BMW X2City Wuchtsummer

BMW baut zusammen mit Alurad-Spezialist Kettler einen E-Stehroller, der mit einer Sondergenehmigung schon länger legal im Verkehr bewegt werden darf. Allerdings wurde bei der Entwicklung, nun ja, falsch gewichtet.

Stefan Weißenborn

Der erste Eindruck: Mann, ist der dick, Mann! Mit seinem stämmigen Alu-Gitterrohrrahmen wirkt der Roller nicht besonders handlich.

Das sagt der Hersteller: Gerhard Lindner, Sprecher bei BMW Motorrad, sieht im E-Stehroller X2City, den BMW zusammen mit dem Alurad-Experten Kettler entwickelt hat, ein ideales Gefährt für den Stadtverkehr: "Das ist ein urbanes Fahrzeug für die Last Mile." Übersetzt bedeutet das: Der zusammengeklappte Roller fährt mit in Bus und Bahn und überbrückt dann die letzten Meter von der Station zur Arbeit oder nach Hause komfortabel elektrisch. Zumindest in der Theorie.

Ein Ticket müsse dafür - ähnlich wie bei einem zusammenlegten Faltrad - nicht gelöst werden, es genüge den Roller einzuklappen, verspricht Lindner. Ganz so einfach wird es womöglich nicht immer funktionieren, denn der BMW unter den Elektro-Stehrollern ist groß. Er könnte von manchem Verkehrsbetrieb als "fahrradähnlich" eingestuft werden - dann wäre das Zusatzticket notwendig. Oder die Mitnahme wäre zeitweise, etwa wie in Hamburg zu Stoßzeiten, gar nicht gestattet.

Deswegen hat Lindner auch ein alternatives Idealszenario vor Augen: Mit dem Pkw weiter draußen parken, den Roller aus dem Kofferraum holen und emissionsfrei ins Zentrum surren. "Der X2City passt in einen normalen Kofferraum", behauptet er. Gibt aber zu: "Im Kleinwagen wird es eng."

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BMW X2City: Laufruhig und stoisch

Das ist uns aufgefallen: Irgendwie naheliegend, dass man bei einem E-Scooter eines Autoherstellers mit einem Fußpedal Gas gibt statt, wie sonst bei ähnlichen Gefährten üblich, mit einem kleinen Hebel am Lenkrad. Der von BMW dahintersteckende patentierte Mechanismus mag zwar ausgeklügelt sein, zum intuitiven Gefährt macht er den Roller aber nicht.

Fuß bzw. Ferse aufs Gas, Anschwung geben bis zu einer Geschwindigkeit von 6 km/h schon beschleunigt der Roller zwar fein surrend - allerdings zunächst auf nur 8 km/h. Wer mehr will, muss für jede weitere der bei 12, 16, 18 und 20 km/h einprogrammierten Tempostufen die Hacke heben und erneut senken.

Warum sich BMW gegen einen Daumenhebel entschieden hat? Um in Notsituationen, in denen sich der Fahrer panisch an den Lenker krallen könnte, unbeabsichtigtes Losdüsen zu unterbinden, sagt Lindner. Nimmt beim BMW der Fahrer oder die Fahrerin den Fuß vom Pedal oder zieht eine der beiden bissfesten Scheibenbremsen für vorn und hinten, setzt der Motor aus.

Was als Sicherheitsmechanismus gedacht ist, nervt allerdings schnell kolossal. Unentwegt ist man damit beschäftigt, die Motoraktivität den jeweiligen Bedürfnissen anzupassen. Ferse hoch, Ferse runter, und in welcher Stufe sind wir jetzt noch mal? Geht es zum Beispiel über Kopfsteinpflaster oder auch schon weniger unebenen Grund, reicht schon ein kurzer Kontaktverluste von Ferse und Blech, schon ruht der Antrieb unbeabsichtigt.

Auffallend ist ansonsten der Fahrkomfort, wenn der Roller einmal rollt. Dafür sorgen vor allem die Reifen, die mit 16 Zoll Durchmesser groß dimensioniert sind. Die mofaartige Breite der Pneus von mehr als 6,5 Zentimetern macht es zudem unwahrscheinlich, dass man in einem Schlagloch oder Straßenbahnschienen verkantet - ein bei kleineren Stehrollern nicht zu unterschätzendes Risiko.

Das muss man wissen: BMWs Batterieroller ist sozusagen das SUV in der neuen Klasse der Elektrokleinstfahrzeuge. Er ist anderthalb Meter lang, sein Trittbrett, in dem sich der Antriebsakku befindet, 28 Zentimeter breit, die Höhe bei ausgefahrener Lenkstange misst 1,23 Meter. Als Vorgriff auf die "Verordnung über die Teilnahme von Elektrokleinstfahrzeugen am Straßenverkehr" (eKFV), also der Zulassung von Elektrostehrollern auf öffentlichen Straßen, der der Bundesrat jetzt zugestimmt hat, erwirkte BMW für den X2City vorab eine Sondergenehmigung.

Der BMW darf seit Frühjahr mit Versicherungskennzeichen als Nachweis für die Haftpflichtversicherung legal am Verkehr teilnehmen, wofür jährlich eine Gebühr von rund 40 Euro fällig wird. Abweichend von der eKFV ist zudem eine Fahrerlaubnis notwendig - mindestens eine Mofa-Prüfbescheinigung, für die man 15 Jahre alt sein muss.

Seinen Vortrieb erhält der Roller von einem E-Motor an der Hinterradnabe, der rund 250 Watt auf Radweg oder Straße bringt. Das entspricht in etwa dem Leistungsspektrum gängiger Pedelecs. Allerdings darf der BMW nur auf maximal 20 km/h statt 25 km/h beschleunigen.

Genau hier liegt ein Problem, denn der X2City darf nicht auf dem Gehweg fahren. Und selbst BMW-Sprecher Lindner gibt zu, dass die Straße "nicht die optimale Lösung" ist, weil die 20 km/h als Höchstgeschwindigkeit zu langsam seien, um im Verkehr mitzuschwimmen: "Sicherer ist der Roller auf dem Radweg aufgehoben."

Die Robustheit, den Geradeauslauf und das Unerschütterliche hat der E-Scooter aus München dem starren Alurahmen auch seinem Gewicht zu verdanken, womit wir bei einem weiteren Problem wären. Der BMW wiegt mit 21 Kilo zwar in etwa so viel wie ein durchschnittliches E-Bike. Ihn zu tragen, erfordert aber mehr Koordination. Einen Tragegriff oder Ähnliches in Schwerpunktnähe gibt es nicht, weswegen er, einmal falsch angepackt, zum Wegkippen neigt.

Zudem lässt er sich auch nicht bedeutend verkleinern: Die Lenkstange lässt sich umlegen - mehr Optionen gibt es nicht. Entgegen des BMW-Versprechens passt der Roller nicht in den Stauraum eines Kompakt-Vans, ohne einen Rücksitz nach vorn zu klappen. Auch wer den X2City im Zusammenspiel mit dem ÖPNV oder der Bahn nutzen möchte, dürfte ihn sich kompakter und leichter wünschen.

Damit den Roller nicht auch noch zur Steckdose tragen muss, lässt sich der Akku entnehmen und mobil laden. Die maximale Ladedauer der Lithium-Ionen-Batterie gibt BMW mit 2,5 Stunden an, die Reichweite mit bis zu 30 Kilometern - das ist zumindest genug für einige letzte Meilen.

Das werden wir nicht vergessen: Wie viel Spaß es macht, aufrecht stehend auf dem Weg zur Arbeit an einem Stau vorbeizuziehen. Und wie sehr der Roller sich selbst die Show stiehlt - weil man ihn öfter mal stehen lässt. Denn für die Mitnahme in anderen Verkehrsmitteln ist der X2City schlicht zu schwer und sperrig.

Video: Mietscooter in Zahlen



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herjemine 23.05.2019
1. Autohersteller halt...
Sperrig, schwer, unpraktisch: das kann ja fast nur von einem deutschen Autohersteller kommen. Ich bewerbe mich hiermit offiziell für einen Führungsposten in der Entwicklungsabteilung von BMW, da muss ja scheinbar jemand von ganz aussen kommen, damit da wieder mal Fahrzeuge entwickelt werden welche man auch nutzen kann...
opeloli 23.05.2019
2. Ein innovatives Fahrzeug ...
.... und endlich mal kein nach Kinderspielzeug anmutendes Gefährt, das man im Zusammenhang mit dieser Mobilitätsrevolution immer gezeigt bekommt. Aber ist das nicht eigentlich wirklich ein Pedelec, zumal man schon dafür in der U-Bahn eine Fahrkarte lösen muss. Dann bräuchte man doch kein Nummernschild und dürfte 25 km/h fahren? Bei dem soliden Aufbau dürfte das doch kein Problem darstellen
riomaster181 23.05.2019
3.
An diesem Gefährt wird das Dilemma der E-Scooter offensichtlich. Entweder sind sie unsicher, mit Minirädern, -bremsen und äußerst fragwürdigem Fahrverhalten auf nicht spiegelglattem Untergrund oder aber sie liegen preislich und gewichtsmäßig auf dem Niveau von Pedelecs mit ähnlichem Gewicht und schlechter Transportabilität. Letztlich sind diese Dinger die Antwort auf eine Frage die niemand gestellt hat, Spielzeuge für Nerds und Hipster.
dschungelmann 23.05.2019
4. Für diesen Preis....
gibt's hier in Kambodscha ein chinesisches E-Auto für 4 Personen mit 120km Reichweite oder 4 ! E- Bikes in super Qualität. Europa war gestern. Wer sowas kauft muss Geld zum wegwerfen haben.
burlei 23.05.2019
5. Zum Glück gibt es ja Alternativen
Das Brompton H3L-Faltrad z.B. Das zusammengefaltet ist mit einem Packmaß von 57 x 59 x 27 cm ein Winzling und mit 11,7 Kg ein Leichtgewicht gegenüber dem fetten BMW. Zwei weitere Vorteile: Mit einem Preis von 1.300 Euro kostet es grade mal die Hälfte Und - eigentlich das Wichtigste - man bleibt schlank. Man muss nämlich noch selber strampeln. Während sich der BMW-Rollerfahrer nur dicke Oberarme vom "aus dem BMW-Kofferraum raus- und reinwuchten" holt, ansonsten aber der Bauch immer dicker wird, trainiert der Faltradfahrer den ganzen Körper. Aber ok, fett werden ist hipp, also lieber E-Tretroller. Für das faule Kind im Manne.
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