BMW 7er Weiß-blauer Preuße

Tränensäcke, Heckbuckel, Guckkästen – das Design des letzten BMW-Top-Modells wurde beim Debüt vor sieben Jahren eher distanziert aufgenommen. Jetzt feiert der neue 7er Weltpremiere. Die fünfte Generation des BMW-Flaggschiffs tritt überraschend unspektakulär auf.

Von Jürgen Pander, München


Von links fährt Familie Ploss auf die Bühne, von rechts das Ehepaar Fuchs. Für ein paar Minuten stehen die beiden BMW-Mitarbeiter aus dem Werk Dingolfing, wo das Top-Modell der Marke gebaut wird, samt Anhang im Mittelpunkt. Ein wohl inszenierter Auftritt, der für einen Augenblick vergessen lässt, dass es hier um ein neues Luxusauto geht. Denn Fahrwerksingenieur Jörg Ploss nebst Gattin und Söhnen sowie Elektronikfachmann Fuchs samt Ehefrau rollten in zwei nagelneuen BMW 7er-Modellen aufs Podest.

Um das neue Flaggschiff vorzustellen – "unseren Technologie- und Imageträger", wie Vorstandschef Norbert Reithofer sagte – lud das Unternehmen mehr als 200 Journalisten aus ganz Europa ins neue BMW-Museum. Bei flüchtigem Hinsehen wirkt der Wagen gar nicht so neu. Doch tatsächlich ist er fast das Gegenteil des bisherigen Modells. Der neue 7er strahlt preußische Nüchternheit aus statt bayerischem Barock. Stringenz statt Opulenz. "Man muss mit dem Wagen etwas Zeit verbringen", sagt Karosseriedesigner Karim Habib, "dann entdeckt man die subtile Schönheit der Flächen und Formen."

Die Motorhaube zum Beispiel dürfte das größte glatte Bauteil im aktuellen Automobilbau sein. Der Bug trägt keinerlei Schmuck - die senkrecht stehende, übergroße BMW-Niere und die eleganten Scheinwerfer sind alles, woran der Blick haften bleibt. So ist es auch an Flanken und Heck: Sparsam geformte Flächen und wenige Linien prägen die Karosserie. Die ruhige Form des Autos sickert nur langsam ins Gedächtnis - bleibt dort aber vermutlich gerade deshalb haften.

"Ein Feuerwerk an Innovationen"

Technisch ist der neue 7er eine Art Wundertüte. Entwicklungsvorstand Klaus Draeger spricht von einem "Feuerwerk an Innovationen". Drei neue Motoren stehen für den Platz unter der riesigen Haube bereit. Als Top-Variante ein V8-Benziner mit Doppelturbo und 407 PS, dann ein Reihensechszylinder, ebenfalls mit Doppelturbo und 326 PS. Und schließlich noch ein Reihensechszylinderdiesel, der 245 PS mobilisiert. "Mit diesem Motor", rühmt Draeger, "verbraucht das Auto nur 7,2 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern. Und ist im Vergleich zum Vorgänger um 55 Kilogramm leichter geworden." Vorstandschef Reithofer nennt das überschwenglich "gelebte Verantwortung à la BMW" und weist gleich auf die kommende Hybridversion des 7ers hin.

Das Thema Spritsparen ist inzwischen auch in der Oberklasse angekommen. So tritt der neue 7er mit einem System zur Bremsenergierückgewinnung an. Dazu werden, um die Aerodynamik zu optimieren, die Kühlluftschächte in den BMW-Nieren nur dann geöffnet, wenn der Motor dahinter auch wirklich mehr Kühlluft braucht. Und um Gewicht zu sparen, sind Dach, Türen, Motorhaube und Flanken aus Aluminium gefertigt.

Aktive Hinterräder

Völlig neu ist auch das Fahrwerk, bei dem erstmals in einer BMW-Limousine eine Doppel-Querlenker-Vorderachse zum Einsatz kommt. Und es ist der erste Auftritt der sogenannten Integralaktivlenkung, die als Extra angeboten wird. Die umfasst nicht nur die geschwindigkeitsabhängige Lenkübersetzung an den Vorderrädern, sondern es werden auch die hinteren Räder mitgelenkt. Das geschieht gegenläufig zu den vorderen Rädern bei langsamer Fahrt, um das gut fünf Meter lange Auto leichter rangieren zu können. Bei höherem Tempo lenken die Hinterräder parallel zu den Vorderrädern - das verbessert die Spurtreue.

Zurück in die Spur findet der neue 7er auch durch zahlreiche Änderungen im Innenraum – diverse Verirrungen des bisherigen Modells werden korrigiert. Der Wählhebel der Automatik wandert von der Lenksäule zurück auf die Mittelkonsole. Das BMW-typische, fahrerorientierte Cockpit erlebt eine Renaissance, denn das Mittelteil der Armaturentafel neigt sich um sieben Grad dem Fahrerplatz zu. Schließlich wurde auch die Bedienung des Bordsystems iDrive aufgeräumt: Statt verwirrender Windrosen-Menüführung gibt es nun sofort kapierbare Listen für die unterschiedlichsten Funktionen.

USA und China im Visier

Obwohl der neue 7er nach der ersten Begegnung wie ein rundum ausgereiftes Luxusauto wirkt, wird er es nicht leicht haben. Denn trotz der Unzulänglichkeiten des Vorgängers war dieser mit mehr als 320.000 verkauften Exemplaren seit 2001 der bislang erfolgreichste 7er überhaupt. Daran wird sich das neue Modell messen lassen müssen. Entscheidend wird sein, wie das Auto in den USA und in China ankommt, wo BMW inzwischen mehr als die Hälfte seiner Top-Modelle verkauft. Mit Rücksicht auf die dortige Kundschaft wurde beispielsweise der neue Lackton mineralweiß-metallic und ein helles Interieur namens Milano-beige kreiert.

Ab 14. November tritt der neue 7er an. Und zwar vom Start weg auch in der Langversion mit 14 Zentimeter mehr Radstand und einer Gesamtlänge von 5,21 Metern. Das günstigste Modell der Baureihe, der 730d, kostet 69.500 Euro; die vorläufig teuerste Variante, der 750Li, wird ab 94.000 Euro verkauft. BMW muss mit seinem Aushängeschild wieder punkten. Seit Jahresbeginn rutschte der 7er, der 2004 noch die Oberklasse anführte, laut Statistik des Kraftfahrtbundesamts auf Rang vier in diesem Segment zurück – noch hinter den VW Phaeton. Da sind nun wirklich preußische Tugenden gefragt.



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