BMW i-Modelle "In manchen Gesprächen sind die Fetzen geflogen"

Mit der i-Reihe will BMW den Automobilbau neu erfinden. Naturfasern und recycelte PET-Flaschen sollen plötzlich "in" sein. Hinter dem Öko-Schick steckt Simone Lempa-Kindler als grünes Design-Gewissen. Nun ist ihr nächster Coup gestartet - der i8.

BMW

Ein Interview von Margret Hucko


SPIEGEL ONLINE: Frau Lempa-Kindler, seit dem Start des Projekt i, der Submarke für die Elektroautos, hat BMW i mit Ihnen eine Beauftragte für Nachhaltigkeit. Ist das nicht ein unmöglicher Job? Auto und Öko - das schließt sich doch aus!

Lempa-Kindler: Das sehe ich anders. Bei unserem Hybrid-Sportwagen i8 beschleunigen Sie in weniger als fünf Sekunden von Null auf 100 bei vollkommen reinem Gewissen.

SPIEGEL ONLINE: So rein kann das Gewissen nicht sein. Auch Elektro- und Hybridautos belasten die Umwelt. Durch den aktuellen Strommix in Deutschland zum Teil sogar stärker als Autos mit normalen Verbrennungsmotor.

Zur Person
  • BMW
    Simone Lempa-Kindler, geboren 1959 in München, studierte Betriebswirtschaft, Statistik, Raumplanung und Wirtschaftsgeografie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Dort promovierte die Wirtschaftsgeografin an der Fakultät für Betriebswirtschaft über "Innovative Technologien und Logistikkonzepte". Seit 1990 arbeitet Lempa-Kindler bei BMW, zunächst in der Logistik - auch im Ausland. Seit 2008 verantwortet sie die Nachhaltigkeit im project i. Erstmals wurde der Ökogedanke über die gesamte Wertschöpfungskette von der Entwicklung über Einkauf und Produktion bis hin zum Vertrieb verfolgt und umgesetzt.
Lempa-Kindler: Jeder Mensch hat ein Recht auf individuelle Mobilität. Die Kunst ist es, das richtige Fortbewegungsmittel auszuwählen. Fährt ein Elektroauto mit Grünstrom, hat es null Emissionen. Deshalb bieten wir das an. Es muss aber nicht zwingend das eigene Auto sein. Manchmal kann es sinnvoller sein, zu Fuß zu gehen, das Fahrrad zu nehmen oder in ein gemietetes Auto zu steigen. Unseren i3 werden wir beispielsweise auch in unserer Carsharing-Flotte von DriveNow haben.

SPIEGEL ONLINE: Was macht die i-Baureihe denn aus Ihrer Sicht nachhaltiger als andere BMW-Modelle?

Lempa-Kindler: Noch bevor uns klar war, wie das erste Auto aussehen soll, haben wir unsere ökologischen Einsparungsziele festgelegt. Beispielsweise, wie viel weniger Wasser wir verbrauchen oder wie viele Treibhausgase wir emittieren wollen - und zwar in allen Bereichen: Einkauf, Entwicklung Produktion und Vertrieb. Als Maßstab haben wir unsere besten Standorte genommen und das "Greencar of the year 2008", den 118d, als Vergleichsfahrzeug. Diese Ziele wollten wir mit unseren i-Fahrzeugen deutlich unterschreiten und haben sie verbindlich gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen dafür den Ingenieuren auf die Finger klopfen. So macht man sich nicht gerade beliebt, oder?

Lempa-Kindler: Sagen wir mal so: Ich hatte am Anfang nicht nur Unterstützer im Unternehmen. In manchen Gesprächen sind die Fetzen geflogen. Ich habe aber auch viele Befürworter getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sahen die Probleme konkret aus?

Lempa-Kindler: Beispielsweise bearbeiten Sie als Projektverantwortlicher das Interieur und haben bei mir ein Ziel unterschrieben, 25 Prozent recycelte Materialien einzusetzen. Wiederverwertete Materialien sind aber meist schwerer als neu hergestellter Kunststoff. Das Fahrzeug sollte aber auch leichter werden. Also waren wir gezwungen, einen Kompromiss zu finden. Der Kollege vom Interieur hat die 25 Prozent Recyclat erfüllt, musste dann aber zum Beispiel zum Kollegen vom Exterieur gehen und fragen, ob dieser das gewichtsmäßig kompensieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Gerade BMW hat zuletzt in der Umweltpolitik eine unrühmliche Rolle gespielt. Der Vorstand hat versucht, die CO2-Ziele für Neuwagen in der EU zu torpedieren. Angesichts solcher Vorstöße fällt es schwer zu glauben, dass die i-Baureihe mehr ist als nur ein grünes Feigenblatt.

Lempa-Kindler: Wir wollen einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der CO2-Ziele leisten. Das heißt aber auch, dass wir realistische Ziele brauchen, um erfolgreich im Wettbewerb bestehen zu können. Das nun vereinbarte Ziel von 95g/km für den Durchschnitt aller Hersteller in der EU ist sehr sportlich, aber wir stellen es nicht in Frage. Wir haben uns zur Erfüllung der 2020 Grenzwerte verpflichtet, Strafzahlungen sind keine Option für die BMW Group.

SPIEGEL ONLINE: In der i-Baureihe verwenden Sie erstmals viele ökologische Materialien - zu Garn gesponnene PET-Flaschen für die Stoffsitze, eine Türinnenverkleidung aus Naturfasern. Wo stößt der gute Wille, grüne Materialien zu verwenden, an Grenzen?

Lempa-Kindler: Beim Aluminium, das wir für die Karosserie verwenden, haben wir einen der größten Stellhebel, um die Ökobilanz zu verbessern. In der Herstellung ist das Leichtmetall nämlich sehr energieintensiv. Wenn Sie ein Kilogramm normales Aluminium produzieren, pusten Sie zehn Kilo Treibhausgase in die Luft. Nehmen Sie recyceltes Alu, sind es nur rund zwei Kilo. Wiederverwertetes Aluminium können wir aber nicht für alle Bauteile nehmen, weil es weicher ist und deshalb weniger crashsicher. Die Teile aus primären Aluminium haben wir dann mit regenerativen Energien produziert. Da haben Sie im Vergleich zu den zehn Kilo Treibhausgasen nur noch fünf Kilo.

SPIEGEL ONLINE: Für die Fahrerkabine setzen Sie Carbon ein. Das ist fünfmal so leicht wie Stahl, dafür aber in der Herstellung besonders energieintensiv. Außerdem ist Carbon nichts anderes als Erdöl - und damit weder ein umweltfreundlicher noch ein nachwachsender Rohstoff.

Lempa-Kindler: Das Carbon hätte tatsächlich die Ökobilanz kaputtgemacht, wenn wir nicht eine Lösung gefunden hätten. Wir fertigen die Faser in den USA mit 100 Prozent Wasserkraft und sparen so die Hälfte an Treibhausgasemissionen ein.

SPIEGEL ONLINE: Der Rohstoff für die Türverkleidung, die Naturfaser Kenaf, kommt aus Bangladesch - einem Land, dass Arbeiter schlecht vor Ausbeutung schützt. Geht unser Ökotrend zulasten von Menschen in Entwicklungsländern?

Lempa-Kindler: Wir haben uns mit dem Zulieferer, der für die Türverkleidung verantwortlich ist, an einen Tisch gesetzt und die Lieferkette durchleuchtet. Ein Novum. Auch ein Prüfinstitut reiste eigens nach Bangladesch, um sicherzugehen, dass die Fasern weder von Kindern noch von Frauen oder Männern unter unfairen Bedingungen geerntet und sortiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie denn noch Potenzial, die Autofertigung umweltfreundlicher zu gestalten?

Lempa-Kindler: Ich kann jetzt nicht aus dem Nähkästchen plaudern. Aber sicherlich stecken noch Verbesserungsmöglichkeiten in der Batterie. Nehmen wir nur das Thema Seltene Erden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich sicher, dass der Kunde Nachhaltigkeit überhaupt will?

Lempa-Kindler: Noch vor dem Start der i-Baureihe haben wir ein halbes Jahr lang potenzielle Kunden in Megacitys in den USA oder Asien befragt. Die Leute wollen elektrisch fahren, sie bevorzugen auch sichtbar nachhaltige Materialien im Innenraum. Den Kunden war besonders wichtig, dass sie ein Auto bekommen, das ihnen im Stau das Leben nicht vermiest. Wir nennen das "Life continues in car". Der Kunde sitzt im Auto, verpestet die Umwelt nicht - und fühlt sich dabei wohl.



insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
risc 25.06.2014
1. Liest sich ein bisschen
wie ein Interview aus einer BMW-Werbebroschüre.
gedankensucher 25.06.2014
2. Gute Richtung
Es geht zwar quälend langsam voran in Richtung Nachhaltigkeit und Energiehaushaltung, aber wenn sich die von Frau Lempa-Kindler geschilderte Haltung in der Branche durchsetzt, sind wir auf einem guten Weg!
dani216 25.06.2014
3. Ist ja alles schön und gut und
Zitat von sysopBMWMit der i-Reihe will BMW den Automobilbau neu erfinden. Naturfasern und recycelte PET-Flaschen sollen plötzlich "in" sein. Hinter dem Öko-Schick steckt Simone Lempa-Kindler als grünes Design-Gewissen. Nun ist ihr nächster Coup gestartet - der i8. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/bmw-i-autobauer-will-i8-und-i3-moeglichst-nachhaltig-produzieren-a-973773.html
wirklich nachhaltig aus heutiger Sicht gemacht. Aber wer soll das Auto bezahlen sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt? Ein Scheich, dem der Verbrauch sowieso völlig egal ist ? Das ist doch nur was zur Gewissensberuhigung und Außendarstellung für Schwerreiche, die noch mindestens einen Ferrari in der Garage stehen haben.
dbrown 25.06.2014
4. Sehr schön, nur...
wer soll diesen Schlitten denn kaufen??? Doch nur Leute, denen so schon vollkommen egal ist, ob der Liter Sprit nun 1,50 oder 5,10 kostet, also ein reines Spielzeug für die üblichen sinnfreien Kö-Cruiser, arrogante Russen, die damit angeben, oder irgendwelche Scheichs, die aus purer Langeweile eine solche Schüssel kaufen, schon wartend auf ihr nächstes Spielzeug. Danke, BMW, danke, Frau Lempa-Kindler!
astadt 25.06.2014
5. Gewicht
Der UP wiegt ~ gleichviel wie der i. Wo ist der Vortschritt?¿
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