Fotoband "Als der Käfer laufen lernte" Die Bilderbuch-Produktion

Es sind Einblicke in den Maschinenraum des Wirtschaftswunders: Ein neuer Bildband präsentiert bislang unbekannte Fotos aus dem VW-Werk in den frühen fünfziger Jahren. Gemacht wurden die Aufnahmen am Set eines Kassenschlagers.

Bildarchiv Schroedter

2,25 Mark Stundenlohn erhielt ein VW-Arbeiter 1954. Mehr als 25.000 Menschen waren damals bei Volkswagen beschäftigt, sie produzierten in diesem Jahr - der Krieg war noch kein Jahrzehnt vorbei - exakt 202.174 Exemplare des Käfer. Es war die Zeit der großen Wunder: Bei der Fußballweltmeisterschaft geschah das "Wunder von Bern", und in Deutschland trug sich das Wirtschaftswunder zu. In den Produktionszahlen von VW war der damalige Aufschwung abzulesen. Wie der Arbeitsalltag in Wolfsburg aussah, dokumentiert der nun erschienene Bildband "Als der Käfer laufen lernte". Darin zu sehen sind 181 bislang unveröffentlichte Schwarzweißfotos.

Erst vor gut einem Jahr tauchte der in einem Koffer gelagerte Bilderschatz von einigen tausend Negativen bei einer Haushaltsauflösung auf. Die beiden Gründer des Hamburger Automuseum "Prototyp", Oliver Schmidt und Thomas König, konnten ihn privat erwerben und brachten daraufhin gemeinsam mit dem ehemaligen VW-Archivar und Autor Bernd Wiersch sowie dem Delius Klasing Verlag das Buchprojekt auf den Weg.

Die Fotos, die alle Facetten der Käfer-Produktion und des Arbeitslebens im VW-Werk in den frühen fünfziger Jahren zeigen, dienten damals als eine Art Vorprodukt. Es waren Skizzen für einen Dokumentarfilm, die vor und während der Dreharbeiten im Sommer und Herbst 1953 aufgenommen wurden; an eine Veröffentlichung war nie gedacht. Jetzt geben sie aber präzise Einblicke, wie vor 60 Jahren Autos entstanden. Und zwar vom Gießen von Motorteilen über das Bündeln von Elektrokabeln bis hin zu den Näharbeiten am Bodenbelag.

Heute werden etliche der Produktionsschritte von Zuliefererfirmen erledigt, damals fand das alles noch in Wolfsburg statt. Nie zuvor oder danach war die Fertigungstiefe bei VW so groß wie Anfang der fünfziger Jahre. "Die lag damals bei schätzungsweise gut 80 Prozent", sagt Autor Wiersch.

Frühes Beispiel für einen abendfüllenden Imagefilm

Der damals produzierte Film gilt inzwischen als Klassiker des Industriefilmgenres. In Auftrag hatte ihn der damalige VW-Generaldirektor Heinrich Nordhoff gegeben. Er wollte damit das für diese Zeit hohe technische Niveau der Fertigung, die daraus resultierende Qualität der Autos und vor allem die Wiederaufbauleistung nach dem Krieg - 1945 war das VW-Werk zu zwei Dritteln zerstört - einer breiten Öffentlichkeit nahebringen.

"Aus eigener Kraft" heißt die Doku von 85 Minuten Länge, die damals beim Dokumentarfilmfestival in Venedig für die bemerkenswerte Farbfotografie in Agfacolor ausgezeichnet wurde. Um den laut Filmbroschüre "Geburtsakt des populärsten Automobils" möglichst eindrucksvoll zu inszenieren, setzte VW auf ein Staraufgebot: Als Sprecher wurde der Schauspieler Hans Nielsen engagiert, der dem Publikum als Synchronstimme von Fred Astaire, Errol Flynn oder Gary Cooper bekannt war; die Berliner Philharmoniker spielten die Hintergrundmusik ein, und Regie führte Franz Schroedter.

Schroedter hatte für VW bis dahin die IAA-Messestände gestaltet und für Furore gesorgt, als er 1951, bei der ersten Nachkriegs-IAA in Frankfurt, auf dem VW-Stand eine Anzeige aufstellte, die alle zwei Minuten um eine Ziffer weiter sprang: es war die Produktionszahl aus Wolfsburg.

Leistung, Wachstum, Erfolg - das ist die zentrale Botschaft des Schroedter-Films, der "zugleich eine besondere Form des kollektiven Vergessens" kultiviere, wie Günter Riederer in Band 16 der VW-Schriftenreihe "Historische Notate" schreibt. Begründung: Es werde weder "die besondere Vorgeschichte des Volkswagens, die Gründung des Werks im Nationalsozialismus noch der Ausbau zu einem kriegswichtigen Betrieb" erwähnt.

Dennoch, und vielleicht auch gerade deshalb, wurde "Aus eigener Kraft" zu einem Erfolg für VW. Nach der Uraufführung im Frühjahr 1954 sahen mehrere hunderttausend Menschen den Film, der in Kinos, aber auch bei etlichen VW-Händlern gezeigt wurde.

Zeitreise in die Autoproduktion der frühen Fünfziger

Die Fotos im jetzt erschienenen Buch wirken weitaus weniger pathetisch als die Filmbilder - allein schon weil die dramatische Musikuntermalung fehlt. Stattdessen glaubt man als Betrachter, das Dröhnen von Pressen oder das Zischen von Schweißgeräten zu hören. Und der Text von Autor Wiersch stellt durchaus historische Bezüge her, obgleich die Zeit vor 1945 ebenfalls keine Erwähnung findet.

Die Schwarzweißfotografien jedoch sind erstaunliche Zeitdokumente der Industriegeschichte - zumal im Vergleich zu modernen, nahezu vollautomatisierten Produktionsanlagen, in denen die Fußböden oft genauso glänzen wie die frisch lackierten Karosserien. Und so ist der Bildband in zweifacher Hinsicht eine Zeitreise: Er begleitet beispielhaft den Bau eines VW Käfers, und er zeigt das Innenleben der Autoproduktion in Wolfsburg vor 60 Jahren. Zahlreiche Motive sind ab sofort bis zum Sommer 2014 auch als großformatige Bilder in einer Sonderausstellung des Museums Prototyp in Hamburg zu sehen.

Bernd Wiersch: "Als der Käfer laufen lernte. Bilder vom Band: Die VW-Produktion der frühen Jahre", 224 Seiten, 181 Fotos, Delius Klasing Verlag, 39,90 Euro.

Mehr zum Thema


insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pubsfried 27.10.2013
1. Es heisst....
Bodengruppe (nicht BodenPLATTE), montiert wird die KURBELwelle (nicht die Nockenwelle) auf dem Bild, ebensowenig gibt es Bodenbeläge (das sind bei mir Fliesen und Laminat), sondern FUSSMATTEN. Und das waren nur die Texte zu den Bildern. Den Rest habe ich mir dann erspart. Na, lieber Autor, wohl doch nicht so der Autospezialist !?
siebke 27.10.2013
2. Vergangenheit
Sehe ich die Bilder......so denke ich an mein Ersten VW,habe noch die Rechnung 850 DM gebraucht, Er hat m mich lange Jahre nie im Stich gelassen.Außer im Winter die Heizung u. beschlagenen Scheiben. Denke viele der früheren Jahrgänge haben mit einem VW-Käfer das fahren gelernt und einparken!
elveda 27.10.2013
3. Nockenwelle untenliegend
Zitat von pubsfriedBodengruppe (nicht BodenPLATTE), montiert wird die KURBELwelle (nicht die Nockenwelle) auf dem Bild, ebensowenig gibt es Bodenbeläge (das sind bei mir Fliesen und Laminat), sondern FUSSMATTEN. Und das waren nur die Texte zu den Bildern. Den Rest habe ich mir dann erspart. Na, lieber Autor, wohl doch nicht so der Autospezialist !?
Falls Sie das Bild Nr. 4 meinen: Es ist tatsächlich die Nockenwelle, der damalige Boxermotor hatte untenliegende Nockenwellen.
tplus 27.10.2013
4. Es ist die Nockenwelle...
...die der Schrauber da montiert. Definitiv.
susiwolf 27.10.2013
5.
sowie S-p-a-n-platten oder auch Holzspäne -Metallspäne. Er ist männlich - der Span. Hat aber nichts mit Spanien zu tun. Auch nicht mit'm Spaniel.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.