Polizisten beim Blitz-Marathon "Wer heute zu schnell fährt, ist ein Idiot"

Hauptkommissar Frank Hagedorn und Oberkommissar Frank Kickbusch sind zwei von 15.000 Polizisten, die beim bundesweiten Blitz-Marathon Autofahrer kontrollieren. "Man will schon einen erwischen", sagen sie. Doch Deutschlands Raser werden plötzlich zu Schleichern.

Von


Hamburg - Am Morgen des Blitz-Marathons, als der Verkehr noch ruht und die meisten Autofahrer schlafen, machen zwei Polizisten am Kriegerdankweg in Hamburg eine Laserpistole scharf. Hauptkommissar Frank Hagedorn, 57, und Oberkommissar Frank Kickbusch, 50, sind die ersten Kontrolleure an diesem "Tag der Radarfalle". Es ist sechs Uhr.

"Wer heute zu schnell fährt, ist ein Idiot", sagt Kickbusch und gibt gleich mal den Grundton für diese bundesweite 24-stündige Aktion vor. Den Blitz-Marathon finden beide Beamten okay. "Aber warum macht man den so publik?", findet Kickbusch.

Es ist eine Raser-Kontrolle mit Ansage. Der Blitz-Marathon wurde in sämtlichen Medien angekündigt. Fast jedes Bundesland hat die Stellen, an denen geblitzt wird, vorher veröffentlicht. Auch Hamburg hat sie verraten: 389 Kontrollpunkte in 300 Straßen.

Der Kriegerdankweg ist dabei eigentlich ein Missverständnis, sagen Hagedorn und Kickbusch. Die Bürger haben sich diesen Kontrollpunkt gewünscht, sie durften vor der Aktion mitentscheiden, wo geblitzt werden soll. Insgesamt hat die Stadt Hamburg 638 Anrufe und 1964 Mails mit Vorschlägen gezählt. 236 der 300 Straßen, die heute einbezogen werden, sind wie der Kriegerdankweg sogenannte "Wutpunkte".

Fotostrecke

9  Bilder
Polizisten beim Blitz-Marathon: Schleichen am Tag der Radarfalle
Jetzt stehen die beiden Polizisten also in einer beschaulichen Allee, wo Tempo 30 gilt. "Eine schöne Straße", sagt Hagedorn - hier passiert also nicht viel. Fragt man Anwohner auf dem Weg zur Arbeit, dann sagen die: "Jeden Morgen knallen die Verrückten hier durch." Ein Irrtum, glauben Hagedorn und Kickbusch. Das Problem sei, dass viele Leute die Geschwindigkeit von Autos nach dem Motorengeräusch beurteilen. Dabei können die meisten Autofahrer nur nicht richtig schalten, sagen die Beamten.

Warten auf Kaffee und Temposünder

Aber man will an diesem Tag auch mit den Bürgern ins Gespräch kommen, sagt Hagedorn. Er ist ein sogenannter Kontaktbeamter im Polizeirevier und soll mit den Autofahrern sprechen, sie notfalls ermahnen. Kickbusch hat eine Schulung für die Laserpistole absolviert. Gemeinsam sind sie also ein gutes Team, 67 Jahre Berufserfahrung.

Kickbusch misst die Geschwindigkeit der Autos: 22 km/h, 25 km/h, 18 km/h. Ein Fahrrad überholt einen Smart. "Normal ist das nicht", sagt er. Er kneift ein Auge zusammen und schaut durch das Zielfernrohr seiner Laserpistole.

Es ist dunkel, auf dem Bürgersteig liegt Laub. Nähert sich ein Auto, piept die mobile Blitzanlage wie ein kaputter Elektrowecker. "Man will schon einen erwischen", sagt Kickbusch. Aber die Autos schleichen über die Straße. "Eigentlich müssten die Anwohner jetzt mit Kaffee kommen, die wollten doch, dass wir hier messen", sagt er.

"Haben Sie nicht die Eichhörnchen gesehen?"

Kickbusch hat eine Hand am Abzug und eine in der Tasche. Es ist kalt. Früher setzte er bei solchen Anlässen auf heizbare Schuhsohlen, erzählt er. Hagedorn fällt ein Auto mit Warnblinkern auf. Aber es ist nur ein Anwohner, der auf diese Art jeden Morgen seinen Sohn verabschiedet.

Ein anderer Fahrer leuchtet mehrfach unkontrolliert mit dem Fernlicht auf, ist aber nicht betrunken: "Haben Sie nicht die Eichhörnchen gesehen?", fragt er Hagedorn. Der Kontaktbeamte nickt.

Wenn sie niemanden erwischen, dann sei das eigentlich ein Erfolg, wurde den Beamten gesagt. "Es ist wie eine Nacht ohne Einbrüche, das ist besser als jemanden festzunehmen", sagt Kickbusch. Bevor er gestern ins Bett gegangen ist, hat er noch seine Kinder gewarnt: Heute langsam fahren!

Um halb acht erwischen die Beamten dann doch einen Autofahrer, der zu schnell ist. Einen Taxifahrer. "Ach, verdammt", sagt der Mann, "heute Morgen habe ich noch daran gedacht." 40 km/h hatte er auf dem Tacho, das macht 15 Euro Strafe. Die Beamten zucken mit den Schultern. Auch der Taxifahrer ist kein Raser.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Der Blitzmarathon soll auch ein wenig die Frage beantworten: Wie tickt der deutsche Autofahrer? In Hamburg fährt er vor allem langsam. Niemand möchte an diesem Tag erwischt werden.

Im Kriegerdankweg blenden viele Autofahrer auf und warnen den Gegenverkehr. Oder sie fahren provozierend langsam an den Beamten vorbei. Manche winken und lachen dabei. "In diesem Beruf ist es eben so", sagt Kickbusch. "Es gibt kaum jemanden, der sich bedankt. Aber viele, die sich beschweren." Er hat jetzt kalte Hände.

Ein Smart tuckert an den Polizisten vorbei. Als er hinter ihnen ist, lässt er den Motor aufheulen und braust davon. "Die meisten glauben, dass ich so etwas persönlich nehme", sagt Kickbusch. "Aber das ist mir egal."

Inzwischen ist es hell geworden. Die Fahrer der Lieferfahrzeuge werden an diesem Tag zuerst die Nerven verlieren, glaubt Kickbusch. Sie werden den Tag der Radarfalle verdrängen und schnell wieder in ihren Trott verfallen.

Nach fast vier Stunden glaubt Kickbusch: "Wir kriegen heute keinen mehr." Er steht hinter seinem Stativ mit der Laserpistole, wie falsch geparkt. "Ich werde ja trotzdem bezahlt", sagt er.

Folgen Sie dem Autor auf Twitter

insgesamt 261 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
maggelan07 10.10.2013
1. wer vorher schon alles rausposaunt
........braucht sich nicht zu wundern, wenn keiner kommt ! Anstatt brav in den Medien wochenvorher zu verkünden, dass heute Blitz-Sause ist auf den Strassen, hätte die Polizei vielleicht sagen sollen: Irgendwahn...zwischen Oktober und November wird geblitzt....(was das Zeug hält...) Der genaue Tag bleibt aber Polizei-Geheimnis - weder Radiosender noch andere Medien wissen dann diesen Tag. Mal sehen, ob Porsche-Holger und Ferrari-Werner dann immer noch für 8 ganze Wochen den Schleichgang einlegen....das hält nämlich kein Raser lange durch.... Aber nein, alles vorher rausposaunen. Da wunderts nicht, wenn wieder Millionen Steuergelder verschwendet werden für Radar-Blitzer, die dann wieder in der Versenkung landen... ---
altmannn 10.10.2013
2. Im Gegensatz
Zitat von sysopRalph NitzHauptkommisar Frank Hagedorn und Oberkommisar Frank Kickbusch sind zwei von 15.000 Polizisten, die beim bundesweiten Blitz-Marathon Autofahrer kontrollieren. "Man will schon einen erwischen", sagen sie. Doch Deutschlands Raser werden plötzlich zu Schleichern. Blitz-Marathon: Mit der Polizei im Kriegerdankweg in Hamburg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/blitz-marathon-mit-der-polizei-im-kriegerdankweg-in-hamburg-a-926970.html)
zu Hamburg stehen in Hessen auch Blitzer an nicht angekündigten Stellen. Da wird noch mancher in die gut getarnte Falle tappen.
Na Sigoreng 10.10.2013
3. Doch Deutschlands Raser werden plötzlich zu Schleichern.
Genau! Ab morgen geben wir wieder Gas - aber mächtig! .... sonst verbraucht mein Auto zu wenig!
dorfneurotiker 10.10.2013
4. Der Beitrag zeigt klar,
dass die Aktion völlig überflüssig ist.
kurswechsler 10.10.2013
5. Kriminalisierung und sonst nur ein Grinsen!
Nochmals: ist jemand der 10 bis 15 km/h zu schnell fährt ein Raser? Oder ist jemand der exakt gem. Geschwindigkeitsbegrenzung umher schleicht ein dressierter Affe? Ich fahre viel habe selber seit Jahren Null Punkte und mir fallen kaum echte Raser auf. Hier wird eine Propaganda getrieben, die ihres gleichen sucht. Es sind ansonsten immer wieder die gleichen Dummköpfe, Unfähigen und Jugendlichen, die die meisten Verkehrstoten verursachen. Mit "rasen" hat das dann zwar auch was zu tun aber zumeist in Bereichen doppelt so schnell, wie erlaubt. Heute aber wird ohne Not die Masse der Autofahrer schlicht kriminalisiert, während einen die Polizei ansonsten nur mit einem Grinsen nach Hause schickt, wenn man sie fragt, wenn denn nun endlich der letzte Wohnungseinbruch aufgeklärt wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.