Biokraftstoffe aus Abfällen Europas Müll könnte zwölf Prozent des Spritbedarfs decken

Auftanken mit Frittenfett ist offenbar eine ernsthafte Alternative zum umstrittenen Biosprit aus Rohstoffen. Laut einer Studie steckt in der Kraftstoffgewinnung aus Abfällen ein gewaltiges ökonomisches Potential. Trotzdem plant die EU eine Abkehr.
Biosprit-Raffinerie: Aus Abfällen wird Kraftstoff

Biosprit-Raffinerie: Aus Abfällen wird Kraftstoff

Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ dpa

Manche Kostbarkeiten werden unterschätzt. Altes Frittenfett zum Beispiel. Nachdem darin knusprige Pommes gebraten worden sind, steht dem schmierigen Stoff noch eine zweite Karriere bevor - als wertvoller Rohstoff für die Herstellung von Biosprit. Das gleiche gilt für Gartenlaub, Speisereste, Sägemehl, abgemähtes Gras oder vollgekritzeltes Papier.

In dem ganzen Müll steckt laut einer Studie ein gigantisches Potential: Würden sämtliche verfügbaren Abfälle und Reste in der EU zu Kraftstoffen weiterverarbeitet, ließe sich zwölf Prozent des gesamten Spritbedarfs in Europa decken - und damit im Vergleich zu fossilen Brennstoffen der Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens 60 Prozent reduzieren. Derzeit ist der Anteil von aus Abfällen generiertem Sprit allerdings noch verschwindend gering.

Die Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wurde von einem Konsortium aus Umweltorganisationen und Unternehmen erstellt und unterstützt, darunter WWF , Transport and Environment  ,European Climate Foundation , Petrotec  und British Airways.

Die Macher der Untersuchung haben nach eigener Darstellung die gesamte Wertschöpfungskette des Biokraftstoffs berücksichtigt, also von der Energiegewinnung über die Speicherung und den Transport bis zum Energieverbrauch (Well-to-Wheel). Gleichzeitig wurde bei der Berechnung des Potentials auf verschiedene ökologische Aspekte Rücksicht genommen.

So wird die verfügbare Menge an Abfällen und Resten in der EU auf rund 900 Millionen Tonnen pro Jahr geschätzt - davon ließen sich jedoch höchstens 225 Millionen Tonnen als Rohstoff für Biosprit verwenden. Denn ein Großteil der vorhandenen Masse spielt eine wichtige Rolle für das natürliche Gleichgewicht oder eignet sich besser für eine andere Art des Recyclings.

Bloß kein Desaster wie bei E10

Die konservative Rechenweise ist angebracht, sonst droht das gleiche Schicksal wie beim Biokraftstoff E10, der aus Pflanzen gewonnen wird: Zum einen werden hier beim Anbau oftmals Wälder gerodet, zum anderen steht die Verwendung als Rohstoff in Konkurrenz zur Nutzung als Lebensmittel. Die schlechte Umweltbilanz und die "Teller statt Tank"-Diskussion hatten für das Image von Biokraftstoffen verheerende Auswirkungen.

Letztendlich soll die Betonung der strengen Kriterien dazu dienen, die Botschaft der Studie zu unterstreichen. Und die lautet: Im Biokraftstoff aus Müll steckt die Zukunft - nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus ökonomischer Perspektive. Denn würde die Biokraftstoff-Industrie zur Ausschöpfung des vollen Potentials ausgebaut werden, prognostiziert die Studie bis 2030 mehr als 300.000 neue Jobs in Raffinerien und in der Landwirtschaft sowie Erträge von 15 Milliarden Euro im Agrarsektor der EU.

Um diese Ziele zu erreichen, muss allerdings noch kräftig investiert werden. Aber genau hier liegt der Knackpunkt: Denn die EU-Kommission ist offenbar nicht gewillt, Anreize für die Produktion von alternativen Kraftstoffen zu schaffen. Bester Beweis dafür ist eine Absichtserklärung aus Brüssel, die widersprüchlicher nicht sein könnte.

Wichtigster Förderanreiz soll abgeschafft werden

Bisher fördert die EU die Herstellung von Biosprit durch die sogenannte Kraftstoffqualitätsrichtlinie: Demnach müssen Anbieter von Kraftstoffen die Klimabilanz ihrer Produkte bis 2020 um mindestens sechs Prozent verbessern. Erreichen können sie diese Vorgabe einerseits durch eine Optimierung der eigenen Produktionsabläufe, also zum Beispiel durch geringeren Stromverbrauch oder weniger Emissionen bei der Produktion. Wesentlich einfacher aber können sie das Ziel erreichen, indem sie ihrem Kraftstoff Biosprit beimischen.

Dieses Förderinstrument wird von den Machern der Studie ausdrücklich gelobt - umso schlimmer finden sie es, dass es laut eines Vorschlags der EU-Kommission gestrichen werden soll.

Im entsprechenden Text schreibt die Kommission, es sei "nicht angebracht, nach 2020 weiter Ziele hinsichtlich erneuerbarer Energien oder der Treibhausgas-Intensität von Kraftstoffen zu setzen". Und das, obwohl es ein paar Zeilen weiter unten heißt, die Entwicklung von Biokraftstoffen aus Abfällen solle vorangetrieben werden.

Laut Angaben eines Brancheninsiders ist ein außereuropäisches Land die treibende Macht hinter der Aufhebung der Kraftstoffqualitätsrichtlinie: "Mit Hilfe von Großbritannien übt Kanada viel Einfluss auf die Kommission aus", sagte er SPIEGEL ONLINE. Kanadas Interessen erklärt er so: "Dort gibt es gigantische Reserven an Teersand, aus dem Öl gewonnen wird. Die Herstellung ist jedoch extrem energieaufwendig und verträgt sich nicht mit den ökologischen Vorgaben der EU." Weil aber Unternehmen aus Großbritannien in die Förderung von Teersand investieren, führe der Inselstaat eine Gruppe von Gegnern der Kraftstoffqualitätsrichtlinie an.

Mit der Studie soll die Richtlinie verteidigt werden. Dabei spielen nicht nur ökologische Erwägungen eine Rolle. Denn auch die Unterstützer der Umweltorganisationen - die beteiligten Unternehmen betreiben entweder selbst Raffinerien oder investieren in die Produktion - haben ein großes wirtschaftliches Interesse daran, die Förderung von Biokraftstoffen aus Abfällen aufrecht zu erhalten oder sogar auszubauen.

"Vorschlag der EU-Kommission abwarten"

Die Bundesregierung betont unterdessen, wie sehr ihr die Förderung von Biokraftstoffen am Herzen liegt - und verweist auf ein Gesetz, wonach der Gesamtenergiegehalt aller Kraftstoffe zu mindestens 6,25 Prozent aus alternativen Quellen bestehen muss. Kraftstoffe aus Abfällen dürfen dabei wegen ihrer vorbildlichen Treibhausbilanz doppelt auf die Quote angerechnet werden. Im Klartext: Ein Liter Biodiesel aus Speisefett zählt soviel wie zwei Liter aus Rapsöl.

Sollte die EU jedoch die Kraftstoffqualitätsrichtlinie abschaffen, steht auch in Deutschland die Förderung in Frage: Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte das zuständige Bundesumweltministerium vage, man wolle einen Vorschlag der EU-Kommission abwarten und wird "sich dann eine Meinung bilden".

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