B 216 Unterwegs auf der Straße des Todes

"Der längste Friedhof Deutschlands", so eine Anwohnerin, ist genau 50,8 Kilometer lang, führt von Lüneburg nach Dannenberg in Niedersachsen und heißt schlicht B 216. Jetzt haben Wissenschaftler die gefährliche Strecke unter die Lupe genommen.
Von Hubertus von Hörsten

An einem trüben Novembermorgen fährt Wilfried Keilack mal wieder gen Dannenberg - wie immer gut in der Zeit. Sein gemächliches Motto: "Lieber einmal zu spät auf Erden, als einmal zu früh im Himmel." TÜV-Prüfer Keilack, zweifacher Familienvater, ist auf dem Weg zur Arbeit.

Auf der Gegenfahrbahn haben es zwei junge Frauen in einem Polo ziemlich eilig - bis zum Unterrichtsbeginn in der Berufsschule Lüneburg wird es knapp. Und jetzt schiebt sich auch noch ein Bus vor die beiden.

Statt abzubremsen setzt der Polo vor der lang gezogenen Kurve zum Überholen an. Wilfried Keilack, 46, hat keine Chance. Die Autos krachen frontal zusammen, die Insassen überleben schwer verletzt.

"Ein typischer B-216-Unfall", stellt Polizeihauptkommissar Michael Zidorn nüchtern fest, "riskantes Überholen und Raserei." Doch unvorsichtige Fahrweise ist auf der B 216 nicht alles: Seit der Grenzöffnung ist aus einer Sackgasse eine viel befahrene Ost-West-Tangente mitten in Deutschland geworden.

Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Verkehr mehr als verdoppelt. Für den Polizisten ein gefährlicher Mix: "Einerseits kommt man nicht mehr so schnell vorwärts, andererseits glauben das noch viele."

Die Polizei versuchte es erst mit Tempolimits, Überholverboten, dann mit Radarkontrollen - und war schließlich mit ihrem Latein am Ende: Wöchentlich passierte auf der kurzen Strecke ein schwerer Unfall. Allein zwischen 1993 und 97 mussten die Ordnungshüter 1488 Unfälle, 24 Tote und 580 Verletzte registrieren.

Für Zidorn kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Im Rahmen der von ihm initiierten Aktion "B 216 - weniger Unfälle!" griff die Polizei zu ungewöhnlichen Mitteln: Sie platzierte unbemannte Polizeiwagen am Straßenrand, stellte schrottreife Unfallautos zur Schau, mahnte mit Holzkreuzen und blitzte rund um die Uhr. Zeitgleich befragte die Uni Lüneburg rund 1000 Anwohnen: "Was macht die B 216 so gefährlich?"

Der wissenschaftliche Leiter der Untersuchung, Verkehrsexperte Peter Pez, 39, ist nach zwei Jahren zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen: Ein Großteil der Befragten räumt zwar ein, zu schnell zu fahren, befürwortet aber auch "eindeutig" stärkere Kontrollen.

Die Aktion zeigt Wirkung, die Unfallzahlen sinken. Den Einwurf "Glück gehabt" lässt Peter Pez nicht gelten. "Die Befragungen und Kontrollen zeigen, dass wir die Köpfe der Leute erreicht haben". Ob allerdings Prävention oder die polizeiliche Keule das positive Ergebnis hervorgerufen haben, kann die Studie auch nicht abschließend beantworten. "Weder noch - nur beide zusammen", meint Peter Pez.

"Papperlapapp", sagt dagegen Alexander Mahnke. Der 20-Jährige wohnt in Dahlenburg unmittelbar an der B 216 - in einem Haus mit traurigem Ruf: Mal krachte ein Lastwagen ins Haus, mal schleuderte ein Auto in den Eingang, und wenn ein Laster vorbei donnert, wackelt das Mobiliar. "Es hilft nur blitzen, blitzen, blitzen", ist sich Mahnke sicher "Holzkreuze und Tafeln bringen nichts. Die heizen die Raser doch nur an."

Seit über 30 Jahren fordern die Dahlenburger eine Umgehungsstraße und gründeten dafür sogar eine Bürgerinitiative. Doch bislang wurde nicht einmal ein Zebrastreifen vor Mahnkes Haus bewilligt.

Auch um die anderen Forderungen der Anwohner, sei es ein autobahnähnlicher Ausbau der Bundesstraße oder bessere Busverbindungen, ist es schlecht bestellt. Es fehlt am Geld.

Für den Verkehrspolizisten Zidorn "ein Hohn": Laut einer Erhebung der Bundesanstalt für Straßenwesen kostet - volkswirtschaftlich gesehen - ein Leichtverletzter 7300 Mark, ein Schwerverletzter 160.000, ein Toter 2.358.000 Mark.

Nachdem die Aktion nun abgeschlossen wurde drängen Zidorn und Pez zumindest darauf, dass Leitplanken an den Baumalleen angebracht werden. "Unbedingt" sollten auch feste Radarkontrollen, so genannte Starenkästen, installiert werden. Die Holzkreuze und Plakate bleiben stehen.

Wilfried Keilack, das Unfallopfer, ist nach zwölfwöchigem Krankenhausaufenthalt und 54 Zahnarztbesuchen wieder einigermaßen auf dem Damm. Nachts hat er manchmal Albträume. Die B 216 meidet er.

Von der groß angelegten Sicherheitsaktion hat Keilack noch nie etwas gehalten: "Die da wie Idioten fahren, müssen auch am Baum landen. Anders ist manchen nicht zu helfen." Und als Führerscheinprüfer beim TÜV, weiß er auch: "Die Blöden sterben nicht aus."

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