Barabus TKR Weltmeister mit 1019 PS

Geht es nach einer kleinen Schar von Entwicklern aus Manchester, können sich die Kollegen in Maranello bald warm anziehen: Für stolze 439.670 Euro bringen sie einen Sportwagen auf die Straße, der Ferrari mit der Macht eines britischen Sturmtiefs aus der Bestenliste blasen soll.


Nein, das ist kein Schreibfehler: Die Marke heißt tatsächlich Barabus, und eine Verwechslung mit Bodo Buschmanns Tuning-Unternehmen ist spätestens dann ausgeschlossen, wenn man einen ersten Blick auf die Autos wirft. Zwar hat auch Brabus durchaus einen Sinn für starke Motoren, doch erkennt man dort unter dem Trainingsanzug mit etwas gutem Willen noch immer den Mercedes, den sich die Bodybuilder aus Bottrop vorgenommen haben.

Brachialer Kraftmeier: Der 1019 PS starke Motor soll den Barabus in weniger als zwei Sekunden von 0 auf 100 km/h katapultieren
Tom Grünweg

Brachialer Kraftmeier: Der 1019 PS starke Motor soll den Barabus in weniger als zwei Sekunden von 0 auf 100 km/h katapultieren

Barabus dagegen ist mit der Veredelung von Werksfahrzeugen nicht zufrieden. Die nicht einmal 30 Mann starke Truppe aus Manchester träumt von nichts Geringerem als dem stärksten Sportwagen aller Zeiten – und ist diesem Ziel nach über zehn Jahren Entwicklungszeit nun ein gutes Stück näher gekommen. Denn auf der Motor Show in London haben die Briten jetzt den TKR enthüllt. Er stellt Fahrzeuge wie den Ferrari Enzo, den Mercedes SLR und den Lamborghini Murciélago zumindest auf dem Papier lässig in den Schatten und kommt sogar dem Überflieger Bugatti Veyron gefährlich nahe.

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"Dieses Auto wurde entwickelt, um das Fahrvergnügen eines normalen Straßensportwagens mit einer Leistung zu kombinieren, die es nicht einmal in der Formel 1 gibt", schwärmt ein Mitarbeiter aus dem Konstruktionsteam und zeigt stolz auf den chromblinkenden Achtzylinder, der wie die V12-Motoren der Konkurrenz aus Maranello unter einer großen Glashaube direkt hinter den Sitzen montiert ist. Er basiert auf einem Aluminium-Block von Chevrolet, der in England mit viel Know-how aus dem Rennsport zu einem brachialen Kraftmeier aufgemöbelt wurde und nun mit bis zu 7500 Umdrehungen pro Minute orgelt.

Jetzt blasen zwei mächtige Turbolader dem sieben Liter großen Motor gewaltige 1019 PS ein, die schier unglaubliche Fahrleistungen ermöglichen: Laut Herstellerangaben vergehen noch nicht einmal zwei Sekunden, bis der 4,28 Meter kurze Wagen Tempo 100 auf der Uhr hat. Ein normaler Kleinwagen erreicht in dieser Zeit nicht viel mehr als Schritttempo, und selbst anerkannte Sprinter wie den neuen Porsche 911 Turbo (3,7 Sekunden) oder den Mercedes SLR (3,8 Sekunden) lässt der rasende Engländer locker hinter sich.

Das gilt auch für die geplante Höchstgeschwindigkeit. Zwar haben sich die Entwickler beim Testen bislang erst an 240 Meilen pro Stunde herangetraut, was nach kontinentalen Maßstäben schon ziemlich beeindruckenden 386 km/h entspricht.

"Doch bis die ersten Autos tatsächlich zu den Kunden kommen, wollen wir 270 Meilen in der Stunde, also rund 435 km/h, geschafft haben", sagt einer der Entwickler und verspricht damit eine Geschwindigkeit, die kaum je ein Mensch am Boden erreicht hat: Ein Verkehrsflugzeug hat bei diesem Tempo längst abgehoben, die Magnetschwebebahn Transrapid schafft nur 431 km/h, und auch für den Bugatti Veyron ist trotz seiner 1001 PS bei knapp über 400 km/h Schluss.

Weißer Hai als zahmer Zierfisch

Wer bei diesem Tempo allerdings ein wüst bespoilertes Flügelmonster erwartet, wird vom TKR ziemlich enttäuscht sein. Denn auf aerodynamisches Leitwerk an der aus Karbonfasern gebackenen Karosserie haben die Entwickler zumindest oben herum weitgehend verzichtet. Nur die Unterseite wurde zusammen mit Spezialisten aus dem Rennsport so modelliert, dass sich der Wagen förmlich auf der Straße festsaugt und auch bei hohem Tempo nicht die Bodenhaftung verliert. Dass man den Barabus trotzdem nicht mit einem gewöhnlichen Sportwagen verwechselt, ist vor allem ein Verdienst der großen Löcher, durch die die beiden Turbos ihre Luft zum Atmen saugen. So hat der TKR nicht nur eine große Hutze auf dem Dach, sondern auch zwei riesige Kiemen an den Flanken, die den Weißen Hai als zahmen Zierfisch erscheinen lassen. Außerdem drückt er gleich vier Endrohre durch die Stoßstange, die mittig in Form eines Dreiecks angeordnet sind.

Weil der TKR nicht nur Renn- sondern tatsächlich auch Reisewagen sein will und die Entwickler ihn deshalb auch auf Autobahn und Landstraße sehen, müssen betuchte Benzin-Junkies nicht auf Komfort verzichten. Zwar zeugen Karbonkonstruktion und Keramikbremsen vom Streben nach einer schlanken Figur. Doch hat der Motor schließlich genügend Kraft, um auch eine Klimaanlage, Lederpolster, Seidenbezüge und elektrisch verstellbare Pedale mit herumzuschleppen. Und auch eine Traktionskontrolle ist sicher keine schlechte Idee, wenn man nicht bei jedem Ampelstart ein paar Tausend Euro für die fetten Gummiwalzen auf der Hinterachse in Rauch aufgehen lassen möchte.

Natürlich könnten jetzt in Maranello tatsächlich die Alarmglocken klingeln, weil die Briten den Italienern den Rang ablaufen. Doch spricht auch viel für eine gehörige Portion Gelassenheit. Denn bei einem Preis von 439.670 EURO und einer Stückzahl von maximal 100 Autos im Jahr ist der Ruf der Roten Renner wohl kaum ernsthaft in Gefahr.



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