Amateur-Rennsport Der Berg ruft

Bei Bergrennen starten Enthusiasten mit getunten Siebziger- und Achtzigerjahre-Karren. Es geht nur um die Ehre und die Autos - von denen viele unter dem biederen Blech brutale Technik tragen.

Kai Kolwitz

Von Kai Kolwitz


Holger Hovemann hat Redebedarf. Gerade hat er sein gelbes Kadett-C-Coupé nach dem dritten Training abgestellt, und nun sprudelt es aus ihm heraus: "Jetzt hab ich den Wagen wenigstens verstanden! Die ganze Zeit hab ich nicht kapiert, was das Auto macht. Jetzt war's zwar viel mehr Arbeit, aber so ist es wenigstens logisch." Ein Problem mit der Anti-Schlupf-Regelung seines Renners - für das Training hat er sie jetzt einfach stillgelegt.

Anti-Schlupf-Regelung in einem Opel aus den Siebzigerjahren? Ja, denn vom Schweller an abwärts ist Hovemanns Wagen eine Corvette ZR1. Seit zwei Jahren arbeiten der Fahrer und seine Mitschrauber an dem Wagen, rund 650 PS Leistung liegen aktuell an der Hinterachse an. Wenn sich der Motor als ausreichend drehzahlfest erweist, könnten es bald auch 700 sein. Die gut zwei Kilometer lange Strecke beim Ibergrennen im thüringischen Heilbad Heiligenstadt schafft der Pseudo-Kadett in unter einer Minute.

Einst fuhren selbst die großen Hersteller bei den Bergrennen

Bergrennen hatten ihre größte Zeit in den Sechzigerjahren, damals engagierten sich selbst Hersteller wie Porsche mit Werkswagen in der Serie. Heute sind die Wettbewerbe eher eine geheime Größe im deutschen Rennsport. Ausgetragen werden sie auf kurvigen Bergaufpassagen von Landstraßen. Jedes Fahrzeug geht einzeln auf die Strecke, gefahren wird nur gegen die Uhr, eine Klasseneinteilung sorgt für Vergleichbarkeit. Auch am Iberg sind schon zu DDR-Zeiten schnelle Skodas und Wartburgs an den Start gegangen.

In den großen Klassen ist an den Wagen dabei so ziemlich jede Modifikation erlaubt. So geht Hovemanns Konkurrent Alexander Hin in einem Gefährt an den Start, für das das Chassis eines reinrassigen Rennwagens der Gruppe C mit dem Motor eines BMW M3 verbunden wurde - über allem thront eine von Hand angefertigte Kunststoffhülle, die wiederum an einen Opel Kadett C erinnert.

Alles dabei - vom Eigenbau-Renner bis zum Original-DTM-Wagen

"So was macht man nur, wenn einem vorher nicht klar ist, wie viel Arbeit das bedeutet", sagt Hin und zeigt auf seinem Smartphone Fotos von den eigens angefertigten Formen für die Teile. Aber warum der Kult um den alten Opel? Hin und Hovemann sagen in etwa das Gleiche: Man selbst und die Mitschrauber seien ja immer schon Kadett gefahren. Und irgendwie sei so ein alter Opel ja lässiger als eine Corvette oder ein Sport-Prototyp.

Eine sachlichere Begründung liefert Axel Weichert. Er verfolgt die Rennen schon seit mehr als zehn Jahren und betreibt das Motorsportportal 100octane.de. "Die alten Karossen sind viel leichter als die von modernen Autos, deshalb lassen sie sich gut aufbauen", beschreibt er. So kann man bei den Rennen jede Menge Autos sehen, die im Straßenverkehr praktisch ausgestorben sind: Scirocco 1, Audi 50, alte BMW 3er und 02, Golf 1, Ford Escort oder Unmengen alte VW Polo, in der Regel versehen mit sequenziellen Getrieben, anderen Fahrwerken und nach allen Regeln der Kunst getunten Motoren - in der Zwei-Liter-Klasse fahren die stärksten Autos mit mehr als 300 PS.

Andere bringen gebrauchte Profi-Rennwagen mit. Am Iberg sind unter anderem Manuel Reuters ehemaliger DTM-Opel-Vectra dabei, ein weiterer Opel Astra und ein AMG-Mercedes aus der gleichen Serie, außerdem ein Renault Laguna, den einst das Williams-Team für die britische Tourenwagenmeisterschaft aufgebaut hat.

Geschraubt wird in Parkbuchten in der Innenstadt, unter den Augen der Zuschauer. Und wer vom Ortsrand eine kleine Wanderung in den Wald unternimmt, der kann erleben, was die Wagen können. Die kurz übersetzten Autos beschleunigen brachial, die Rennmotoren brüllen infernalisch, auf der Suche nach den letzten Zehntelsekunden kann man in den Serpentinen viele kurze Rutscher und Quersteher sehen.

Halbstarke Achtzehnjährige sollten das nicht nachahmen

Ab und zu nimmt auch ein Wagen Kontakt mit der Leitplanke auf, doch alles geht glimpflich ab an diesem Wochenende. Überrollkäfige sind ebenso Pflicht wie Renngurte und Schutz für Kopf und Halswirbelsäule. Außerdem gibt es doppelte Leitplanken, Streckenposten, Flaggensignale und Sanitäter in Reichweite - in puncto Sicherheit ist das hier kein Amateursport.

Über die Zeiten der Sieger will Pressesprecherin Silvana Tismer trotzdem am liebsten gar nicht reden: "Sonst denken wieder irgendwelche Achtzehnjährige, dass sie das mit Papas BMW auch schaffen." Und auch Weichert sieht die Rennen nicht als Einsteigerveranstaltung: "Die Leistungsdichte ist so hoch und die Wagen sind so stark, man sollte so ein Auto lieber erst anders kennenlernen."

Und doch gibt es immer wieder Neulinge bei den Rennen. Michael Hirte zum Beispiel ist in Thüringen zum ersten Mal dabei - in einem Renault Clio, einem ehemaligen Markenpokal-Rennwagen. Knapp 200 PS leistet das Auto, auf der Strecke braucht Hirte rund 15 Sekunden länger als Holger Hovemann mit seinem Monsterkadett. Aber das ist dem 49-Jährigen völlig egal: "Hauptsache dabei sein. Und im zweiten Lauf habe ich noch neun Sekunden gefunden." Er grinst dabei von einem Ohr zum anderen.


In den Sommermonaten finden in Deutschland etwa an jedem zweiten Wochenende Bergrennen statt. Die nächsten Termine sind:

  • 11./12.7. Homburg/Saar
  • 25./26.7. Bad Liebenstein/Thüringen
  • 1./2.8. Osnabrück
  • 15./16.8. Hausen/Röhn



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
lorhinger 12.07.2015
1. erinnere mich
noch an die Bergrennen am Tegernsee, hier stürmten die irrwitzigen Autos den Wallberg hinauf. Am Vortag durfte man mit dem Privatwagen die Strecke hochhetzen, trotz damals schnellem Auto, man, was war ich langsam im Vergleich zu den echten Bergrennern. Interessant anzusehen für Motorsportbegeisterte
danido 12.07.2015
2. Sehr schön :)
Damals wurden noch richtige Autos gebaut. Nur leider fehlt der Sound bei den Bildern ;)
edgarzander 12.07.2015
3. Wobei den meisten...
...ein "normaler" DTM-Profirennwagen nicht ausreicht. Da wird kurzerhand der Motor rausgeschmissen und durch einen Formel 1 Judd V8 ersetzt. Einfach der Wahnsinn, wie präzise die Fahrer die Kisten durch die Kurven prügeln. http://youtu.be/rU9mQ7z5JVQ http://youtu.be/l-lbxIJD3V8
kritischer_kritiker 12.07.2015
4. Bergrennen u.a. im späteren Weltkulturerbe
Die Tradition knüpfte an eine ältere an, so fuhren Motorräder im Bergpark Wilhelmshöhe Anfang der 50er-Jahre (bis die erste Documenta kam). Und vor dem Krieg, von 1923-1927 fuhren im heutigen Weltkulturerbe Autos um den Bergpeis von Kassel, u.a. auf Opel und Bugatti. Das konnte ich mir beim ersten Mal, als ich es hörte, kaum vorstellen. Rennen gab es in den 20ern schon einige, auch zu heute vergessenen Orten, z.B. zur Hohen Wurzel im Taunus.
kc85 12.07.2015
5. Etwas mehr Sachkunde wäre nett ...
dann würde man da auch nicht von "getunten Karren reden". Ein Großteil der Fahrzeuge sind über Jahre weiterentwickelte reinrassige Rennsportfahrzeuge, viele blitzsauber aufgebaut und technisch auf einem Niveau, die dem in einer "Profiserie" oder "Werkssport" in nichts nachstehen. Und da fahren bei weitem nicht nur Geräte aus den 70ern und 80ern. Sieht man ja auch auf den Bildern, wenn da ein Ex-WTCC-BMW zu sehen ist. Man hätte auch mal drauf hinweisen können, dass auf Bild 13 Sepp Koller in seinem Diesel-Alfa zu sehen ist. Und der ist schlanke 82 Lenze jung und dreht noch immer fröhlich am Lenkrad. Und die richtige Musik spielt am Berg eh bei den im Bericht komplett ignorierten (offenen) Rennsportwagen den Gruppen E2-SS und E2-SC. Das Duell von Zajelsnik im Mugen-Norma V8 und Lang im Osella-BMW am Iberg war jeden Cent des (übrigens spottbilligen) Eintritts zum Rennen wert. Noch einen Zacken irrer vom Speed her geht es in der Berg-EM zu. Wer sich das mal ansehen möchte, was unbedingt empfehlenswert ist, sollte das Glasbachrennen Ende des Monats in Thüringen besuchen, den deutschen Berg-EM-Lauf. Da gibt es dann echten, i.d.R. fairen und sehr kameradschaftlichen Motorport im allerbesten Sinne, weit abseits vom Marketingsülz a la F1 und DTM. Und der Sound stimmt auch, versprochen. kc85
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