Autos für Hollywood Filmautos wie am Fließband

In manchen Filmen bleibt für Schauspieler nur eine Nebenrolle. Vor allem wenn Hollywood-Legende George Barris mitmischt. Barris baut Filmautos, und wenn die durchs Bild rasen, stehlen sie allen anderen Darstellern die Schau. SPIEGEL ONLINE besuchte den Auto-Star-Macher.


Bescheidenheit ist keine Stärke von George Barris. Wenn er in seiner Werkstatt am Riverside Drive in North Hollywood Gäste empfängt, lässt er sie zunächst mal warten. Erst wenn der grellgelbe Blouson aus Ballonseide sitzt, die goldene Sonnenbrille das halbe Gesicht verdeckt und sich der Meister richtig in Szene gesetzt hat, kann die Audienz beginnen. Schließlich ist Barris nicht irgendein Schrauber, sondern nennt sich selbst ganz ungeniert King of Kustumozing. Ganz falsch ist das nicht, denn angeblich gibt es keinen Hollywood-Film und kaum eine US-Fernsehserie, die er nicht mit Autos ausgestattet hätte. Oft waren seine Modelle so spektakulär, dass sie die eigentlichen Stars der Streifen zu Komparsen degradierten.

"Was wären die Batman-Filme ohne das Batmobil?", fragt Barris und zeigt auf das wichtigste Auto seiner mehrere tausend Fahrzeuge langen Karriere: Die schwarze Flunder im Fledermausdesign auf Basis eines Lincoln Futura für die gleichnamige TV-Serie, mit der in den sechziger Jahren alles ins Rollen kam. Zwar platzierte der Wagenmeister von Hollywood schon vorher Autos im Kino - etwa die Hotrods im Kultfilm "Highschool Confidental" von 1958.

Zum Helden wurde er jedoch mit dem Batmobil, und jede Woche trafen neue Bestellungen ein: Das Auto für die Monster Family, den Van für das A-Team, den GMC von Colt Seavers, oder KITT, den Trans Am von Michael Knight in Knight Rider; James Bond, die Cannonball-Filme, die Monkeys und viele amerikanische Krimiserien von Magnum bis Starsky & Hutch – Barris hatte über die Jahre gut zu tun. Dass dabei bisweilen über Barris' Mitwirken an Autos wie dem De Lorean aus "Zurück in die Zukunft" oder dem Ecto-1 der Ghostbusters gestritten wird, gehört mit zum Geschäft. So läuft es halt in einer Branche, in der Großsprecherei zum Handwerkszeug gehört.

Das weiß keiner besser als Barris, der auch weit nach seinem 80. Geburtstag noch immer Strippen zieht. "Erst im vergangenen Jahr habe ich das Auto für die Comic-Verfilmung 'Speedracer' gemacht", erzählt er strahlend. Gemessen am Batmobil war das allerdings eine leichte Übung. "Früher mussten die Autos die Kunststücke auch wirklich können", erinnert sich der Tuning-König. "Egal ob die Regisseure Nebelwerfer, ausfahrbare Rammböcke, die Flammen eines Düsentriebwerks oder Bremsfallschirme wollten – wir haben es eingebaut." Heute dagegen werden Rauch und Flammen am Computer gemacht. "Viele der Filmautos haben nicht mal mehr einen Motor", erzählt Barris. Auch der Speedracer war nur eine Schaumstoffhülle, die er ins Animantionslabor nach Deutschland schickte.

Die Türknöpfe vom Schlafzimmerschrank am Buick

Barris war schon als Jugendlicher verrückt nach Autos. Noch bevor er einen Führerschein besaß, verzierte er den Buick seiner Stiefmutter. "Mit den Türknöpfen des Schlafzimmerschranks und Farben aus dem Baumarkt", erinnert er sich. Mit 18 zog er nach Los Angeles und erfand dort mit seinem Bruder Sam in den vierziger Jahren das, was die Amerikaner heute Customizing nennen: Autos schöner, schneller, individueller machen. "Damals haben wir Hot-Rods gebaut, später Muscle-Cars veredelt, und jetzt tunen wir den Smart oder Hybridautos wie den Prius." Den fährt Barris auch selbst - in Gold und mit Flügeltüren.

George Barris stattete nicht nur Filme aus; er entwarf auch die Gitarren für die Rockband ZZ Top, gestaltete Spielzeuge, gestaltete Fahrräder und tunte sogar Motorschlitten. Außerdem kümmerte er sich um die Fuhrparks von Elvis, Bob Hope, Sonny und Cher oder John Lennon und Yoko Ono. Auch Frank Sinatra fuhr mal einen eigenwilligen Mustang Marke Barris, der innen großflächig mit Zebrafell bezogen war und im Fußraum sogar einen Fernseher hatte – groß wie eine Getränkekiste. Eine der schärfsten Kreationen war jedoch der von einer Corvette abgeleitete Barrister für Schauspielerin Bo Derek.

Wo Hollywoods bekannteste Autos parken

Heute steht die Autos, zusammen mit zwei Batmobilen, einem rasenden Leichenwagen, einer Ausgabe von KITT und einer Replika des legendären James-Dean-Porsches in seiner Zentrale in Hollywood, von der aus Barris fünf Filialen in den USA, Niederlassungen in London und Japan und eine handvoll Museen leitet. Zwar wird im Hinterhof noch immer geschraubt, gedengelt und lackiert. Aber sein Showroom ist längst ein Paradies für Filmfans, in dem auch der letzte Quadratzentimeter Wandfläche mit Kinoplakaten, Fotos vom Set und Autogrammkarten oder Danksagungen tapeziert ist.

Heiligtum der Sammlung ist Barris' Büro, in dem er seine Gäste empfängt und sich bereitwillig in Pose wirft. Kaum größer als eine Besenkammer, ist der Arbeitsplatz ein Schrein des schönen Scheins, in dem sich bis unter die Decke tausende von Modellautos und andere Devotionalien stapeln. Dazwischen stehen hunderte von Pokalen und Statuen, die er bei Preisverleihungen für seine Autos eingesammelt hat. Nur eine Trophäe fehlt ihm noch: Ausgerechnet dem PS-Helden von Hollywood blieb der Oscar bislang versagt. Barris kommentiert das mit einem James-Bond-Titel: "Sag niemals nie."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.