Benzingespräch mit Jutta Kleinschmidt "Aufkleber? Um Gottes Willen!"

Spätestens seit ihrem Sieg 2001 bei der Rallye Dakar zählt Jutta Kleinschmidt zu den besten Motorsportlern der Welt. Im Gespräch verrät die "Königin der Wüste" und Wahl-Monegassin, was ihr privat beim Autofahren wichtig ist - und was sie von Rallyestreifen hält.


SPIEGEL ONLINE:

Frau Kleinschmidt, hatten Sie jemals Rallyestreifen am Wagen?

Kleinschmidt: Nein. Direkt nach dem Führerschein besaß ich gar kein Auto, weil ich gleich von Beginn an lieber Motorrad gefahren bin. Mein erstes eigenes Auto bekam ich erst später... Wobei, das stimmt nicht ganz. Gleich mit 18 hatte ich schon einen Wagen, einen Golf, aber der war alt und nach kurzer Zeit schon wieder kaputt, der zählt also eigentlich gar nicht. Das nächste Auto bekam ich dann erst, als ich schon 23 war. Einen BMW, aber der hatte auch keine Rallyestreifen.

SPIEGEL ONLINE: Gehören Rallyestreifen eher zum Imponiergehabe junger Männer?

Jutta Kleinschmidt: "Königin der Wüste"
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Jutta Kleinschmidt: "Königin der Wüste"

Kleinschmidt: Ach, das glaube ich nicht. Rallyestreifen zeugen vermutlich eher von einer Begeisterung des Fahrers für den Motorsport. Natürlich gibt es mehr Rallye-begeisterte Männer als Frauen, aber Rallyestreifen an sich sind bestimmt nicht ausschließlich an Fahrzeugen von Männern zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem aber wohl an Autos von Fahrern, die sich eigentlich mehr PS unter der Haube wünschen.

Kleinschmidt: Das ist schon so. Das Auto an sich mag der Deutsche ja sehr gerne, und manche schmücken sich ihr Schätzchen eben mit Rallyestreifen, das ist nichts Verwerfliches.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in Ihrem Privatwagen irgendwelche schmückenden Accessoires?

Kleinschmidt: Nein, gar nicht. Ich finde meinen Wagen pur am schönsten.

SPIEGEL ONLINE: Da hängt nichts am Innenspiegel?

Kleinschmidt: Nein, ich bin nicht so ein Schnickschnack-Typ.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie grundsätzlich ein eher aufgeräumter Charakter?

Kleinschmidt: Ich denke schon. Ich mag es auch nicht in der Wohnung, wenn die voll gestellt ist mit lauter Dingelchen, und hier noch und da noch. Ich habe auch da lieber wenige, aber schöne Stücke. Wenn alles so voll ist, sieht es schnell sehr verkitscht aus, das ist gar nicht mein Stil.

SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie selber Schmuck?

Kleinschmidt: Auch sehr wenig. Ein paar schöne Stücke. Eine schöne Uhr zum Beispiel, oder, wenn ich abends mal ausgehe, ein paar Ohrringe und eine Kette. Aber das war's dann auch schon.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zum Auto; was fahren Sie überhaupt für einen Wagen?

Kleinschmidt: Einen Touareg, den Zehnzylinder. Ganz schlicht in Silber.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keinen Aufkleber hinten drauf? 'I love Monaco?'

Kleinschmidt: Um Gottes willen, nein.

SPIEGEL ONLINE: Viele Autofahrer schmücken ihr Heck ja mit Schäferhund-Porträts oder Sylt-Silhouetten. Das sagt schon etwas aus über den Fahrer, oder?

Kleinschmidt: Sicher kann man über Menschen, die mit einer gehäkelten Klorollenabdeckung auf der Hutablage durchs Leben fahren, einige Vorurteile hegen. Aber davon halte ich nicht viel, ich beurteile die Menschen nicht nach ihren Autos oder Wohnungseinrichtungen. Das sind für mich eher Eigenheiten, die man so nebenbei miterlebt und wo man hinterher vielleicht feststellt, dass sie zum Gesamtbild des Betreffenden passen.

SPIEGEL ONLINE: An Ihrem Rennwagen aber wimmelt es nur so von Sponsoren-Aufklebern. Stört das Ihr Stilempfinden?

Kleinschmidt: Aber überhaupt nicht. An meinem Rennauto liebe ich die Aufkleber sogar, nicht nur weil sie von den Sponsoren kommen, die dafür Geld zahlen. Ich finde einfach, zu einem Rennwagen gehören viele Aufkleber, das macht erst den richten Look aus.

SPIEGEL ONLINE: Fährt bei Ihnen eigentlich manchmal die Angst mit, wenn Sie mit einem Höllentempo über unwirtliches Gelände preschen?

Kleinschmidt: Die Angst fährt Gott sei Dank nicht mit, sonst könnte ich auch keine Rennen fahren. Aber natürlich gibt es Schreckmomente, in denen man merkt 'Ups, da hab' ich mich verschätzt in der Kurve' oder wenn es einen Sprung gibt, der auch so nicht war, wie man ihn eingeschätzt hatte. Und man muss danach sehen, dass man auf der Strecke bleibt - oder man schafft es eben nicht mehr. Dann gibt's schon ein paar Schrecksekunden. Aber das ist auch schnell wieder vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Aber es passieren doch immer wieder schlimme Unfälle, gerade auch bei der Rallye Dakar.

Kleinschmidt: Aber kaum mit Autos. Die Motorradfahrer sind schon sehr gefährdet, das stimmt. Die Unfälle, die in den vergangenen Jahren gravierend waren und wo ja auch Menschen gestorben sind, waren eigentlich immer Motorradunfälle. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich den Sprung vom Motorrad ins Auto gemacht habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind ja einmal mit gebrochenem Fuß weiter gefahren.

Kleinschmidt: Das war noch zu meiner Motorradzeit, und es waren zum Glück nur die Mittelfußknochen, die gebrochen waren. Wenn man den Fuß in den festen Schuh steckte und den am besten gar nicht mehr auszog, was ich gemacht habe, dann ging das schon.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Beipackzettel von Schmerztabletten steht immer, dass nach Einnahme von der Teilnahme am Straßenverkehr abgeraten wird...

Kleinschmidt: Und das ist auch richtig. Wenn ich starke Schmerzmittel genommen hätte, wären meine Konzentration und Reaktionsfähigkeit weg gewesen. Da muss man einfach die Zähne zusammenbeißen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon einmal im normalen Verkehr einen Unfall gebaut?

Kleinschmidt: Ganz zu Beginn meiner Führerscheinkarriere. Da hatte ich mir mit 18 den Golf von meinem Freund ausgeliehen, und den habe ich dann ein bisschen angedonnert. Eine winterliche Schneekurve, und ich war doch um einiges zu schnell... Aber das war Gott sei Dank das Einzige, was mir bisher passiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber nach drei Wochen Wüstenstaub, Sanddünen und Kamelkarawanen fällt es Ihnen da nicht schwer, sich wieder an Ampeln und Vorfahrtschilder zu gewöhnen?

Kleinschmidt: Das ist eine große Umstellung, natürlich. Wenn man wieder in ein Serienfahrzeug einsteigt, sucht man unwillkürlich nach den Dingen, die man aus dem Rennwagen gewöhnt ist. Aber nach kurzer Zeit hat man das wieder drin. Am schlimmsten war es mal nach einem 24-Stunden-Rennen am Nürburgring, wo es die ganze Zeit immer im Kreis herum ging, mit guten Slicks und einer megamäßigen Kurvenhaftung. Und auf dem Weg nach Hause ist es hinterher ein komisches Gefühl gewesen, da habe ich einige Kurven viel zu schnell genommen. Ist aber nichts passiert.

SPIEGEL ONLINE: Hilft Ihnen die Rallyeerfahrung im normalen Leben?

Kleinschmidt: Ganz klar, man hat einfach sein Auto viel besser unter Kontrolle. Und es ist nicht so, dass ich deshalb ständig am Limit fahre. Ganz im Gegenteil, wenn es zum Beispiel regnet oder neblig ist, dann fahre ich sehr bewusst langsamer und vorsichtiger, weil ich aus Erfahrung weiß, wie schnell dann was passieren kann. Im Motorsport bekomme ich ein Gefühl dafür, wo in jeder Situation der Grenzbereich meines Fahrzeugs liegt. Und wenn ich zum Beispiel sehe, wie im normalen Straßenverkehr die anderen auf der Autobahn an mir vorbeipreschen, dann kann ich nur sagen: Die wissen wirklich nicht, was sie da tun.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als eine der besten Autofahrerinnen der Welt. Sind Sie auch eine gute Beifahrerin?

Kleinschmidt: Wenn ich mich wohl fühle, schon. Wenn ich mich aber unsicher fühle, dann überhaupt nicht. Wenn jemand mir was beweisen will und zum Beispiel der Situation unangemessen fährt, dann werde ich schnell nervös, das kann ich überhaupt nicht leiden.

SPIEGEL ONLINE: Wer fährt eigentlich in Ihrer Partnerschaft, Sie oder Ihr Freund?

Kleinschmidt: Meistens fährt mein Freund. Er fährt gut, da fühle ich mich wohl. Und wenn nicht, dann bekommt er einen Anschiss. (lacht)

Das Interview führte Philip Wesselhöft



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