Autogramm BMW 745e Fette Niere, starkes Herz

BMW bürstet den 7er auf Krawall. Dafür arbeiten im Plug-in-Hybrid Elektro- und Verbrennungsmotor so filigran zusammen, dass Vorreiter Toyota alt aussieht.

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Der erste Eindruck: Mehr Hip-Hop für die Oberklasse. BMW verpasst dem 7er eine massive Nierenvergrößerung. Entstanden ist ein Kühlergrill, der an die Glitzerzahnspangen zahlreicher Rapper, die "Grillz" erinnert. So fällt der bayerische Straßenkreuzer auf - und schafft, ob es dem Betrachter gefällt oder nicht, einen Kontrast zu den unauffälligen Konkurrenten im Segment, die meist auch als Dienstwagen der grauen Herren aus "Momo" durchgehen würden.

Das sagt der Hersteller: Zum forschen Auftritt passt der neue Hybridantrieb. "Wir wollen weg vom Sparimage des Plug-in-Hybrids, hin zu mehr Fahrspaß", sagt Wolfgang Kremer, Projektleiter Plug-in-Hybrid beim BMW 7er. Bisher sei es vor allem um gute Verbrauchswerte gegangen: "Beim letzten Modell wollte man unbedingt einen CO2-Ausstoß von 49 Gramm pro Kilometer erreichen." Fahrzeuge mit einem Kohlendioxidausstoß von weniger als 50 Gramm pro Kilometer werden in manchen Ländern vom Staat gefördert. Um den Wert zu erreichen, setzte BMW zunächst auf einen Vierzylinder. Doch der Motor brachte eine ganze Menge Nachteile mit sich.

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So war der Vorgänger 740e zwar auf dem Prüfstand extrem sparsam. In der Realität entpuppte er sich jedoch als deutlich trinkfreudiger, und am Ende beschwerten sich sogar zwei Bundesministerien über den exorbitanten Verbrauch ihrer Dienst-Siebener. Um dieses Problem zu beheben und den Hybrid gleichzeitig sportlicher zu machen, greift BMW nun zu einem alten Hausrezept: Vierzylinder raus, Reihensechszylinder rein. "Der Sechszylinder liefert mehr Leistung, aber auch bessere Verbrauchswerte", sagt Projektleiter Kremer. Der Motor arbeitet im Siebener in einem niedrigeren Drehzahlbereich.

Das ist uns aufgefallen: Der Sechszylinder tut dem Wagen gut. Der Wechsel vom elektrischen in den Verbrennerbetrieb geht meist unbemerkt vonstatten, während im Vorgänger das Zuschalten des Verbrenners deutlich spürbar war und der Vierzylinder krawallig anschob.

Dass es jetzt besser läuft, liegt auch am verbesserten Hybridkonzept der Münchner. Der 745e passt sich Gewohnheiten des Fahrers an: Tritt der beherzter aufs Pedal, springt der Verbrenner zwar an - allerdings mit einer Drehzahl, die zur Stellung des Gaspedals passt. Anders macht es etwa der Toyota Prius, wo bei jedem Tritt aufs Gaspedal die Drehzahl in die Höhe schießt. So soll der Motor möglichst schnell in den Arbeitsbereich mit dem besten Wirkungsgrad gelangen. Das fühlt sich für viele Fahrer unangenehm an.

Die verschiedenen Getrieben in Prius und Siebener tun ihr Übriges: Während im Toyota ein Planetengetriebe steckt, arbeitet im 745e eine Achtstufenautomatik. Die sorgte für den einzigen Moment, in dem das Zuschalten des Verbrenners während der Testfahrt körperlich spürbar war. Sie wechselte den Gang just, als sich der Verbrenner zuschaltete. Nach einem minimalen Rucken kehrte jedoch sofort wieder andächtige Stille ein, der Laufruhe des Sechszylinders zum Dank.

Der neue Verbrenner arbeitet aber nicht nur entspannter als sein Vorgänger, er schiebt auch kräftiger an. Die um 28 PS und 50 Nm Drehmoment auf 286 PS und 450 Nm gesteigerte Leistung kommt beim Fahrer jedoch nur beim unmittelbaren Tritt aufs Gaspedal an. Dickere Seitenscheiben und akustisch besser abgeschottete hintere Radhäuser halten den Lärm draußen und reduzieren Fahrten von 200 km/h auf ein steriles Erlebnis, bei dem Landschaften lautlos vorbeifliegen. So kennt man es sonst nur aus dem ICE.

Besonders extrem ist diese Erfahrung im rein elektrischen Fahrmodus, der bis zu einer Geschwindigkeit von 140 km/h zur Verfügung steht (20 km/h mehr als im Vorgänger). Im Hybridmodus sind rein elektrisch bis zu 110 km/h statt 90 km/h drin. Der Sechszylinder unterstützt seinen elektrischen Kollegen erst bei höheren Geschwindigkeiten oder einem zu engagierten Gasfuß.

Erziehen möchte der 745e den Fahrer jedoch nicht - stattdessen appelliert er zum Spritsparen an dessen Spieltrieb: Den rein elektrischen Antriebsbereich des Hybridmodus zeigt eine blaue Markierung im sogenannten Powermeter. Gemeinsam mit der prominent platzierten, elektrischen Restreichweite packt einen der 745e während der Fahrt beim Ehrgeiz. So dominiert vor allem ein Gedanke die Testfahrt: Bloß nicht zu zügig anfahren, keinen Tick zu fest aufs Gaspedal drücken, um die wertvolle elektrische Reichweite hoch zu halten.

Das muss man wissen: Der überarbeitete 7er ist für Asien konzipiert, erklärt Projektleiter Kremer: "Rund 40 Prozent der Autos werden in China verkauft, daran orientiert sich auch das Design." Den Kunden dort sei ein großer - im Fall des Siebeners sehr langer - Auftritt wichtig. Daher die neue, 40 Prozent größere Niere. Flachere Scheinwerfer und ein größeres Emblem verstärken den Effekt. Die Plug-in-Hybridvariante des BMW-Flaggschiffs wird in China jedoch nicht erhältlich sein, da der Antrieb nicht mehr staatlich gefördert wird.

Kunden in Europa und den USA kommen in den Genuss des neuen Antriebsstrangs des Hybrid-BMW. Der E-Motor liefert nun 113 PS und ein Drehmoment von 265 Nm. Wichtiger ist jedoch die neue, 12 kWh fassende Batterie. Die fasse dank neuer Zellen 20 Prozent mehr Energie, sagt Entwickler Kremer: "Die prismatischen Zellen der Batterie haben wir selbst entwickelt, produziert werden sie allerdings von Samsung."

Dadurch kann der 745e bis zu 58 Kilometer rein elektrisch fahren und soll im Mischbetrieb weniger als 2,3 Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen. Wie bei allen Plug-in-Hybriden ist diese Angabe mit Vorsicht zu genießen. Zwar zügelt der Sechszylinder den Durst des Siebeners - doch ein zwei Tonnen schwerer Straßenkreuzer wird weder dadurch, noch durch den größeren Akku zum wirklichen Dreiliterauto.

Das werden wir nicht vergessen: Wie sich der Siebener bei einem beherzten Tritt aufs Gaspedal verwandelt. Durch den Elektroschub fühlt sich der Wagen fast an wie die kleinere, sportlicher ausgelegte 5er-Reihe - zumindest wenn der Fahrer zum Überholen auf der Landstraße ansetzt. Doch kaum hat sich der Wagen mit seiner Breite von 1,90 Metern zwischen die Baumreihe zur Linken und den Golf zur Rechten bugsiert, wird einem schlagartig wieder klar: Hier ist eben doch eher ein Salon samt Mobiliar unterwegs.

Fahrzeugschein
Hersteller: BMW
Typ: 745e
Karosserie: Limousine
Motor: Reihensechszylinder-Turbo-Benzindirekteinspritzer
Getriebe: Achtgangautomatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 2.998 ccm
Leistung: 286 PS (210 kW)
Leistung (E-Motor): 113 PS (83 kW)
Drehmoment: 450 Nm
Drehmoment (E-Motor): 265 Nm
Von 0 auf 100: 5,2 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 2,2 Liter
CO2-Ausstoß: 52 g/km
Kofferraum: 420 Liter
Gewicht: 2.070 kg
Maße: 5120/1902/1467
Preis: 101.000 EUR
insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
würstl 01.02.2019
1. Preis - lustig
Also für 101 € kaufe ich ihn sofort und zwar 10 St..... Wen interessieren den Nullen..... die drei die hier fehlen, spielen doch keine Rolle....
k.hohl 01.02.2019
2.
Zitat aus dem Artikel: "Um dieses Problem zu beheben und den Hybrid gleichzeitig sportlicher zu machen, greift BMW nun zu einem alten Hausrezept: Vierzylinder raus, Reihensechszylinder rein. " Damit ist das Problem der dt. Automobilindustrie gut zusammengefasst! Keine Inovation, nicht einmal ein intensives Nachdenken oder Forschen - alte Technik wird verbaut.
_derhenne 01.02.2019
3.
"Fette Niere"? Sieht eher aus wie eine missratene Comicfigur. Ês ist ja schön, dass BMW die Karre an den Asiatischen Markt anpasst und das dort blendend ankommt, aber sollte man dann nicht über einen eigenen "Europa-7er" nachdenken? Es Auto mit echtem Design wäre mal wieder toll. Ich meine was raffiniertes, etwas filigranes, oder einfach mal was neues. Dieses grobschlächte Design, was dann auf der anderen Seite durch tausend Sicken, Knicke und Chromelemente konterkarriert wird, ist einfach unästhetisch. Diese Dickschiffe sind stilistisch die Jogginghose der Upperclass.
gorontalo 01.02.2019
4. Etwas seltsam,
einen 7er BMW mit einem Toyota Prius zu vergleichen. Auch wenn der neue 7er im Hybrid-Betrieb manches besser kann: Wie lange gibt es den Prius schon? Guten Morgen, München!
smartphone 01.02.2019
5. Chinaböller
Und die anderen 60% ? BMW sollte es wenigstens schaffen ein Billigbauteil wie die Motorhaube mit dem Proletentor auf dezent zu bringen . Da geht ansich recht einfach, Oben das Blech runterziehen bis auf Scheinwerferhöhe , unten dito ---Ein e Annäherung an den zb EX BondBMW täte sehr gut . Dasselbe gilt auch für die Verbrechnisse von AUDI ...
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