Bio-Ethanol Fahren mit Alkoholeinfluss

Bis wir mit Wasserstoff fahren, dauert es wohl noch ein Weilchen. In der Zwischenzeit könnte Bio-Ethanol dabei helfen, den CO2-Ausstoß der Automassen zu drosseln. Ford hält den Alkohol für den geeignetsten Treibstoff für die nächsten Jahrzehnte.


Wolfgang Schneider, Vizepräsident von Ford Europa, fängt ganz von vorne an: "Das Ford Modell T, unser erstes Massenauto vor rund 100 Jahren, konsumierte etwa 20 Liter Benzin pro 100 Kilometer und stieß dabei 450 Gramm CO2 pro Kilometer aus." Bei heutigen Kompaktwagen liegen die entsprechenden Werte rund zwei Drittel niedriger. Dennoch wird die CO2-Belastung der Atmosphäre insgesamt immer dramatischer - und daran hat auch der motorisierte Straßenverkehr einen gehörigen Anteil. Schneider will das auch gar nicht wegdiskutieren: "Der CO2-Ausstoß ist die Herausforderung, die wir angehen müssen."

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Aber wie? Die weitere Reduzierung des Spritverbrauchs erfordert immer größere technische Anstrengungen, auch deshalb, weil die Autos aufgrund zunehmender Sicherheits- und Komfortausstattung stetig schwerer werden. Es kommt also darauf an, womit die Verbrennungsmotoren betrieben werden. Welche ad hoc nutzbaren Alternativen zu Benzin und Diesel gibt es? Erdgas wäre eine, der CO2-Ausstoß liegt um rund ein Viertel niedriger als bei Benzin. "Oder eben Bio-Ethanol, wo wir in der Gesamtbetrachtung einen CO2-Vorteil von 70 Prozent gegenüber Benzin erreichen können", sagt Schneider.

"Bio-Ethanol ist eine kurzfristig verfügbare und sinnvolle Lösung für einige Probleme, die durch den Straßenverkehr entstehen", sagt Jan-Ake Jonsson, Chef des schwedischen Autoherstellers Saab. "Wir brauchen weder neue oder teure Technik im Auto, wir können Bio-Ethanol sofort nutzen und die flächendeckende Versorgung über die schon bestehende Infrastruktur gewährleisten." Es ist nicht überraschend, dass Ford und Saab auf der Bio-Ethanol-Welle reiten. Beide Hersteller haben Autos im Angebot, die Benzin und Bio-Ethanol pur oder in jeder beliebigen Mischung vertragen. In Schweden laufen die Geschäfte mit diesen sogenannten Flexi-Fuel-Autos prächtig. Saab verkauft in seinem Heimatland rund die Hälfte aller Modelle mit dieser Technik, Ford ist in Schweden seit vier Jahren mit Bio-Ethanol-Fahrzeugen präsent und setzte in dieser Zeit rund 16.000 Exemplare dort ab.

Höherer Verbrauch, aber auch höherer Motorleistung

Warum Schweden? Weil dort der Treibstoff E85 - der Name besagt, dass es sich um einen Mix aus 85 Prozent Bio-Ethanol und 15 Prozent Benzin handelt - günstig hergestellt werden kann. Aus den Abfällen der holzverarbeitenden Industrie nämlich destillieren Spezialfirmen die hochprozentige Flüssigkeit, die den Autos Beine macht. Schwappt Bio-Ethanol im Tank, erhöht sich die Leistung des Motors, beim Saab 9-5 zum Beispiel von 150 auf 180 PS; allerdings steigt auch der Verbrauch um etwa ein Drittel an. Ein deutlicher CO2-Vorteil bleibt dennoch erhalten - und günstiger für den Autofahrer ist Bio-Ethanol obendrein.

In Schweden kostet E85 rund ein Viertel weniger als Benzin. In Deutschland könnte Bio-Ethanol, für dessen Produktion aus Zuckerrüben oder anderen Pflanzen bereits einige Anlagen errichtet wurden, zum Preis von zirka 90 Cent je Liter an die Tankstellen kommen. Bis 2009 nämlich ist der Treibstoff von der Mineralölsteuer befreit.

Abgesehen von dieser Steuerbefreiung: Derzeit streiten die Experten, wie teuer die Herstellung von Bio-Ethanol tatsächlich ist. Es gibt Stimmen, die halten eine Verarbeitung der EU-Agrarüberschüsse in Bio-Ethanol für sinnvoll und glauben, allein dadurch sei der Agrarhaushalt der Europäischen Union um Millionenbeträge zu entlasten. Andere Fachleute halten dem entgegen, dass schon die Entstehung der Überschüsse massiv subventioniert wird. Die gegenwärtigen drei großen und nagelneuen Bio-Ethanol-Produktionsanlagen in Deutschland könnten pro Jahr rund 500.000 Tonnen des Kraftstoffs herstellen. Zu welchem wirklichen Preis, das will oder kann derzeit offenbar keiner präzise sagen.

Nicht nur aus diesem Grund wird Bio-Ethanol vorerst ein Kraftstoff bleiben, über den man im Konjunktiv schreiben muss. Ford und Saab bieten zwar ihre Flexi-Fuel-Modelle nun auch in Deutschland an, doch bislang gibt es erst eine Zapfsäule: auf dem Gelände eines Ford-Händlers in Bad Homburg. Die Anlage ist seit letzter Woche rund um die Uhr öffentlich zugänglich, und wer dort Sprit fassen möchte, kann dies mittels Chipkarte tun. Die Initiative von Ford-Händler Knut Kreissl ist bis jetzt ein Einzelfall.

Verweigerungshaltung der Mineralölkonzerne

Die Mineralölindustrie nämlich winkt ab. "Da gibt es bislang kein Interesse", sagt Ford-Vorstand Schneider. "Aber wir setzen auf freie Tankstellen und hoffen, dass es in zwei bis drei Jahren zumindest in allen größeren Städten Bio-Ethanol-Zapfsäulen gibt." In Schweden ging diese "Guerilla-Taktik" auf, und irgendwann entschloss sich mit der kuweitischen Marke Q8 auch einer der Multis zum Verkauf des Öko-Sprits - die anderen zogen selbstverständlich nach. Schneider schätzt, dass mit den deutschen Bio-Ethanol-Produktionskapazitäten aus nachwachsenden Rohstoffen "vielleicht 20 bis 25 Prozent des gesamten Kraftstoffbedarfs" abgedeckt werden könnten. "Und zwar ohne Monokulturen von Zuckerrüben oder Kartoffeln." Zwar sei Bio-Ethanol "auch nicht die Lösung aller Umweltprobleme, aber es ist ein viel versprechender Ansatz."

In diesem Sinne liegt Brasilien ganz weit vorn. Dort macht seit 30 Jahren aus Zuckerrohr hergestelltes E100 einen wesentlichen Teil der Kraftstoffversorgung aus. Auch deutsche Hersteller, allen voran VW, bieten dort Autos an, die problemlos mit Alkohol fahren. Die Technik also ist vorhanden, die Tankstellen-Infrastruktur ebenfalls - nun fehlt nur noch der Wille zum Fahren mit Alkoholeinfluss. Am Preis jedenfalls dürfte der Versuch, einen alternativen Kraftstoff zu etablieren, nicht scheitern. Die Ford-Flexi-Fuel-Modelle kosten gegenüber den Benzinern lediglich 300 Euro mehr.



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