Automodelle Nur Luxus kommt weltweit gleich gut an

Die US-Amerikaner lieben Holzinterieur, die Deutschen Alu-Look, in Japan hat ein Auto kompakt und technisch hochgerüstet zu sein, im Mittleren Osten möglichst sandweiß. Aller Globalisierung zum Trotz ist der Geschmack der Autofahrer weltweit grundverschieden.


BMW auf Reisen: US-amerikanische Modelle deutscher Hersteller sind in Deutschland über Re-Import erhältlich
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BMW auf Reisen: US-amerikanische Modelle deutscher Hersteller sind in Deutschland über Re-Import erhältlich

Brühl - Die automobile Vielfalt ist größer denn je. Da Europäer, Japaner und Amerikaner offensichtlich einen grundverschiedenen Geschmack und deshalb auch einen sehr unterschiedlichen Fuhrpark haben, müssen sich die Automobilhersteller auf die regionalen Vorlieben und die jeweiligen Gesetze einstellen.

Nur die so genannten Premium-Marken müssen dabei kaum unterscheiden: "Weil Luxus rund um den Globus gleich gut ankommt, können Marken wie BMW, Mercedes oder Audi überall die gleichen Autos verkaufen und müssen diese nur in Nuancen verändern", erklärt der europäische Marketingvorstand von Nissan, Mario Canavesi. Andere Hersteller dagegen müssen sich näher am regionalen Geschmack der Kundschaft orientieren.

"Zwar gibt es vor allem in Nischen wie bei Roadstern und Geländewagen immer mal wieder Autos, die wir auch auf allen Märkten verkauften können", sagt Canavesi. Doch die Schnittmenge der Märke sei eher gering. Wer die breite Masse ansprechen möchte, der muss sich den vorherrschenden Geschmacksmustern anpassen. Deshalb gibt es für jede große Region eigene Modelle, die in eigenen Designstudios entworfen und oft sogar in lokalen Fabriken produziert werden.

Für Japaner klein und kompakt

So hat Nissan im weltweiten Portfolio nach Angaben der deutschen Zentrale in Brühl fast 40 Modellreihen. In Europa aber werden davon nur etwa ein Dutzend angeboten. Und auch in Japan oder den USA gebe es nicht alle Modelle auf einmal. Die Ausprägungen seien dabei mitunter sehr deutlich: Während es doch hin und wieder Gemeinsamkeiten zwischen Europa und Asien gebe und deshalb einige Modelle hier wie dort gut ankämen, tickten die automobilen Uhren in den USA noch immer anders, sagt Canavesi.

Nissans Modellpalette: Von weltweit fast 40 Modellreihen werden in Europa etwa ein Dutzend angeboten
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Nissans Modellpalette: Von weltweit fast 40 Modellreihen werden in Europa etwa ein Dutzend angeboten

Weil Kraftstoffverbrauch in den USA kaum eine Rolle spielt und es Platz im Überfluss gibt, sprengen Motoren und Formate nach wie vor den europäischen Rahmen. Für Japan macht Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen auf Grund der räumlichen Enge vor allem den Bedarf an sehr kompakten Fahrzeugen und wegen steuerlicher Sonderregelungen den Hang zu kleinen Motoren aus. "Dort liegt Marktpotenzial, das Amerikaner und Europäer wegen ihrer fehlenden Angebote nicht erobern können."

Auch die Anbieter in den gehobenen Preissegmenten können keine weltweite Einheitsware verkaufen. Zwar bedarf es bei Mercedes oder BMW offensichtlich keiner speziellen Modelle für die USA oder Japan. Doch mit den gesetzlich vorgeschriebenen Änderungen etwa an der Abgasanlage oder der Beleuchtung ist es auch dort nicht getan. So müssen sie nach Angaben von Audi-Sprecher Udo Rügheimer zum Beispiel auch die jeweiligen Kraftstoffqualitäten berücksichtigen und deshalb auf vielen Märkten etwas weniger weit entwickelte Motoren einbauen.

BMW 7er nur mit langem Radstand

Der Dieselmotor wird nach Angaben von BMW-Sprecher Alfred Broede weder in Asien, noch in Nordamerika offensiv vermarktet. Andere Änderungen unter dem Blech sind die Schlechtwegefahrwerke für viele Marktregionen, ergänzt Audi-Sprecher Jürgen de Graeve. Und von BMW in München und von Mercedes in Stuttgart kommt der Hinweis, dass Luxusmodelle wie S-Klasse oder der 7er auf anderen Kontinenten oft nur in der Version mit langem Radstand verkauft werden.

Deutliche Unterschiede zeigt der globale Geschmack auch bei Farbe und Ausstattung. "Während wir in Deutschland zum Beispiel beim Cayenne nur etwa 20 Prozent der Fahrzeuge innen mit Holz auslegen, ist der Anteil in den USA fast doppelt so hoch", sagt Porsche-Sprecher Stefan Marschall. Den Alu-Look dagegen bestellen nur 13 Prozent der Amerikaner und 41 Prozent der Deutschen. Bei den Außenfarben registriert Porsche ebenfalls große Unterschiede: Während in Deutschland nur 3 von 100 Cayenne in Sandweiß ausgeliefert werden, gehen immerhin 9 nach Japan, 11 nach Lateinamerika und stolze 30 in den Mittleren Osten.

Darüber hinaus geben sich Japaner nach Angaben von Audi-Sprecher de Graeve auch beim Auto oft Technologie-besessen. "Deshalb liefern wir nach Tokio nur sehr hochwertig ausgestattete Fahrzeuge mit aufwändigem Bose-Soundsystem, 100 Prozent Tempomat, 100 Prozent Navigation und 100 Prozent Bordcomputer."

Kombi in Asien Nischenprodukt

Allerdings hat die hohe Ausstattung im Ausland laut Audi-Sprecher Rügheimer auch einen technischen Grund: Während europäische Kunden ihren Wagen quasi erst nach der Bestellung individuell montiert bekommen, müssen Käufer auf anderen Kontinenten mit einer geringeren Auswahl und einer vorsortierten Modellpalette vorlieb nehmen, damit die Lieferzeiten nicht zu lang werden. Zumal etwa der Kunde in den USA offensichtlich wenig Geduld hat: "Dort ist niemand bereit, lange Wartezeiten in Kauf zu nehmen", erklärt BMW-Sprecher Broede. "Der Kunde kauft seinen Wagen aus dem Showroom heraus."

Audi TT Cabriolet in der US-Version: Kauf aus dem Showroom
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Audi TT Cabriolet in der US-Version: Kauf aus dem Showroom

Auch die Vielfalt der Karosserievarianten kennt man außerhalb Europas kaum. "Beispielsweise der Kombi hat nur in Europa eine breite Akzeptanz", sagt Broede. In allen anderen Märkten, besonders in Asien sei er ein absolutes Nischenprodukt. Dort werden, nicht nur von BMW, hauptsächlich Limousinen und Coupés verkauft. Selbst Cabrios sind nicht überall der Renner. So kommt zum Beispiel bei Porsche in Deutschland auf einen geschlossenen auch ein offener 911. In Japan dagegen wollen neun von zehn Kunden den tristen Himmel allenfalls durch das Schiebedach sehen.

Von Thomas Geiger, gms



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