Benzingespräch mit Wladimir Kaminer "Wir hatten keinen Panzer"

Er ist der bekannteste Russe Deutschlands, und über sein Leben gibt "Russendisko"-Autor Wladimir Kaminer in neun Büchern freizügig Auskunft. Aber kaum einer weiß: Kaminer hat keinen Führerschein. Dafür ein Faible für Damenfahrräder, wie er SPIEGEL ONLINE gestand.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Kaminer, Sie besitzen keinen Führerschein. Wie kommt's?

Wladimir Kaminer: Kein Führerschein? "Das hat sich so ergeben."
DDP

Wladimir Kaminer: Kein Führerschein? "Das hat sich so ergeben."

Kaminer: (mit bedeutungsschwerer Stimme) Ich möchte nicht darüber reden... Nein, quatsch! Das hat sich so ergeben. Die meisten meiner russischen Freunde haben den Führerschein früher in der Schule gemacht. In der neunten und zehnten Klasse gab es den sogenannten Arbeitsunterricht, in dem man eben aufs Arbeitsleben vorbereitet wurde, und dazu gehörte auch der Führerschein. Mich hat man aber nach der achten Klasse rausgeschmissen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren dann in der Roten Armee. Gab's da keine Möglichkeit, mal hinters Steuer zu rutschen? Mit dem Panzer durchs Gelände zu kurven?

Kaminer: Dafür war ich in der falschen Waffengattung, in der Raketenabwehr, im dritten Ring um Moskau herum, 200 Kilometer entfernt in einem Wald. Bei uns gab es nichts mit vier Rädern, nur Raketen. Wir hatten keine Autos und auch keinen Panzer. Die einzigen Fahrzeuge waren Lkw, die im Abstand von etwa drei Kilometern rund um uns herumstanden. Die fuhren nicht, weil auf ihnen die Raketen montiert waren. Aber ich glaube, dass darf ich noch immer nicht erzählen...

SPIEGEL ONLINE: Später in Berlin hätten Sie den Führerschein doch machen können.

Kaminer: In Deutschland hatte ich lange Zeit kein Geld für so was. Und als ich mich dann bereicherte mit literarischen Tätigkeiten, hatte ich keine Lust mehr. Außerdem hatte ich meine Frau vor Augen, die den Traum von Autofahren in sich trug und diesen mit einer unglaublichen Intensität auslebte, indem sie zwei Jahre lang in fünf verschiedenen Fahrschulen versucht hat, diesen Führerschein zu bekommen. Mit ungünstigem Ausgang.

SPIEGEL ONLINE: Woran hat es gehapert? Am Rückwärtseinparken?

Kaminer: Eigentlich hat's gar nicht wirklich gehapert bei ihr. Die Fahrlehrer haben auch nie gesagt, sie würde schlecht fahren oder etwas falsch machen. Sie haben immer gesagt "Gut, gut, aber Sie müssen noch mehr nach links und nach rechts gucken. Sie müssen noch konzentrierter sein. Nehmen Sie doch einfach noch ein paar Stunden." Irgendwann war sie mit ihren Nerven am Ende und hatte keine Lust mehr. Außerdem haben wir gar nicht so den großen Bedarf, in Berlin Auto zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewegen Sie sich in Berlin?

Kaminer: Einer der Reize dieser Stadt ist ja, dass man zwar in einer Großstadt lebt und jeden Abend hundert Events stattfinden, aber man so gut wie nie die Grenzen des eigenen Bezirkes verlässt. Ein Kino ist um die Ecke, unsere Stammkneipe kann man vom Balkon aus sehen, die Freunde wohnen in der Nähe. Wenn bei uns jemand auszieht und sagt, wir ziehen jetzt nach Spandau, dann heißt es eigentlich "Tschüss, auf Niewiedersehen". Das ist kein Witz!

SPIEGEL ONLINE: Und wie bewegen Sie sich nun in Ihrem Bezirk?

Kaminer: Mit dem Fahrrad zum Beispiel. Ich habe drei Stück, Fahrräder sind meine Leidenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eher der Rennrad- oder Mountainbiketyp?

Kaminer: Weder noch. Ich stehe eigentlich mehr auf klapprige Frauenfahrräder. Die so aussehen, als wären sie klapprig, die aber in Wirklichkeit Superfahrräder sind. Nur man erkennt es nicht von außen. Mein Lieblingsfahrrad kommt aus England, das habe ich extra dort bei einem Händler bestellt. In der Gebrauchsanweisung steht zwar "ideales Hausfrauenfahrrad", aber da steckt mehr drin. Es besteht zu einem Drittel aus Holz, ist unglaublich stabil und bietet jede Menge Möglichkeiten, um Taschen zu transportieren. Es hat fünf Gänge, ein sehr gutes Modell. Aber man merkt es erst, wenn man darauf sitzt. Von außen sieht es aus wie irgendein Frauenfahrrad.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind Sie ein gemütlicher Fahrer?

Kaminer: Ach, das ist immer lustig. Ich mache mir gerne einen Spaß daraus, es gegen irgendwelche Sporträder aufzunehmen und die dann locker hinter mir zu lassen. Die wundern sich dann nicht schlecht, denn von so einem Modell erwartet niemand eine solche Geschwindigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Es werden einem selbst die klapprigsten Räder unter dem Hintern weggeklaut. Wie schützen Sie sich?

Kaminer: Eigentlich gar nicht. Früher ist mir alle naslang ein Fahrrad geklaut worden. Heute schließe ich meine Räder gar nicht mehr ab. Ich tue nur so, als ob, weil ich die Schlüssel zum Schloss längst verloren habe. Im Grunde genommen ist es eine Frage des Schicksals. Wenn jemand ein Rad klauen will, dann kann ihn kein Schloss der Welt davon abhalten. Die großen Schlösser sind eigentlich nur Selbstberuhigungsmaßnahmen. Ein Fahrrad darf einfach nicht so aussehen, als wäre es interessant. Und natürlich sollte man es nicht über Nacht auf der Straße stehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn es regnet, womit fahren Sie dann?

Kaminer: Wir fahren gerne Taxi. Weil wir lange Spaziergänge hassen, nehmen wir für alles, was weiter als zwei oder drei Kilometer entfernt ist, ein Taxi.

SPIEGEL ONLINE: Taxifahrer unterhalten sich gerne mit Ihren Passagieren. Wie reagieren Sie?

Kaminer: Ich sehe es als meine Pflicht als Fahrgast an, mich mit Taxifahrern zu unterhalten. Taxifahrer sind nun mal gesprächiger als die meisten anderen Berufsgruppen. Viele werden vermutlich deshalb Taxifahrer, weil sie diese große Lust haben, sich mit fremden Menschen zu unterhalten.

SPIEGEL ONLINE: Worüber unterhalten Sie sich zum Beispiel?

Kaminer: Na, es fängt beim Wetter an, aber dann nimmt es immer wieder neue Wendungen. Ich habe zum Beispiel schon viele Bücher von Taxifahrern geschenkt bekommen, die sie selbst geschrieben haben. Im Grunde sagt ja jeder Taxifahrer, er sei eigentlich gar kein Taxifahrer, sondern Kinoregisseur, oder Musiker, oder Schriftsteller, und das Fahren mache er nur so nebenbei. Oder er war mal NVA-Offizier. Neulich hatte ich einen, der war früher als Spion unterwegs und sollte irgendwelche Geheimnisse bei der Amerikanern ausspionieren. Ich hatte sogar schon mal einen Kosmonauten aus der DDR, der zwar nie ins All geflogen war, aber im Vorbereitungskurs gewesen ist. Man hat das Gefühl, Taxifahrer sind Menschen, die brauchen andere Menschen in ihrer Nähe, die keine Chance haben, nicht zuzuhören.

SPIEGEL ONLINE: Ein ideales Publikum.

Kaminer: Wenn man so will, ja. Ein Publikum, das nicht weglaufen kann. Obwohl ich einmal doch ausgestiegen bin. Da wurde es politisch und der Taxifahrer kam auf die Idee, die Juden seien an allem Schuld. Das musste ich mir nicht anhören.

SPIEGEL ONLINE: Wünschen Sie sich nicht manchmal, selbst am Steuer zu sitzen?

Kaminer: Ach, man muss im Leben so viel selbst machen. Ich fühle mich als Mensch eigentlich ständig überfordert, von Geburt an. Deswegen freue ich mich, wenn ich irgendetwas nicht machen darf.

SPIEGEL ONLINE: Muss man ohne Führerschein mehr Vertrauen haben als andere Menschen? Sie geben Ihr Leben ja in die Hände von anderen.

Kaminer: Mmhh. Stimmt eigentlich. Grundsätzlich bin ich eigentlich ein sehr misstrauischer Mensch. Aber ich hätte vermutlich noch weniger Vertrauen, wenn ich selbst am Lenkrad sitzen würde. Ich bewundere die Kunst dieser Leute, durch die engen Straßen in Berlin zu fahren, mit all diesen Verrückten. Ich glaube nicht, dass mir das Spaß machen würde hier Auto zu fahren. Irgendwo in der Wüste vielleicht, wenn ich müsste. Aber ich muss ja zum Glück nicht.

Das Interview führte Philip Wesselhöft



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