Biokraftstoffe Europa giert nach Palmöl

Eigentlich soll Palmöl im Kraftstoff das Klima schützen. Nach Ansicht von Umweltschützern ist das Gegenteil der Fall.
Gerodeter Wald auf der Insel Borneo

Gerodeter Wald auf der Insel Borneo

Foto: AFP

Die Rechnung klingt simpel: Bei der Verbrennung von Biokraftstoffen kann nur so viel Kohlendioxid (CO2) in die Luft gelangen, wie die dafür verarbeitete Pflanze vorher aus der Luft aufgenommen hat. Macht unterm Strich: null Emissionen. Klimafreundlicher gehts nicht, möchte man meinen.

Doch so einfach ist die Sache nicht - sonst würden nicht ausgerechnet Umweltschützer wie Leif Miller zu den größten Kritikern von Biokraftstoffen zählen. Miller ist Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland  (NABU), und in Anlehnung an die VW-Abgasaffäre sieht er derzeit ein "Biodieselgate" in Gange. Hinter der vermeintlich klimafreundlichen Biokraftstoffpolitik der EU verbirgt sich nach seiner Ansicht eine "schmutzige Wahrheit".

Millers Wut richtet sich vor allem gegen einen bestimmten Rohstoff: Palmöl.

Mehr Schaden als Nutzen für die Umwelt

Palmöl wird - wie zum Beispiel auch Rapsöl - Diesel beigemischt. Ziel ist es, den Anteil an fossilen Brennstoffen wie Erdöl zu verringern, da somit Ressourcen geschont werden und der CO2-Emissionwert pro verbrauchter Menge Kraftstoff sinkt. Dafür hat sich die EU zwei Ziele gesetzt:

  • Eine Richtlinie der EU sieht vor, dass sich der Anteil an erneuerbaren Energien - dazu zählen neben Wind- oder Wasserenergie auch Biokraftstoffe - im gesamten Verkehrssektor der Mitgliedsstaaten bis ins Jahr 2020 auf mindestens zehn Prozent beläuft.
  • Zudem soll laut einer EU-Richtlinie die Emission von Treibhausgasen von Kraftstoffen im Jahr 2020 um mindestens sechs Prozent geringer sein als 2010. Biokraftstoffe spielen dabei eine wichtige Rolle: Beim Bundeswirtschaftsministerium heißt es beispielsweise, dass diese Ziele "im Wesentlichen" durch Biodiesel oder Bioethanol erfüllt werden.

Ressourcenschonung und weniger Treibhausgase, das hört sich zunächst sinnvoll an - doch gerade wenn Palmöl als Grundlage für Biokraftstoffe dient, sind die Folgen für die Umwelt laut NABU-Chef Miller nicht positiv, sondern "fatal". Denn zum Anbau der Palmölpflanze, der fast ausschließlich in Südostasien, Lateinamerika und Afrika stattfindet, würden in diesen Regionen Wälder abgeholzt und Moore zerstört. Letztendlich werde der Umwelt dadurch mehr geschadet als geholfen.

Arbeiter in Malaysia verladen auf einer Plantage Früchte der Ölpalme

Arbeiter in Malaysia verladen auf einer Plantage Früchte der Ölpalme

Foto: DB Markus Radday/ picture-alliance/ dpa

Dieser Vorwurf ist nicht neu; seit Jahren weisen Umweltschützer auf die Nachteile von Biokraftstoffen im Allgemeinen und von Palmöl im Speziellen  hin.

Im Zentrum steht dabei das Problem der sogenannten Landnutzungsänderung: Palmöl muss, damit es zum Beispiel in Deutschland Kraftstoffen beigemischt werden darf, ausschließlich von bereits landwirtschaftlich genutzten Flächen stammen. Somit soll verhindert werden, dass für den Anbau zum Beispiel Regenwälder gerodet werden. Zudem wird bei der Berechnung der CO2-Bilanz die gesamte Herstellungs- und Lieferkette von Palmöl berücksichtigt - das schreibt eine sogenannte Nachhaltigkeitsverordnung der Bundesregierung vor.

Was dabei jedoch nicht berücksichtigt wird: Die vorhandenen Flächen für den vorschriftsmäßigen Anbau von Palmöl für Biodiesel sind weitestgehend ausgelastet. Das führt dazu, dass Plantagenbetreiber für den Anbau von Palmöl für andere Zwecke - zum Beispiel für Tierfutter oder Kosmetikprodukte - auf neue Flächen ausweichen und somit trotzdem Wälder geholzt und Moore trocken gelegt werden.

Verbrauch von Palmöl für Treibstoffe ist extrem gestiegen

Neue Brisanz bekommt das Thema jetzt durch eine Studie, die der NABU gemeinsam mit der Umweltorganisation Transport and Environment  (T&E) erstellt hat. Sie stützt sich auf Zahlen des europäischen Pflanzenölverbands Fediol .

  • Demnach hat sich die Menge an Palmöl, die in der EU für die Beimischung von Biokraftstoffen verwendet wird, in den Jahren 2010 bis 2014 versiebenfacht - von 456.000 Tonnen auf 3,2 Millionen Tonnen .
  • 45 Prozent der in der EU genutzten Gesamtmenge an Palmöl wandere damit in den Tank. Vor sechs Jahren waren es laut der Studie gerade mal acht Prozent . Währenddessen sei der Anteil, der für Nahrungsmittel, Tierfutter und Industrieprodukte verwendet wurde, jeweils gesunken.

Der Grund für den extrem gestiegenen Verbrauch von Palmöl für Treibstoffe ist nach Ansicht sowohl von Umweltschutzorganisationen als auch von Industrieverbänden die seit einigen Jahren gesteigerte Produktion sogenannter hydrierter Pflanzenöle (HVO). Sie werden als Biokraftstoff vor allem Diesel beigemischt und basieren fast ausschließlich auf dem billigen Palmöl. Im Vergleich zu Diesel aus fossilen Brennstoffen ist die Treibhausgas-Emission von HVO laut EU-Richtlinie nur halb so hoch.

Zapfpistole für Biodiesel

Zapfpistole für Biodiesel

Foto: A3602 Frank Rumpenhorst/ dpa/dpaweb

Doch genau an diesem Punkt ist man wieder bei der Diskussion um den tatsächlichen Sinn von Biokraftstoffen - und wieviel die CO2-Berechnung ohne die Berücksichtigung der Landnutzungsänderungen wert ist. Die Kritik der Umweltschützer richtet sich deshalb vor allem gegen die EU: Sie müsse die Nachhaltigkeitskriterien für die Nutzung von Palmöl verschärfen und berücksichtigen, dass die gestiegene Nachfrage nach Palmöl dazu führt, dass in Ländern wie Indonesien eben doch Regenwälder gerodet werden.

Gegen die Berücksichtigung solcher globaler Betrachtungsweisen sträuben sich allerdings Funktionäre wie Elmar Baumann, Geschäftsführer beim Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie  (VDB). Sie seien "methodisch unhaltbar". Stattdessen, so Baumann, sollten strenge gesetzliche Nachhaltigkeitsregelungen für alle Bereiche gelten: "Wird Palmöl nachhaltig produziert, ist gegen den Einsatz im Biokraftstoffbereich nichts einzuwenden."

"Diese Effekte zu ignorieren wäre unsinnig"

Dass die genauen Auswirkungen der Landnutzungsänderungen schwer zu messen sind, darüber sind sich fast alle Experten einig. Das sollte jedoch kein Grund sein, sie grundsätzlich außer Acht zu lassen, findet Martin von Lampe, Agrarmark-Experte der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  (OECD). "Diese Effekte zu ignorieren wäre unsinnig", sagt er, "man weiß schließlich, dass sie existieren und mit zusätzlichem Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase verbunden sind."

Ob solche Appelle in Brüssel Gehör finden, wird sich noch in diesem Jahr zeigen: Die EU-Kommission befasst sich derzeit mit den Richtlinien über erneuerbare Energien. In ein paar Monaten soll ein Vorschlag ausgearbeitet sein, dann werden die Mitgliedsstaaten über die künftigen Regeln für Biokraftstoffe entscheiden.