Bluetech-Allianz Blau, blau, blau blüht der Diesel auf

Mit missionarischem Eifer will Mercedes die Amerikaner zum Dieselmotor bekehren. Nun bekommen die Schwaben starke Partner für ihre Bluetec-Initiative. Neben Konzerntochter Jeep treten auch VW und Audi der Allianz bei. BMW denkt ebenfalls an Diesel, plant vorerst aber allein.


Große Worte brauchen einen großen Rahmen. Deshalb hatten sich die hohen Herren aus Stuttgart, Wolfsburg und Ingolstadt für ihre nicht mehr überraschende, aber deshalb nicht minder weitreichende Ankündigung am Vorabend der Los Angeles Auto Show keinen nüchternen Konferenzraum ausgesucht, sondern das Kodak-Theater gebucht. Dort, wo sonst die Acadamy ihre Oscars verleiht, riefen die Führungskräfte der deutschen Autoindustrie eine Allianz aus, die dem Diesel in den USA endlich zum Durchbruch verhelfen soll.

BMW 6-Zylinder-Dieselmotor: Die Bayern planen in den USA vorerst allein

BMW 6-Zylinder-Dieselmotor: Die Bayern planen in den USA vorerst allein

VW, Audi und auch die amerikanische Mercedes-Schwester Jeep schwenken auf den Weg der Schwaben ein und werden auf dem US-Markt künftig – so der Wortlaut des Memorandums - "Bluetec als einheitliche Bezeichnung für besonders saubere und verbrauchsarme PKW und SUV mit Dieselmotoren" verwenden. Unter dem gemeinsamen Dach werden allerdings alle beteiligten Hersteller "an eigenen technischen Lösungen arbeiten, um weltweit strengste Emissionsvorschriften zu erfüllen", so die Allianzpartner weiter.

Die Diesel-Offensive verspricht hohe Renditen

Dem Diesel in den USA den Weg zu bereiten, ist ein gleichermaßen ehrwürdiges wie einträgliches Ziel. Ehrwürdig, weil es Rohstoffvorräte streckt und Umweltbelastungen senkt – denn der Verbrauch eines Dieselmotors liegt zwischen 20 und 40 Prozent unter dem eines vergleichbaren Benziners. Und einträglich, weil Wirtschaftsforscher wie J. D. Powers für 2015 in den USA dem Diesel einen Marktanteil von mehr als 15 Prozent vorhersagen.

Die bislang nur von Mercedes benutzte Bezeichnung Bluetec steht für eine Abgasnachbehandlung, die insbesondere die Stickoxide (NOx) senkt. Das sei, so die Schwaben, die einzige Abgaskomponente, bei der ein Dieselmotor dem Benziner noch unterlegen ist. Zudem ist NOx eben jener Schadstoff, der in den USA bislang die Zulassung von Pkw mit Dieselmotoren erschwert und in einigen Staaten wie etwa in Kalifornien gänzlich verhindert hat.

Katalysator und Harnstoff-Einspritzung

Um diese Hürde zu nehmen, setzen die Ingenieure auf zwei Technologien. Im ersten Schritt kommen weiterentwickelte NOx-Speicherkatalysatoren zum Einsatz. Diese Motoren feiert Mercedes zwar als "sauberste Diesel der Welt". Doch senkt der zusätzliche Kat die Werte nur bei kleineren Fahrzeugen auf ein Niveau, das zumindest für die Mehrheit der US-Staaten ausreicht. In einigen Bundesländern bleiben die Straßen für diese Dieselmodelle aber weiterhin gesperrt. Dort dürfen die Selbstzünder, dann allerdings auch in schweren Geländewagen, erst mit einem sogenannten SCR-Katalysator losfahren, der Stickoxide unter Zugabe von Harnstoff in unschädlichen Stickstoff und Wasser aufspaltet.

Im Lkw funktioniert das schon problemlos. Doch für den Pkw brauchen die Entwickler noch etwas Zeit. Den Beginn der Bluetec-Ära hat Mercedes daher zunächst mit dem E 320 mit NOx-Speicherkatalysator gefeiert. Die ersten Fahrzeuge mit der sogenannten AdBlue-Einspritzung werden wohl, so hieß es in Los Angeles, 2008 auf den Markt kommen. "Dann gibt es die M-, die R- und die GL-Klasse mit einem Diesel, der in allen 50 US-Staaten verkauft werden kann." Ein ähnlicher Zeithorizont gilt für Autos wie den Audi Q7 oder den VW Touareg sowie für die ersten Bluetec-Modelle in Europa. VW allerdings hat schon jetzt ein Bluetec-Auto auf dem Messestand: Denn dort dreht sich das seriennahe Tiguan Concept, unter der Haube des kleinen Touareg-Bruders steckt ein Dieselmotor, der mit Speicherkat 90 Prozent weniger Stickoxide ausstößt, die US-Normen erfüllt und jetzt das Bluetec-Logo tragen wird.

In der Allianz fehlen Porsche und BMW

Mit der Allianz haben sich nun alle deutschen Hersteller mit US-Ambitionen zu einem schlagkräftigen Bündnis versammelt. Alle? Nicht ganz. In der Phalanx fehlen Porsche (weil die Sportwagenmarke keinen Diesel anbietet) und BMW (weil die Bayern erst einmal ihren eigenen Weg gehen wollen). Denn für sie hat Bluetec in der heutigen Form einen entscheiden Haken: Auch wenn die Motoren als die "saubersten Diesel der Welt" gefeiert werden, fehlt ihnen in einigen US-Staaten noch immer die Zulassung.

Das sind nun aber genau jene Bundesstaaten, in denen BMW die größten Umsätze mache, sagt Pressesprecher Rudolf Probst. "Für BMW wird der Diesel in den USA besonders interessant, wenn er tatsächlich in allen 50 Staaten verkauft werden kann", erklärt Probst und bittet um noch etwa zwei Jahre Geduld. "Dann werden auch wir mit Selbstzündern auf den Markt kommen", kündigt er an und erteilt dem Markenbündnis von Los Angeles vorerst eine Absag. "Erst muss die Abgasreinigung stabil und zuverlässig funktionieren. Welchen Namen diese Technologie dann tragen wird, ist für uns zweitrangig"

Auch Marktbeobachter wie Paul Newton von Global Insight sehen das Bündnis eher skeptisch: "Der langfristige Erfolg des Diesels in den USA hängt vor allem vom Engagement der heimischen Hersteller ab, die wiederum auf politische Entscheidungen warten, bevor sie investieren." Doch der Wechsel kann schnell geschehen: Schließlich ist Jeep bereits Mitglied der Allianz. Chrysler und Dodge haben unmittelbar Zugriff auf Bluetec-Lösungen. Und Ford und General Motors müssen nur bei ihren Töchtern in Europa anrufen, wenn sie moderne Diesel haben wollen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.