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Autonomes Fahren: Halbautomatisch rund um Göteborg

Foto: Volvo

Pilotprojekt "Drive Me" Geisterfahrt in Göteborg

Autonomes Fahren ist das große Zukunftsthema der Autobranche, nun springt auch Volvo auf den Trend auf. Bis 2017 soll eine Testflotte selbstständig auf dem Autobahnring um Göteborg fahren können. Eine erste Demonstration der Technik verlief jedoch enttäuschend.

Susanne Planath hat mit Technik wenig am Hut. Die junge Frau aus Göteborg arbeitet bei der schwedischen Verkehrsbehörde und kümmert sich dort um die Bevölkerungsentwicklung und deren Folgen. Neuerdings allerdings muss sie sich mit einer der kompliziertesten Technologien befassen, die der moderne Verkehr zu bieten hat. Ihr Büro ist Partner in einem Projekt, das autonomes Autofahren zu etwas Alltäglichem machen soll. Und zwar im öffentlichen Straßenverkehr.

Spätestens ab 2018 sollen hundert Volvo-Modelle mit ganz normalen Insassen per Autopilot durch Göteborg fahren. Es ist das weltweit größte und weitreichendste Projekt, das zum Thema autonomes Fahren läuft.

Warum das Ganze? Die Forscher erhoffen sich für Göteborg weniger Stau und mehr Lebensqualität, weniger Abgase und mehr Sicherheit - und mittelfristig mehr Platz für Parks und Spielplätze. Wenn Autos autonom fahren, können die Sicherheitsabstände kleiner werden und die Straßen schmaler. Wenn sie obendrein autonom einparken, dann passen viel mehr Autos in ein Parkhaus, das im Idealfall auch nicht im Zentrum, sondern am Stadtrand stehen könnte. Den Weg dorthin und wieder zurück würde der Wagen schließlich ganz alleine schaffen.

Das Ziel: null Verkehrstote

Vom ersten Tag an dabei ist Anders Eugensson, ein Sicherheitsexperte von Volvo. Seine Motivation: "Ab 2020 soll niemand mehr, der in einem neuen Volvo unterwegs ist, bei einem Unfall getötet oder schwer verletzt werden." Zudem werde das autonome Fahren den Nutzern etwas weiteres Wertvolles bringen, nämlich Zeit. "Heute empfinden wir jede Minute im Stau oder im Berufsverkehr als einen Verlust. In einem autonom fahrenden Auto, in dem man E-Mails checken, Zeitung lesen oder sich einfach zurücklehnen und entspannen kann, wird daraus ein Gewinn."

Wenn man Planath und Eugensson so reden hört, dann ist man fast versucht, nach Göteborg zu ziehen und sich als Teilnehmer für das Projekt "Drive Me" zu bewerben.

Doch dann plaudert ein Entwickler wie Mikael Thor quasi über das Kleingedruckte. Zum Beispiel, dass "Drive Me" wohl erst mal nicht bei Dunkelheit oder Dämmerung, bei richtig schlechtem Wetter oder Schnee funktionieren wird - drei Zustände, die in einer schwedischen Stadt ziemlich oft vorherrschen. Außerdem ist das Projekt erst einmal auf die Stadtautobahn beschränkt, einen etwa 50 Kilometer langen Ring um Göteborg. Dort gibt es bislang die meisten Staus - und dort lässt sich das pilotierte Fahren auch am einfachsten realisieren. Thor sagt: "Es gibt keinen Gegenverkehr, keine Kreuzung und keine Fußgänger."

Überzeugende Pläne, enttäuschende Testfahrt

Vom Traum des vollautonomen Fahrens ist der Testbetrieb also noch ein Stück entfernt, dafür begnügen sich die Fahrzeuge weitgehend mit der Technik aus den Serienmodellen. "Alle Sensoren, die fürs autonome Fahren nötig sind, sind Standardware. Wir brauchen lediglich eine neue Software und eine sehr viel detailliertere digitale Straßenkarte", sagt Thor.

Hört sich einfach an, ist es aber offenbar nicht. Zwar schaltet der Entwickler bei der Testfahrt kurz nach dem Losfahren den Autopiloten ein und nimmt die Hände vom Lenkrad, doch so richtig rund läuft die Sache noch nicht: Weil dem Auto seitliche Kameras und Sensoren fehlen, kann es weder selbstständig überholen, noch die Spur wechseln. Und sobald die Fahrbahnmarkierungen blasser werden oder unterbrochen sind, wird Thor sichtlich nervös. Ebenso, wenn kurz vor dem Testwagen ein anderes Auto einschert, und der Prototyp die Orientierung zu verlieren droht. Bei den zwei Autobahnknoten auf der Route ist der Bordcomputer dann komplett aufgeschmissen und Thor muss wieder das Lenkrad übernehmen. "Bis 'Drive Me' startet, haben wir ja noch drei Jahre", sagt der Entwickler entschuldigend.

Dass die Volvo-Leute ihrem System misstrauen, wird auch beim anschließenden Selbstversuch deutlich. Auf einem großen, leeren Parkplatz dürfen die Journalisten mal auf dem Fahrersitz Platz nehmen, während der Prototyp im flotten Schritttempo auf gerader Linie einem Führungsfahrzeug folgt. Jede Autobahnfahrt mit serienmäßigem Abstandregeltempomat und Spurführungsassistent ist spannender. Und Testfahrten wie zuletzt mit dem Google-Auto im Silicon Valley, im Lexus durch Tokio oder mit einer S-Klasse der Mercedes-Forscher auf der Bertha-Benz-Route sind deutlich beeindruckender gewesen.

Der Traum vom E-Mail-Checken im Auto

Thor weiß natürlich, dass Modelle von Mercedes und BMW längst automatisch im Stau mitfahren können und damit dem aktuellen Volvo-System mindestens ebenbürtig sind. Doch während man bei den deutschen Nobelmarken schon von Gesetz wegen immer die Hände am Lenkrad lassen muss, will Volvo bis 2017 die nächste Phase starten. "Dann kann der Fahrer tatsächlich das Kommando abgeben, sich zurücklehnen und die Zeitung lesen. So geben wir im verlorene Zeit zurück", behauptet Ingenieur Thor.

So gesehen hat das autonome Fahren in und um Göteborg selbst im eingeschränkten Rahmen dieses Forschungsprojekts durchaus Charme und Volvo wird rasch die hundert Probanden finden, die bei "Drive Me" mitmachen sollen. Doch überzeugend ist bis jetzt allein die Vision. Und damit die in drei Jahren tatsächlich Realität werden kann, müssen die Projektmitarbeiter noch eine ganze Menge Probleme lösen.

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