Ritual in Bolivien Heilig's Blechle

In Bolivien segnen Priester auch Autos. Danach lassen es die Besitzer ganz schön krachen - und fahren weiter zum Schamanen. Denn doppelt hält besser.

Claus Hecking

Aus Copacabana berichtet


Der Geistliche erhebt die Arme vor der offenen Motorhaube des angerosteten Chevrolet, schlägt das Kreuzzeichen, murmelt ein Gebet. Er taucht eine Plastikrose in seinen Weihwassereimer und schwenkt sie auf den heißen Motorblock, es zischt.

Dann geht er um das mit Girlanden, Gladiolen und Rosen geschmückte Auto herum, verteilt großzügig Wasser über Räder, Stoßstange, die Sitze. Sowie schließlich über die Eigentümerfamilie: Mann, Frau, zwei Kinder, die Großmutter.

"Más!", "mehr!", ruft die ältere Frau. Sie reckt sich dem Mann mit der Kutte entgegen, streicht das heilige Nass über Kopf, Arme und Beine, bekreuzigt sich. Die fünf Gläubigen und der Padre stellen sich auf für ein Handyfoto. Klick, klick, dann geht der Geistliche weiter, zum nächsten wartenden Auto. Die Familie holt da schon die Schaumwein- und Bierflaschen raus. Für Teil zwei des Rituals.

Die Warteschlange hinter dem Chevrolet füllt schon wieder den ganzen Kopfsteinpflasterplatz vor der Basilika der Jungfrau der Candelaria. Auch heute sind Dutzende Autobesitzer gekommen nach Copacabana am Titicaca-See, dem bekanntesten Wallfahrtsstädtchen Boliviens auf 3800 Meter über dem Meeresspiegel. Zur "Bendición de Movilidades", der beinahe täglichen Segnung der Fahrzeuge.

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Bolivien: Segen für das liebste Kind

Für diese Zeremonie sind sie zum Teil tagelang nach Copacabana gereist. Mit ihren Autos, Lastern und Microbussen. Über kurvige Bergstraßen und Pisten voller Schlaglöcher, aus La Paz, Cochabamba, Potosí, dem Nachbarstaat Peru oder gar aus Argentinien. Weil sie überzeugt sind: Ohne den Segen der katholischen Kirche hätten sie kein Glück mit dem gekauften Fahrzeug. Und ohne den des örtlichen Schamanen auch nicht, aber dazu später.

Blumen, Böller und Fake-Champagner

Familie Quispe aus der Nähe von La Paz steht noch ziemlich weit hinten in der Schlange. Zeit, den neu erworbenen Gebraucht-Pick-up herzurichten für den großen Moment. Miguel klettert auf den Wagen, klebt mit Tesa einen goldfarbenen Hut aus Pappe fest. "Gesegnet in Copacabana" steht darauf.

Lidia, seine Gattin, verziert den Pickup mit Papiergirlanden und Ketten aus Trompetenblumen. Den Wagenschmuck haben sie gerade bei einem der Verkaufsstände vor der Basilika gekauft, zusammen mit einem Paket Böller und einer großen Flasche "Champagner", wie die Tempelhändlerin den Apfelschaumwein angepriesen hat.

"Wir lassen das Auto segnen, auf dass wir keine Pannen und schlimme Unfälle haben", sagt Miguel Quispe. Boliviens Fahrer können Beistand gebrauchen auf den vielen unbefestigten oder baufälligen Straßen durch wildes Bergland. Die einzige Versicherung, die der Staat vorschreibt, deckt Schäden von höchstens 24.000 Bolivianos (gut 3000 Euro) ab. Aber Quispe ist gewiss: "Die Heilige Jungfrau wird uns beschützen."

Heidnisch-katholische Verbindung

Die Heilige Jungfrau, die Virgen de Copacabana, steht in der schneeweißen Basilika in einem Schrein. 1580 erschuf der Künstler Francisco Tito Yupanqui, Enkel eines der letzten Inkaherrscher, die Statue. In der Nacht zuvor soll ihm die Mutter Gottes im Schlaf erschienen sein.

Seither werden der Figur immer wieder Wunder zugeschrieben; Bolivien erklärte die Jungfrau zur nationalen Schutzpatronin. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde nahe der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro eine Kapelle mit einer Replik der Virgen de Copacabana errichtet. Bald wurden die Siedlung und ihr Strand danach benannt: Copacabana.

Schon lange vor der spanischen Kolonialherrschaft ließen die in Copacabana heimischen Aymara und andere indigene Völker in Südamerikas Andenregion Nutztiere wie Lamas in heidnischen Ritualen segnen. Im Zuge der Christianisierung hat die katholische Kirche derlei Bräuche übernommen und adaptiert. Und so segnen sie in Copacabana seit einiger Zeit Autos.

Mutter Erde hat großen Durst

Einen kleinen Obolus verdient die Kirche dabei auch: das Ticket für die Zeremonie kostet 10 Bolivianos (1,25 Euro). An den höchsten Feiertagen Anfang Februar und Anfang August kommt es zu Massensegnungen Tausender Fahrzeuge.

Sobald der Priester fertig ist, wird es laut. Die Familien lassen Korken und Kronkorken knallen und machen den Wagen selbst nochmal nass: mit Fake-Champagner und Bier. "Für Pachamama", ruft ein Mann. Der Pachamama, der Mutter Erde, werden in der Andenregion seit Menschengedenken Opfer dargebracht. Sie habe großen Durst, heißt es. Was übrig bleibt, trinken die Autobesitzer selbst. Dann zünden sie die Böller. Es kracht und stinkt nach Schwefel auf dem Kirchplatz.

Viele fahren anschließend noch ein paar Häuserblocks weiter: zu den Yatiris, den Schamanen der Aymara. Denn doppelt gesegnet hält besser. Die Yatiris rufen Pachamama an, und die Achachilas, die Berggötter der Aymara. Anstatt Weihwasser zu versprengen, lassen sie Räucherstäbchen qualmen und halten Kokablätter in die vier Himmelsrichtungen. Aber eine Gemeinsamkeit mit der Zeremonie bei der Basilika gibt es doch: Alkohol wird auch beim Schamanen oft großzügig geopfert und getrunken.

Die Folgen der Gelage für die Unfallzahlen von Copacabana sind nicht bekannt.



insgesamt 8 Beiträge
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hartmannulrich 25.12.2018
1. Was soll die Überschrift?
Soll die Überschrift bedeuten, daß man in Bolivien schwäbisch spricht? Der Ausdruck "Heiligs Blechle" ist eine Art milder Fluch und drückt leichten Ärger oder Überraschung aus. Mit Autos hat er nichts zu tun.
Holledauer 25.12.2018
2. Die Segnung von Autos und wahrscheinlich auch Motorräder...
... war in den 1950er Jahren auch in den überwiegend streng katholischen Gemeinden des Bayerischen Waldes ebenfalls üblich! Ob die Segnungen auch heute noch stattfinden, weiß ich nicht.
alterknacker54 25.12.2018
3. Nee, das ist kein Schwäbisch
Zitat von hartmannulrichSoll die Überschrift bedeuten, daß man in Bolivien schwäbisch spricht? Der Ausdruck "Heiligs Blechle" ist eine Art milder Fluch und drückt leichten Ärger oder Überraschung aus. Mit Autos hat er nichts zu tun.
Auf Schwäbisch müsste es doch "heilix Blächle" heißen... Fröhliche Weihnachten!
rohanseat 25.12.2018
4. Für die segnung ist derweg kürzer
die sitte ein fahrzeug zu segnen ist auch in Rumänien lebendig.--Das wird in vielen klöstern in serie gemacht.-- Also einfach in das schöne Rumänien kommen und der segen wird erteilt.-Allerdings kommt derPreot auch zur segnung des hauses oder anderem.
Speedwing 25.12.2018
5. Würde einigen
Germanen auch mal gut tun, vielleicht klappt's dann endlich mit der Toleranz gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern besser, ha ha
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