Autowaschanlage Geisterbahn der sechziger Jahre

Rund ein Viertel aller Autobesitzer waschen einer Umfrage zufolge ihren Wagen einmal die Woche. Die Fahrt durch eine Waschstraße kann es nicht sein, die zu diesem Sauberkeitszwang führt: Sie ist meist kein Vergnügen.


Autobesitzer: Allein gelassen in den Wirren einer Waschstraße
GMS

Autobesitzer: Allein gelassen in den Wirren einer Waschstraße

Frankfurt/Main - 27 Prozent der männlichen Autobesitzer gönnen ihrem Liebling mindestens einen wöchentlichen Badetag. Bei den Frauen sind es 22,5 Prozent, so eine Statistik der Sachverständigen-Organisation Dekra in Stuttgart. Diese Zahlen sind umso erstaunlicher, wenn man die Begleitumstände der Autowäsche bedenkt: "Eine Fahrt durch die Waschstraße gleicht oft einer Fahrt durch die Geisterbahn", sagt Alfred Fuhr vom AvD-Institut für Verkehrssoziologie (AIVS) in Frankfurt. "Nerven und Kleidung werden einer schweren Prüfung unterzogen."

AIVS-Mitarbeiter haben im Rahmen einer Studie 200 Kunden von Waschstraßen und so genannten Portalanlagen an Tankstellen beobachtet und dabei typische Schwachstellen der Automaten aufgedeckt. "Das Dienstleistungsverständnis vieler Betreiber ist in den sechziger Jahren stehen geblieben", beklagt Fuhr. Das Elend beginnt demnach oft schon bei der Hinterhof-Atmosphäre und dem Erscheinungsbild vieler Anlagen. Durch einen Mangel an Hinweisen und Wartespuren kann es zu Drängeleien unter den Waschkunden kommen. "Schilder wie 'Bitte erst anstellen und dann Karte kaufen' fehlen", bemängelt Fuhr.

Schilder gibt es dann bei der Einfahrt in die Waschanlage zwar in Hülle und Fülle. Entscheidende Hilfestellungen bleiben aber aus. So fällt es vielen schwer, die schmalen Mitziehspuren der automatischen Förderanlagen zu treffen oder das Auto mittig zwischen den Bürsten zu platzieren. Angebote, das Auto durch Bedienstete in die richtige Position bringen zu lassen, seien rar.

Auch während des Waschvorgangs bleiben die Kunden sich selbst überlassen. "Niemand sagt einem, was da gerade so gefährlich rumpelt oder quietscht", so Fuhr. Nach Abschluss des Programms brausten die meisten Kunden dann "wie erleichtert" davon, ohne zuvor die Sauberkeit kontrolliert zu haben - ein Fehler, denn auch Kratzer am Lack lassen sich auf diese Weise erst verspätet feststellen. Den Waschanlagenbetreiber dafür haftbar zu machen, wird dann schwierig:

Zwar können Betreiber von Waschanlagen ihre Haftung beschränken. Allerdings dürfen die Kunden dabei nicht unangemessen benachteiligt werden. Dies ist etwa dann der Fall, wenn eine Haftung für Lack- und Schrammschäden grundsätzlich ausgeschlossen werden soll. Ebenfalls verbreitet ist die Klausel, wonach für außen am Auto angebrachte Teile nicht gehaftet wird. "Auch dieser Ausschluss hält einer Kontrolle nicht stand", sagt Karin Stroech vom ADAC in München

Der Bundesverband Tankstellen und gewerbliche Autowäsche (BTG) in Minden (Nordrhein-Westfalen) hat Muster-AGBs formuliert, die er für rechtlich wasserdicht hält. Demnach müssen zumindest offensichtliche Schäden vor Verlassen des Betriebsgrundstücks gemeldet werden. Fahrzeugteile sind von der Haftung ausgenommen, wenn sie nicht zur Serienausstattung gehören und mangelhaft befestigt waren. "Allerdings halten sich nicht alle Mitgliedsunternehmen an diese Vorgaben", räumt BTG-Sprecherin Sigrid Pook ein.

Auch in einer anderen Frage folgt die Branche den Empfehlungen ihres Verbandes nicht in erwünschtem Ausmaß. Ein vor rund vier Jahren gemeinsam mit dem TÜV Nord ins Leben gerufenes Qualitätssiegel für Waschstraßen hat bislang erst etwa 40 Träger gefunden. "Wir wissen auch nicht recht, woran das mangelnde Interesse liegt", so Pook.

Nach ihrer Einschätzung hat sich in den Waschanlagen trotzdem schon vieles zum Besseren gewandelt: "Bei der Reinigung wird viel mehr auf Details geachtet als früher, etwa bei den Felgen." Ungefähr die Hälfte der rund 1500 bundesweiten Waschstraßen wird heute außerdem nicht mehr mit Bürsten, sondern mit lackschonendem Textilmaterial betrieben. Auch bei den 12.000 Portalanlagen an Tankstellen ist dieses Verfahren auf dem Vormarsch.

Für die "weiche Welle" in den Waschanlagen gibt es handfeste Gründe: Autolacke sind zwar widerstandsfähiger gegen Insekten- und Vogeldreck geworden, aber anfälliger für Kratzer. Das Vermeiden von Kratzern rangierte in der AIVS-Befragung denn auch ganz vorn, wenn es um die Erwartungen an die Waschanlagen ging. Der Preis spielt bei der Entscheidung dagegen kaum eine Rolle.



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