Zukunft des Autos Es geht App

Das Internet kommt in Bewegung. Ab 2017 werden vier von fünf Neuwagen mit Netzzugang ausgeliefert. Für die Autobauer heißt das umsteuern.

Total vernetzt: Google-Manager Eric Schmidt sitzt im Forschungsauto des IT-Riesen
AFP

Total vernetzt: Google-Manager Eric Schmidt sitzt im Forschungsauto des IT-Riesen

Von Margret Hucko


Ein Kilo Tomaten, zwei Kästen Bier - darauf fünf Prozent Rabatt und zehn Minuten gratis Parken. Wer mit einem Mini oder BMW von DriveNow, dem Carsharing-Unternehmen von BMW und Sixt unterwegs ist, wird durch Preisnachlässe zum Einkaufen bei Rewe verführt.

Wie das? Ganz simpel: Durch Werbung, eingeblendet auf dem Bildschirm des Bordcomputers. Sobald eines der DriveNow-Autos einen imaginären Kreis von 150 Metern rund um einen der 450 Rewe-Supermärkte in Deutschland durchbricht, lockt der Slogan: "Sichern Sie sich jetzt fünf Prozent Sofortrabatt".

Für Moritz Pawelke, Global Executive for Automotive beim renommierten Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG, ist das der simpelste Vorbote eines Zukunftsmodells. Autohersteller werden Kooperationen mit branchenfremden Dritten eingehen müssen, um im Kampf gegen neue Konkurrenten bestehen zu können. Denn das eigentliche Geschäft werde künftig mit Daten aus dem Fahrzeug gemacht - nicht mehr mit dem Auto selbst.

Das Internet kommt ins Auto

Das lockt neue Unternehmen an. So erwägen die IT-Riesen Google und Apple, künftig in das Geschäft rund um die Mobilität einzusteigen. Dass Google oder auch Apple im großen Stil Autos bauen wollen, hält Pawelke für äußerst unwahrscheinlich. "Sie wollen vor allem mit ihren Dienstleistungen und Apps in das Fahrzeug, um die wertvollen Fahrzeug- und Kundendaten abzugreifen."

Ihre Eintrittschancen in den Markt stehen nicht schlecht. Denn das Auto wird zunehmend vernetzt und gleicht einem Computer auf Rädern. Das Internet kommt ins Auto - und damit das Auto ins Internet. Bereits im Jahr 2017 werden weltweit vier von fünf Autos, die neu vom Band laufen, eine direkte Verbindung ins Netz haben, prognostiziert der Verband der Automobilindustrie (VDA). Zahlreiche Sensoren kommunizieren im Fahrzeug miteinander, Schnittstellen mit mobilen Endgeräten transportieren Daten nach außen. Kurz: "Das Auto ist mit all seinen Verbindungen eine gigantische Datengenerierungsmaschine", so Pawelke und nimmt auf aktuelle Studienergebnisse der KPMG Bezug.

Interesse an Informationen, ob der Fahrer zu unfallträchtigen Stoßzeiten fährt oder auch bei Glatteis kräftig aufs Gaspedal drückt, haben auch Versicherungen wie die Allianz. Ab dem nächsten Jahr wird die Versicherung der Konkurrenz nachziehen und mit einem Telematik-Tarif starten. Allianz-Vorstandschef Alexander Vollert nimmt dabei vor allem junge Fahrer bis 25 Jahre ins Visier.

Ein virtueller Datenmarktplatz soll entstehen

Diese Gruppe verursacht die meisten Unfälle. Gewährt der junge Autofahrer der Versicherung beispielsweise via Blackbox oder Smartphone Einblick in sein Fahrverhalten, wird er bei entsprechender Fahrweise mit einem günstigen Tarif belohnt. Auch der Datenaustausch mit Dritten durch eine Schnittstelle direkt im Auto ist möglich.

Das hält der Allianz Chef aus Gründen der Datensicherheit für gefährlich. Aus seiner Sicht sollten die Daten auf einer externen Plattform außerhalb des Autos abgelegt werden, um sie vor Hackerangriffen zu schützen.

Er fordert einen virtuellen Datenmarktplatz, auf dem alle interessierten Unternehmen Informationen über den Fahrer erhalten können - vorausgesetzt der Kunde stimmt zu, Motto: "Mein Auto, meine Daten. Wenn ich einen Computer kaufe, dann gehören die Daten ja auch nicht dem Festplattenhersteller", sagt er. Es dürfe kein Datenmonopol durch die Autobauer geben.

Wer wird Gridmaster?

Aber warum sollte der Kunde Versicherern oder Konsumgüterherstellern den Zugriff auf seine Daten erlauben? Weil der Kunde von dem Datenhandel profitieren würde, glaubt Moritz Pawelke - durch Preisnachlässe oder günstigere Tarife. Im Extremfall würde nicht mehr der Fahrer sein Auto bezahlen, sondern die verschiedenen Kooperationspartner - ähnlich wie bereits in anderen Bereichen des Lebens, wo beispielsweise Werbung das Programm im Privatfernsehen ermöglicht. Nur, dass die Dienstleistungen im Auto stark personalisiert sein müssen, damit der Kunde nicht entnervt die S-Bahn der S-Klasse vorzieht.

Beispiel: Fahrer einer Premiumkarosse interessieren sich potenziell auch für teure Taschen oder Accessoires. So könnten Autohersteller ihre Kunden auf dem Heimweg von der Arbeit mit Sonderangebot in Boutiquen locken. Durch ein solches Partnermodell würde der Autobauer neue Umsätze generieren - komplett abseits des Autos.

Dafür bedarf es nach Ansicht von Pawelke eines "neuen Rollenverständnisses" der Automobilunternehmer. Die seien derzeit noch sehr fokussiert auf die Technik oder das Produkt und weniger auf den Kunden. Dieser werde in Zukunft aber nur einen zentralen Partner im Auto akzeptieren, der ihm Lösungen und Angebote in Echtzeit anbieten kann. Der sogenannte Gridmaster weiß, welche Vorlieben der Kunde hat. Keinen anderen lässt der Fahrer an sich heran. Doch wer wird der Gridmaster? Können die Autohersteller gegenüber den Größen aus dem Silicon Valley bestehen?

Vertrauen in den Lebensretter

"Voraussetzung für das datenbasierte Gridmaster-Geschäftsmodell ist eine starke Marke und ein hohes Kundenbindungspotenzial", sagt Pawelke. Schaffen die Autobauer es, beispielsweise durch ihre lebensrettenden Sicherheits- und Fahrerassistenzsysteme eine starke Bindung zum Kunden aufzubauen, vertrauen sie diesen womöglich auch eher ihre Daten an als den Internet- oder Tech-Firmen aus den USA.

Verspielen die Hersteller diese Chance, besteht die Gefahr, zum bloßen Lieferanten der Hardware degradiert zu werden - während Google oder Apple den Fahrer mit Angeboten und Dienstleistungen bedienen.



insgesamt 42 Beiträge
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AundZwanzig 03.10.2015
1. Ein völlig autonomes E-Car wird also keine Dreckschleuder...
...mehr sein, sondern eine Spam-Schleuder ;-) Bin ja mal gespannt, was sich die Werbeindustrie alles so einfallen lassen wird... - vielleicht sitzt man ja im Google-ähnlichen Auto und laufend hört man eine nicht legal(!) unterbrechbare Streckenführung - nicht die Orte werden genannt, sondern die Geschäfte auf der Strecke. Die spinnen, die {x| x ist daran beteiligt}
schmidti43 03.10.2015
2. Als Autobauer-Manager
würde ich die gesamte Abteilung, die sich mit diesem IT-Quatsch beschäftigt ausgliedern. Das hat schon bei Fernsehern nicht geklappt, warum sollte gerade in einem Auto die große Internet-Revolution stattfinden?
Dieter Sonnenschein 03.10.2015
3. Schon beim bloßen Gedanken daran...
...überkommt mich die Krätze. Der ganze Sch.... ist hier absolut unerwünscht.
blacksmart 03.10.2015
4. Völlig Rückständig....
..sind die bisherigen Äußerungen. 1. ist die junge Generation genau darauf fixiert 2. werden Google und Apple selbstverständlich in die Produktion einsteigen. Der Markt besonders innerhalb der Städte ist gigantisch. Tesla hat gezeigt, dass man kein alteingesessener Fahrzeughersteller sein muss, um die Welt umzukrempeln!
optism 03.10.2015
5.
Naaaja, besonders gekrempelt hat Tesla aber nicht, ein paar Elektro-Luxuskarren sind genau kein Durchbruch. DIe meisten, die einen Tesla fahren haben ganz sicher noch andere fette Autos in den Garagen stehen. Aber zum Thema, Autos mit Netzanschluss wären ja theoretisch eine Segnung, so wie der Hase heutzutage aber läuft ist sicher, wo das hinführt. Personalisierte Werbung, Tracking durch Hersteller (und Behörden) und eine (theoretische) andauernde Eingriffsmöglichkeit sind nur die Spitze des Eisbergs. So wie Apple jederzeit das Iphone lahmlegen oder löschen kann, kann dann eben der Hersteller das Auto lahmlegen. Aber wird wieder keinen stören, "man hat ja nichts zu befürchten". Wegen der weißen Weste und so. Und wer sich in ein autonomes Auto setzen will, das nicht einmal die Möglichkeit bietet selbst zu fahren, hat für mich sowieso den Schuss nicht gehört.
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