelle dann nur noch freischalten, wenn es soweit ist. Denkbar wäre das auch als Dienstleistung, die für eine bestimmte Zeit online gebucht wird. "Wir gehen aber davon aus, dass der Kunde diese Funktion als dauerhafte Ausstattung haben möchte", sagte Hafner.

Warten auf die Sondergenehmigung

So schnell wird die Funktion aber nicht im Modell-Katalog als Extra auftauchen. Denn beim automatisierten Parken ist es wie mit vielen anderen Technologien für selbstfahrende Autos: Nicht alles, was bereits möglich ist, ist auch schon erlaubt. Laut dem kürzlich verabschiedeten Gesetz zum autonomen Fahren darf ein vollautomatisiertes System zwar die Kontrolle des Autos übernehmen, aber ein Mensch muss diese aber auch "jederzeit" wieder übernehmen können.

Für den Test im Museums-Parkhaus bedarf es deshalb einer Sondergenehmigung - und die ist noch nicht erteilt. Rolf Nicodemus ist jedoch zuversichtlich, dass der Betrieb wie geplant Anfang 2018 startet und dann bis Ende 2019 läuft. "Wir befinden uns in enger Abstimmung mit den lokalen Behörden und Gutachtern des TÜV Rheinland", sagt er. Die "größte Herausforderung" sei dabei schon bewältigt: "Unser System kann jedes Hindernis erkennen und das Auto dann rechtzeitig abbremsen".

Als kleinstmögliches Objekt habe bei den Simulationen eine Babypuppe gedient. "Falls jemand ein Findelkind im Parkhaus ablegt", sagt Nicodemus.


Zusammengefasst: Bosch will Autos in Parkhäusern automatisch zu freien Stellplätzen dirigieren - und die Fahrer können schon vorher aussteigen. Dabei übernimmt nicht die Radar- oder Videotechnologie im Wagen die Kontrolle, sondern ein System in der Parkhaus-Infrastruktur. Es scannt die Umgebung in dem Gebäude, verbindet sich mit dem Pkw und teilt ihm mit, wo er hinfahren soll. Das Prinzip ähnelt einem ferngesteuerten Spielzeugauto - nur, dass statt eines Menschen ein Computer die Befehle erteilt.

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