Betrug bei der Abwrackprämie Ein Hurra auf die Autoschieber!

Autoschieber missbrauchen die Abwrackprämie im großen Stil. Und das ist gut so. SPIEGEL-Redakteur Christoph Schwennicke trauert um alle Schmuckstücke, die in der Schrottpresse gelandet sind - und hofft, dass viele ausrangierte Mercedes-Modelle in Afrika eine zweite Chance bekommen.

Damit die Perspektive gleich klar ist, beginnen wir mit einem Bekenntnis, mit einem frivolen Bekenntnis, mit einem stolzen Bekenntnis: Jawohl, ich fahre einen Mercedes 500 SE, Baujahr 1989, mit 234.000 Kilometern auf dem Tacho. Ein Gedicht von einem Auto, einer der schönsten und elegantesten Wagen, den Mercedes je gebaut hat. Die Baureihe W126 ist für mich der Klassiker aus Stuttgart. Acht Zylinder, 252 PS, 15 Liter auf 100 Kilometer, jawohl 15 Liter auf 100 Kilometer.

Na und? In diesem Auto fährt man nicht, in diesem Auto gleitet man. Vom Motor ist nichts zu hören außer einem sanften Säuseln, nur beim gelegentlichen Kickdown brüllt der Berserker unter der Haube und beschleunigt den Wagen mit einer fast aufreizenden Souveränität.

Vorbesitzer war der Herausgeber des Reutlinger Generalanzeigers, ist so eingetragen im Brief. Ich finde das schön. Dieser Wagen, den ich in Anlehnung an sein Kennzeichen Big Ben nenne, hat ein Leben, eine Geschichte, eine Seele. Hin und wieder ist er krank, dann bringe ich ihn zu Rolf-Dieter, meinem Mercedes-Flüsterer. Er kennt alle Schrauben und Ventile von Big Ben beim Vornamen. Er macht ihn ohne großen Aufwand wieder gesund.

Manchmal aber wird Ben auch von selbst wieder gesund. So ein Wagen hat nicht nur eine Seele. Er hat Selbstheilungskräfte.

Ein Auto für die Ewigkeit

Ja, ich habe eine Meise. Bis vor drei Wochen hatte ich sogar zwei. Bis dahin besaß ich neben Big Ben noch einen 230 E, seit vier Jahren weggestellt in einer Garage. Baujahr 1983, 100.000 Kilometer, Vorbesitzerin war eine alte Dame. Er war ein Schmuckstück, eine Perle von Auto. Ich habe ihn verkauft, weil der Stellplatz wegfiel. Und weil es unvernünftig ist, einen Wagen vier Jahre lang nur rumstehen zu lassen.

Christoph Schwennickes Mercedes 230E: Eine Perle von einem Auto

Christoph Schwennickes Mercedes 230E: Eine Perle von einem Auto

Foto: Schwennicke

Aber mir blutet immer noch das Herz. Ein Bild der weißen Schönheit steht auf meinem Schreibtisch. Es zeigt den Wagen in einem Idyll auf einem Hügel im englischen Dartmoor. Eines dieser herzigen freilaufenden Dartmoor-Pferde, ein ebenso weißes Pony, schnuppert kess daran. Ich habe ihn weggegeben, für ein schnödes Bündel aus bedrucktem Papier. Ich könnte heulen, wenn ich das Foto anschaue.

Der Käufer, er kam aus der Nähe von Köln angeflogen, konnte sein Glück kaum fassen. Als er den Wagen zu Hause zum Durchchecken gab, rief ihn der Werkstattmeister von sich aus an und fragte, wo er bloß dieses Auto herhabe. So was habe er in all seinen Dienstjahren noch nicht gesehen, einen 26 Jahre alten Wagen in diesem Zustand. Der Mann, man muss das sagen, versteht was von Autos.

Youngtimer-Fahrer - die wahren Retter des Planeten

Wie gesagt, ich habe ein bis zwei Meisen. Aber eine noch größere Meise hatten all jene Hunderttausende, die in den vergangenen Monaten von der sogenannten Abwrackprämie, die die Politik perverserweise Umweltprämie genannt hat, Gebrauch gemacht haben.

So wie mein Vater. Bei seinem 230 E, Baureihe W210, toller Motor, aber sonst eines der qualitativ schlechtesten Autos, das Mercedes je gebaut hat, waren die Hydraulikleitungen durchgerostet - es dauerte nicht lange, und er ließ sich von der Abwrackprämie verleiten, diesen Wagen in die Schrottpresse zu geben. Wegen ein paar Leitungen. Das ist so, als würde man einen Computer wegwerfen, weil die Tastatur verdreckt ist.

Ich sage mit Stolz: Leuten wie mir, die einen 20 Jahre alten Wagen fahren und hegen - denen gebührt eine Umweltprämie. Wir praktizieren rollendes Recycling. Wir fahren die Wagen zu einem würdigen und effizienten Ende. Wir beherzigen das Prinzip der Nachhaltigkeit. Wir bewahren Ressourcen und sparen Energie. Jawohl, wir, die Alt-500er-Fahrer sind die wahren Naturschützer. Wir retten die Welt vor der Klimakatastrophe. Wir sollten die Steuerbefreiungen bekommen.

Warum? Ein 20 Jahre alter Wagen darf sich gern einen zusätzlichen Schluck aus dem Tank genehmigen. Er wird, davon bin ich überzeugt, im Laufe seines verbleibenden Lebens gar nicht so viel an zusätzlichem Sprit schlucken können, wie Energie und Rohstoffe aufgewandt werden müssen, um einen Neuwagen herzustellen, der an die Stelle eines abwrackprämierten Altwagens tritt. Von der Entsorgung des alten ganz zu schweigen.

Die Abwrackprämie ist eine Umweltsauerei

Die Abwrackprämie ist also nicht nur die größte Volksverdummung der vergangenen Jahre. Sie ist auch eine Umweltsauerei. Sie ist ein Machwerk der Autolobby, namentlich eine Idee des Herrn Wissmann, Autopräsident, der seiner Klientel die Montagebänder füllen wollte. Das ist ja soweit okay. Nur sollte man das dann auch sagen - und die Subvention nicht mit einem Öko-Mäntelchen umhüllen. Das ist wirklich frivol. Jetzt gibt es Nachrichten, die keinem wirklich neu sein sollten. Abertausende der Abwrackautos sind gar nicht verschrottet, sondern verschoben worden. Ein Aufschrei der Empörung geht durchs Land, Missbrauch von Steuergeldern! Der Finanzminister will wahrscheinlich wieder die Kavallerie ausrücken lassen.

Wir hingegen werden von einem wohligen Gefühl der Genugtuung durchströmt. Hoffentlich sind es mehr als die geschätzten 50.000, die nicht in der Presse gelandet sind. Ja, was haben sich die Herrschaften denn gedacht? Dass der wahre Autofreund und Connaisseur, der Taxifahrer in Nairobi und Beirut oder Kabul tatenlos zusieht, wie all die gut eingefahrenen Autos aus Deutschland zu koffergroßen Würfeln zerdrückt werden, wo man doch noch jahrzehntelang und über Hunderttausende von Kilometern Fahrgäste damit hätte transportieren können?

Gute Nachrichten für Big Ben

Was lernen wir - wieder einmal? Der freie Markt, und sei es der Schwarzmarkt, hat Gott sei Dank über den Staatsinterventionismus gesiegt. Das ist vielleicht rein rechtlich zu beanstanden, ethisch aber ist es ein Triumph, der in der Tiefe ihres marktwirtschaftlichen Herzens auch Angela Merkel glücklich machen muss. Sie fährt übrigens privat einen alten Golf. Das ist noch mehr rollendes Recyling als ein 500er, zugegeben.

Ich habe gestern nach der Rückkehr aus dem Urlaub Big Ben ein bisschen seinen schönen runden Hintern getätschelt und ihm von den neuesten Nachrichten erzählt. Er schnurrte beim Anlassen daraufhin zufrieden. Jetzt hoffen wir beide gemeinsam, dass der 230er meines Vaters vielleicht auch überlebt hat und irgendwo in den Weiten Afrikas noch viele schöne trockene Jahre erlebt.

Das Klima ist dort auch viel besser für ihn, weil seine Karosserie und seine Hydraulikleitungen hierzulande bei Salz und Schnee und Nässe so fürchterlich rosten.

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