Bilanz "Jahrhundert der Mobilität"

Die Statistiker des Kraftfahrt-Bundesamts haben Bilanz gezogen. Nach fast hundert Jahren ist das Auto in Deutschland zum Beförderungsmittel Nummer eins geworden. So gab es 1907 rund 11.000 Fahrzeuge auf den Straßen. Heute sind es 51 Millionen - 4636-mal so viele.


1924 produzierte Opel am Fließband und steigerte damit den Absatz um das Zehnfache
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1924 produzierte Opel am Fließband und steigerte damit den Absatz um das Zehnfache

1924 war die Anzahl an Personenwagen bereits auf 130.000 Autos gewachsen. Dazu knatterten rund 100.000 Motorräder über die damals noch holprigen Straßen. Heute werden allein in zwei Wochen so viele Fahrzeuge neu zugelassen. Aufsehen erregend war 1924, dem Jahr der ersten Berliner Autoschau, die Präsentation des legendären "Kommissbrotes" - eines Einzylinders mit 499 Kubikzentimetern Hubraum. Dem amerikanischen Beispiel folgend setzte in Deutschland die Pkw-Massenproduktion ein. Schleunigst passten die Verkehrshüter die Straßenvorschriften an. Fortan galt eine generelle Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern innerhalb geschlossener Ortschaften.

1938 wurde die "Straßenverkehrsordnung" gesetzlich verankert und die erste kreuzungsfreie Straße gebaut. 3,2 Millionen Kraftfahrzeuge aller Art zählten die Statistiker vor 60 Jahren. "Aber die Idee der allgemeinen Mobilität wurde auch zur Mobilmachung der Nationalsozialisten", heißt es in einem KBA-Statistikbericht.

Nach dem Krieg entwickelte sich die Autoindustrie zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Kamen Mitte der vierziger Jahre nur vier Pkw auf 1000 Einwohner, so waren es zehn Jahre später bereits 33. Zurzeit kommen 516 Personenwagen auf 1000 Bundesbürger. Der deutsche Pkw- Bestand wuchs schnell: 1966 waren zehn Millionen, zehn Jahre später 20 und 1990 rund 30 Millionen Personenwagen registriert. 1995 gab es 40 Millionen Autos. Gegenwärtig sind es 42,3 Millionen.

Anfangs hatten die deutschen Autofahrer mit Vorliebe auf "Eigenprodukte" gesetzt. In den siebziger Jahren dann wurde es auf den Straßen internationaler. Die Marktanteile vor allem von französischen und italienischen Pkw stiegen. Die Japaner folgten verstärkt in den achtziger Jahren. 66,4 Prozent der Neufahrzeuge kommen inzwischen aus dem Ausland - davon zehn Prozent aus Japan, 8,2 Prozent aus Frankreich und 3,9 Prozent aus Italien.

Das Auto wurde dabei vielfach auch zum Kultobjekt. Im Westen war es der "Käfer", vom dem bereits bis 1953 schon eine halbe Millionen Stück vom Band liefen. Seit Anfang der sechziger Jahre wurde in der Ex-DDR der "Trabant" produziert. "Er wurde im Osten geliebt und gehätschelt wie der Käfer im Westen." Anhaltend hoher Stückzahlen durfte sich der "Kadett" erfreuen sowie die französische "Ente".

An der Jahrtausend-Schwelle gibt es in Deutschland noch sorgsam gehütete Restbestände der alten Renner: 101.100 Käfer, gut 228.000 Trabbis sowie 37.500 Enten. Überhaupt befinden sich nur 1,4 Prozent (etwa 600.000 Autos) der Pkw noch im Verkehr, die vor 1980 gebaut worden sind. Autos mit Dieselmotor sind immer weit in der Minderzahl geblieben, wenn ihr Anteil auch seit 1980 (rund fünf Prozent) auf heute 13,3 Prozent geklettert ist. Neben den Benzinern (86,6 Prozent) fahren in Deutschland verschwindend wenige Autos mit Elektro- oder Gasantrieb. Bundesweit sind dies nur rund 5400 Fahrzeuge.

Friedhelm Caspari



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