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Renault-Studie Trezor: Klappt ganz gut

Foto: Renault

Renault-Studie Trezor Die Revolution ist verschoben

Früher bedeutete jeder Modellwechsel bei Renault ein komplett neues Design, doch jetzt will Chefgestalter Laurens van den Acker auf Kontinuität setzen. Davon kündet ausgerechnet eine abgefahrene Studie auf dem Pariser Autosalon.

Wenn Autodesigner auf Messen ihre Konzeptwagen enthüllen, ist in der Regel mindestens von einer gestalterischen "Revolution" die Rede. Doch Renaults Designchef Laurens van den Acker kommentiert seinen neuesten Entwurf seltsam nüchtern: "Die Revolution ist, dass es diesmal keine Revolution gibt."

Steht man dann vor der Sportwagenstudie namens Trezor, die gerade ihr Debüt auf dem Pariser Autosalon gibt, ist man von van den Ackers Einschätzung noch mehr überrascht: Denn der elektrisch angetriebene Trezor ist ein komplett neues Konzept voll faszinierender, futuristischer Details. Dazu gehören zum Beispiel das riesige Computer-Cockpit voll gleißender OLED-Displays, die Rückleuchten aus laserbeflammten Glühfäden und natürlich das Dach, das sich wie eine Austernschale aufklappt.

Was hat es also mit den zurückhaltenden Worten von Renaults Designchef auf sich?

Um die Tiefstapelei zu verstehen, muss man ein früheres Konzeptauto der französischen Marke kennen - den Renault Dezir. Wer sich beim Anblick des Trezor an den Dezir erinnert fühlt, dem ist van den Acker nicht böse. Denn im Grunde ist der Trezor ein gründliches Facelift genau jener feuerroten Flunder, mit der van den Acker 2010 seinen Einstand bei Renault feierte. Hier ist ein Foto zum Vergleich:

Renault DeZir aus dem Jahr 2010

Renault DeZir aus dem Jahr 2010

Der Dezir stand damals am Beginn eines neuen Modellzyklus, in dem der Niederländer die gesamte Renault-Palette erneuert hat. Sechs Jahre später sind die von van den Acker gestylten Autos Twingo, Clio, Capture, Mégane, Scénic und Espace auf der Straße. Mit dem Trezor beginnt der Reigen nun von vorn - aber nur behutsam verändert.

"Ein Privileg, das bislang vor allem die deutschen Hersteller hatten"

Van den Acker spricht also von "Evolution statt Revolution" - und preist diese kleinen Schritte als großen Fortschritt für eine Marke, die bislang beim Design von einem Extrem ins andere gefallen ist. Zum Beispiel beim Mégane, der unter seinem Vorgänger Patrick le Quément mal das Enfant terrible der Kompaktwagenklasse gab und dann wieder langweiliger wurde als ein VW Golf. Oder beim Twingo, der die Stadtjugend erst mit seinem Charme aufgeweckt und in der zweiten Generation glatt wieder eingeschläfert hat.

Solche Wechselspiele sind für van den Acker jetzt vorbei. "Zum ersten Mal können wir auf ein bestehendes Design aufbauen und müssen die Welt nicht mit jeder Modellgeneration neu erfinden", sagt der Designchef. "Das ist ein Privileg, das bislang vor allem die deutschen Hersteller hatten."

Ein langfristiger Plan

Dass Renault in den Jahren davor das Pendel so weit schwingen ließ, hat für van den Acker vor allem drei Gründe. Jedes Modell sollte seine eigene Persönlichkeit haben, das war wichtiger als die Marke. Renault war als Marke stark und bekannt genug, eine durchgängige Identität hielt niemand für nötig. "Vielleicht lag es aber auch daran, dass dem Franzosen die Revolution einfach im Blut liegt", sagt der Niederländer mit einem Schmunzeln.

Nur: Diese Strategie funktionierte mehr schlecht als recht. Als van den Acker vor sieben Jahren von Mazda nach Paris wechselte, war das Image der Marke im Sinkflug. Außerhalb Europas war Renault zudem weitgehend unbekannt.

Laurens van den Acker

Laurens van den Acker

Foto: Angelika Emmerling

Der neue Kreativchef hat der Marke deshalb eine neue Identität und allen Modellen ein gemeinsames Gesicht gegeben, das vor allem von der prominent platzierten Raute und den markanten Lichtsignaturen lebt. Dass er daran festhalten will, hat im Wesentlichen zwei Gründe.

Zum einen streben Renaults Imagewerte in Europa langsam wieder nach oben. Die Marke kann aber nur weiter vom Ansehen einzelner Modelle profitieren, wenn diese klar als Renault erkennbar sind. Zum anderen läuft der neue Zyklus im Ausland gerade erst an. "Während in Frankreich oder Deutschland jetzt alle Renaults zusammenpassen, sind in Russland oder Brasilien erst wenige der neuen Modelle auf dem Markt," gibt van den Acker zu bedenken. "Wenn wir jetzt eine neue Linie einführen würden, wäre alles umsonst." Seine Chefs hat er darauf schon eingestimmt: "Nicht umsonst habe ich meine Strategie beim Amtsantritt auf 15 Jahre ausgelegt statt nur auf den ersten Modellzyklus."

Vorsicht vor der Audi-Falle

Auch wenn van den Acker die Politik der kleinen Schritte pflegt, will er sich keine Mutlosigkeit vorwerfen vorlassen. Nicht bei Studien wie dem Trezor mit der endlos langen Haube, in der sich Lüfterklappen wie die Kiemen eines Haifischs öffnen, mit der roten Panoramaverglasung in der Kanzel oder dem feuerroten Innenraum, der sich unter dem offenen Dach präsentiert wie ein Kleinod in einer Schmuckschachtel - wie hier im Video zu sehen ist:

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Erst recht verteidigt van den Acker aber das Aussehen seiner Serienmodelle. Ja, Fahrzeuge wie der neue Kadjar seien natürlich evolutionär. Alle Welt schreit nach kompakten Geländewagen, Renault wäre schlecht beraten, in diesem Segment etwas anderes als ein klassisches Cross-over anzubieten. Aber in Segmenten, in denen mit den bewährten Methoden nichts mehr zu holen sei, da dürften die Sprünge dann doch ein bisschen größer sein. Vans wie der neue Scénic zum Beispiel, den er serienmäßig auf 20-Zoll-Räder gestellt hat, findet van den Acker, haben durchaus einen revolutionären Charakter. Genau wie der große Bruder Espace.

Van den Acker weiß, dass dieser Kurs mit eher kleinen Änderungen nicht ohne Risiko ist. Mindestens eine weitere Modellgeneration will er das aber noch durchziehen. Marken wie Audi gelten ihm dabei eher als Vorbild denn als Fanal.

Natürlich kennt van den Acker die Kritik an der Verwechselbarkeit der Ingolstädter Modelle. Doch die Angst vor dieser Audi-Falle wischt er mit einer feinen Ironie beiseite. "Wenn ich mir anschaue, welche Entwicklung Audi in den letzten 20 Jahren bei Image und Absatz gemacht hat, denn gehe ich so ein Risiko gerne ein", sagt van den Acker.

Denn auch für einen Designer ist die schönste Linie keine Sicke im Blech oder keine Lichtkante im Lack, sondern eine aufsteigende Absatzkurve.

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