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Kartendienst Here: Sie haben ihr Ziel nocht nicht erreicht

Foto: HERE Berlin

Milliardeninvestition von BMW, Audi, Mercedes Alles auf eine Karte

Rund drei Milliarden Euro zahlten Audi, BMW und Daimler für den Kartendienst Here. Warum? Digitale Karten sind der Schlüssel zum Auto der Zukunft.

Das Büro in der Invalidenstraße in Berlin-Mitte ist unauffällig: Schlichte Möbel, helle Wände. Nur ein weißes Cockpit in der Ecke deutet an, dass es hier um die Zukunft der deutschen Autobauer geht.

Vor kurzem noch unbekannt, wurde der Kartendienst Here im Dezember über Nacht zum Shooting-Star der Branche. Da kauften nämlich Audi, BMW  und Daimler  die Firma für satte 2,8 Milliarden Euro von Nokia. Selbst für finanzstarke Autokonzerne ist das viel Geld.

Wie kommt es zu dieser gewaltigen Summe? Und warum bringt ein Kartendienst Erzrivalen dazu, gemeinsam zu investieren?

Bernd Fastenrath, ein junger Marketing-Manager mit Jeans, Strickjacke und Laptop, versucht eine Antwort: Im Besprechungsraum präsentiert er das jüngste Produkt von Here - die HD Live Map. Dazu wirft er bunte Linien an die Wand, zwischen denen ein Auto fährt, das grüne Tropfen empfängt, blaue schickt es in den Himmel. Das Ganze sieht aus wie ein Pac-Man-Verschnitt aus den Achtzigern, doch Fastenrath denkt eher an die Zukunft.

High-End-Karten sind Voraussetzung für das autonome Fahren

"Die grünen Objekte stehen für Updates, die das Fahrzeug empfängt, bei den blauen Elementen sendet das Auto selber Informationen", erklärt der 31-Jährige. In Echtzeit, versteht sich. Hinterlegt werden die Informationen, beispielsweise der Ort einer Wanderbaustelle, auf einem Internetdatenspeicher, der Cloud. Mit Hilfe dieser Angaben weiß das Auto lange bevor es dorthin kommt, was gerade an der Stelle passiert. Ohne permanente Informationspflege läuft bei der Karte der Zukunft nichts, denn sie soll hochpräzise sein.

High-End-Karten sind ein elementarer Baustein für das autonome Fahren - vielleicht sogar der Schlüssel dazu. Der Zulieferer Bosch hat sich dafür mit TomTom verbündet, denkt aber ebenso wie Konkurrent Continental über eine Beteiligung an Here nach. Auch anderen Autoherstellern und Internetfirmen wird Interesse nachgesagt. Zwar werden Radar-, Kamera- und Sensorsysteme stetig verbessert. Doch bislang können sie nur einen gewissen Grad an Sicherheit leisten. Sie sehen, was im direkten Umfeld des Autos passiert - den in den Gegenverkehr rasenden Motorradfahrer oder das Kind, das plötzlich auf die Straße rennt. Doch um Ecken gucken können sie nicht. Liegt das Stauende in einer Kurve, erfassen das die Systeme an Bord des Wagens womöglich erst, wenn es schon zu spät ist.

Drei Hersteller: TomTom, Google, Here

Genau diese Schwäche sollen High-Tech-Karten mit ihrem detaillierten Ortswissen ausbügeln. Das erfordert eine hohe Kompetenz im Datensammeln und Pflegen.

Drei Kartenhersteller konkurrieren um diesen Markt: TomTom, Here und Google. "Einer ist relativ klein, der andere sehr mächtig und will eine Gegenleistung für seine Karte: die Daten der Autofahrer", sagt BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich, der maßgeblich mit der Here-Übernahme betraut war. "Das ist eine Abhängigkeit, die wir nicht wollen".

Die Autokonzerne schlugen daher schnell zu, als Marktführer Here im vergangenen Jahr zum Verkauf stand. In Nordamerika und Europa arbeiten vier von fünf Autos mit Here-Material, weltweit versorgt die Firma 190 Länder mit digitalen Karten. Für die Autokonzerne kaum auszudenken, wäre Here in die Hände konkurrierender Bieter gefallen, darunter der Mitfahrdienst Uber, Facebook oder der chinesische Internetdienst Baidu.

Denn präzise Kartendaten spielen eine immer wichtigere Rolle: Sie sind nicht nur für das Funktionieren der selbstfahrenden Autos Voraussetzung, sondern auch für die künftigen Geschäftsmodelle der Autohersteller. Die Fertigung von Fahrzeugen wird nur noch ein Standbein der Hersteller sein, Dienstleistungen eine weit wichtigere Einnahmequelle. In ein paar Jahren werde das eigentliche Geschäft nicht mehr mit Autos, sondern mit Daten aus dem Fahrzeug gemacht, prognostizieren renommierte Beratungsunternehmen.

Schnäppchen-Alarm im Carsharing-Auto

Erste Vorboten gibt es heute schon. Wer mit einem Mini oder BMW von DriveNow, dem Carsharing-Unternehmen von BMW und Sixt unterwegs ist, wird durch Preisnachlässe zum Einkaufen bei Rewe verführt - durch Werbung, eingeblendet auf dem Bildschirm des Bordcomputers. Sobald eines der DriveNow-Autos einen imaginären Kreis von 150 Metern rund um einen der 450 Rewe-Supermärkte in Deutschland durchbricht, lockt der Slogan: "Sichern Sie sich jetzt fünf Prozent Sofortrabatt".

In Zukunft könnten diese Angebote nicht einfach das Ergebnis von pauschal geschlossenen Kooperationen sein, sondern präzise ermittelter Daten. Steuert ein Fahrer bevorzugt Edeka statt Rewe an, könnte er entsprechende Angebote für diese Supermarktkette erhalten. Über die Güte und Treffsicherheit dieser Dienstleistungen werden sich die rivalisierenden Automarken künftig unterscheiden können, sagt Fröhlich. Die Technologie des autonomen Fahrens hingegen werde bald schon zur Standardausstattung - so wie der Airbag.

Ein Vergleich, der plausibel erscheint. Als Daimler 1981 in der S-Klasse erstmals einen Airbag verbaute, war das für Kunden noch ein Kaufgrund. Heute ist er selbstverständlich. Ebenso, sagt Fröhlich, werden künftig auch alle Autos Verkehrsschilder mit Hilfe von Radarsystemen präzise erkennen.

Bis dahin müssen allerdings noch fleißig Daten gesammelt werden. Heute basieren die Karten von Here auf traditionellen Quellen wie Satelliten- und Luftbildern und aus Angaben aus Katasterämtern. Durch das Abfahren von Straßen mit eigenen Autos, auf deren Dach eine Kamera und ein Laserscanner montiert sind, sammelt Here weitere Infos. Doch deren Präzision reicht noch nicht aus.

"Der Sprung von zum Teil immer noch händisch aktualisierten Karten zu welchen, die 10.000-mal am Tag vollautomatisch aktualisiert werden, braucht eine ganz andere Technologie", sagt Fröhlich. Erst wenn eine Millionenflotte von Fahrzeugen ihre blauen Info-Tropfen in die Cloud schickt, werden die Karten zuverlässig sein.

Here hat Anfang des Jahres mit der HD Live Map testweise die erste, sich selbst aktualisierende, Karte gestartet. Die Präzision steigt, je mehr Autos die Technik nutzen. Deshalb sind Audi, BMW und Daimler daran interessiert, in den kommenden Monaten möglichst viele Partner ins Unternehmen zu holen. Derzeit sind die Karten im Auto auf den Meter genau. In Zukunft zählt jeder Zentimeter für alle sicherheitsrelevanten Fragen - aber auch, falls der Rewe mal direkt neben dem Edeka liegt.

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