Boom bei Elektrobikes Vorfahrt für Akku-Flitzer

Die Autoindustrie bastelt noch, die Bikebranche steht bereits unter Strom: Angesichts hoher Benzinpreise boomt der Verkauf von Fahrrädern mit Akku-Antrieb. Dass sie inzwischen nicht mehr wie Reha-Geräte aussehen, dürfte den Absatz weiter beflügeln.


An die dummen Gesichter der Autofahrer hat Frank Heitmeyer sich längst gewöhnt. Mit kerzengradem Rücken und ohne eine Spur von Anstrengung rauscht der Besitzer des Hamburger eBikestore an besser motorisierten Verkehrsteilnehmern vorbei. "Die können es oft gar nicht fassen, dass ich so viel schneller bin als sie."

Heitmeyers Trick: Er fährt ein Elektrobike, das zwar wie ein normales Fahrrad aussieht, aber durch eine Kombination aus Muskelkraft und Akkustrom angetrieben wird. Damit kommt er relativ mühelos auf 25 km/h. Während sich die Autoindustrie noch mit den ersten Prototypen für Hybridfahrzeuge müht, ist die Zweiradbranche schon deutlich weiter: Ihre sogenannten Pedelecs sind inzwischen bereits hunderttausendfach auf Europas Straßen unterwegs - und es werden immer mehr. Der US-Marktforscher EBWR prognostiziert, die Zahl der E-Bikes in Europa werde sich in diesem Jahr auf 400.000 verdoppeln. 2009 könnte der Bestand auf eine Dreiviertelmillion anwachsen. Seit dem Mountainbike hat wohl keine Entwicklung die Fahrradszene derart in Euphorie versetzt. "Das ist der absolute Trend", sagt Herwig Reus, Marketingchef vom deutschen Bike-Primus Derby Cycles (Kalkhoff, Rixe). "Wir kommen mit der Produktion kaum hinterher."

Drahtesel im Krankenkassen-Design

Dabei schien Pedelec lange ein Nischenprodukt. Noch vor einem Jahr sahen viele der in Deutschland erhältlichen Modelle so aus, als bekäme man sie von der Krankenkasse verschrieben: klobige Rahmen, riesige graue Batterieblöcke, Gesundheitssättel. "Viele Leute haben gedacht, das ist nur etwas für Behinderte", sagt Mark Kuper vom holländischen Pedelec-Pionier Sparta. "Das haben wir inzwischen geändert, die Optik ist sehr wichtig."

In der holländischen Fahrradmetropole Groningen kann man die Pedelecs der neuen Generation überall sehen - allerdings muss man genau hinschauen. Akku und Elektroantrieb sind bei vielen Sparta-Modellen inzwischen in Rahmen und Tretlager versteckt. Ein "Fiets" (Rad) mit Stromunterstützung erkennt man nicht mehr am klobigen Design, sondern eher an der flotten Fahrweise seines Besitzers.

Während Modelle wie das Sparta Ion Style auch gut als kalifornisches Beachbike durchgehen könnten, sehen deutsche Modelle wie das Kalkhoff Tasman eher klassisch aus. Während in Holland inzwischen mehr als zehn Prozent der verkauften Räder E-Bikes sind, kommt der hiesige Markt langsamer in Schwung. Frank Heitmeyer glaubt, dass sich viele Deutsche mit der Pedelec-Idee schwertun: "Viele betrachten ein Fahrrad vor allem als Sportgerät. Unterstütztes Fahren ist bei den Deutschen verpönt."

Hersteller wie Kalkhoff wollen diese Vorurteile durch Testfahrten beseitigen. "Wir haben einen eigene Roadshow, mit einem Truck voller Fahrräder", sagt Manager Reus. "Ich kenne kaum jemand, dem das keinen Spaß macht, wenn er erst mal drauf sitzt." Von Berufs wegen darf der Marketing-Mann kaum etwas anderes sagen. Wo er aber Recht hat: Eine Pedelec-Fahrt ist eine interessante Erfahrung. Das gilt besonders für die E-Bikes der sogenannten schnellen Klasse. Sie brauchen zwar ein Mopedkennzeichen, beschleunigen den Radler aber problemlos auf 30 bis 35 km/h.

Produkt für Fahrradmuffel

Der hohe Benzinpreis könnte nach Meinung von Experten durchaus geeignet sein, dem Fahrrad mit eingebautem Schub zum Durchbruch zu verhelfen. Mit einer Akkuladung kommt man etwa 70 Kilometer weit. "Natürlich spielt der Benzinpreis eine Rolle", sagt Reus von Derby. "Aufladen kostet so viel wie einmal Duschen."

E-Bike-Evangelist Heitmeyer glaubt, dass vor allem Fahrradmuffel die Zielgruppe für das Pedelec sind. Die wollten schnell und preiswert zur Arbeit - und dabei "nicht ihren Anzug vollschwitzen". Pedelec-Veteran Kuper sieht das anders. Er glaubt, dass Hybridfahrräder in Zukunft für Sportler interessant werden.

"Wir haben sehr ausgefeilte Software, da ist inzwischen viel Intelligenz im Rad", sagt er. Demnächst, so prophezeit der Niederländer, könne man den Elektromotor mit einen Herzfrequenzmesser koppeln. Die Akku-Unterstützung variiere dann automatisch, um den Puls des Radler konstant zu halten. "Das wäre dann", meint Kuper, "wie auf dem Ergometer im Fitnesscenter."



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dehnübung 01.11.2008
1. Rad-Zukunft
Die Zukunft des Fahrrads als Mittel zur Mobilität hängt nicht nur entscheident vom Fahrrad selbst ab, sondern von anderen Faktoren, die von der Politik bestimmt sind. Nehmen wir zum Beispiel eine Radfahrt in Lübeck. Das Gelände ist meißt flach, mann/frau möchte meinen, ideal fürs Rad. Lübecker benutzen daran gemessen das Rad unterdurchschnittlich, obwohl sie mit dem Auto hoffungslos im Dauerstau stehen. Die sogenannten Radwege, eine einzige Katastrophe. Lübecker müssen MTB fahren wenn sie nicht völlig durchgeschüttelt werden wollen, am besten ein Fully. Politiker meinen, es reiche ein blaues Schild und dadurch entsteht ein Radweg. Den sollen sich die Radler, die schon mal 20-30km/h schnell sind mit Kindern, Hunden an vier Meter langen Leinen, Fußgängern teilen, während der Autofahrer mit allem Federungskomfort dieser Welt auf topfebenen Fahrbahnen dahinrollt/steht. Es dürfte per Gesetz, keine Strasse mehr ohne seperaten Radweg gebaut werden. 10% der Investitionen für Verkehrswege müßte zwingend über mehrere Jahre in Radwege gesteckt werden. Dann wird was draus.
hans glueck 01.11.2008
2. Kommt eben...
...drauf an: in den Niederlagen funktioniert ein solches System prima, aber z.B. Heidelberg mit vielen Hügeln und Steigungen wird's schon schwierig. Im Übrigen sehen die vorgestellten E-Fahrräder immer noch aus wie medizinische Hilfen, habe zumindest keines unter den angegebenen Links gefunden, das auch nur ein bisschen gehobenen ästhetischen Ansprüchen genügen würde.
a.weishaupt 01.11.2008
3. Nützt derzeit nur unsportlichen Fahrern
In der Stadt wäre ich damit derzeit nicht schneller. 30 bis 35 fahre ich auch ohne Unterstützung ohne besondere Anstrengung, nur gibt es damit bei wirklich jeder einzelnen Fahrt brenzlige Situationen. Entweder ist die Verkehrsführung darauf nicht ausgelegt, oder gerade Fußgänger und andere Radfahrer unterschätzen die Geschwindigkeit und passieren einfach die Spur. Besonders schlimm sind die geisterfahrenden Radler (Radweg linke Seite). Andererseits bin ich wiederum zu langsam, um im Autoverkehr mitzuschwimmen (der freilich im Durchschnitt meist auch nicht schneller ist). Was wir brauchen, sind Fahrspuren auf der Straße für Radler. Bei vielen 6-spurigen Ausfallstraßen wäre problemlos jeweils die rechte zu reservieren. Im Endeffekt ist bei uns aber alles einfach zu sehr am Auto orientiert, um schnellen Radverkehr sinnvoll zu integrieren.
P.Lush, 01.11.2008
4. -
Zitat von dehnübungDie Zukunft des Fahrrads als Mittel zur Mobilität hängt nicht nur entscheident vom Fahrrad selbst ab, sondern von anderen Faktoren, die von der Politik bestimmt sind. Nehmen wir zum Beispiel eine Radfahrt in Lübeck. Das Gelände ist meißt flach, mann/frau möchte meinen, ideal fürs Rad. Lübecker benutzen daran gemessen das Rad unterdurchschnittlich, obwohl sie mit dem Auto hoffungslos im Dauerstau stehen. Die sogenannten Radwege, eine einzige Katastrophe. Lübecker müssen MTB fahren wenn sie nicht völlig durchgeschüttelt werden wollen, am besten ein Fully. Politiker meinen, es reiche ein blaues Schild und dadurch entsteht ein Radweg. Den sollen sich die Radler, die schon mal 20-30km/h schnell sind mit Kindern, Hunden an vier Meter langen Leinen, Fußgängern teilen, während der Autofahrer mit allem Federungskomfort dieser Welt auf topfebenen Fahrbahnen dahinrollt/steht. Es dürfte per Gesetz, keine Strasse mehr ohne seperaten Radweg gebaut werden. 10% der Investitionen für Verkehrswege müßte zwingend über mehrere Jahre in Radwege gesteckt werden. Dann wird was draus.
Absolute Zustimmumg! Fahrradfahrer gehören auf die Strasse – auf eine eigene Fahrspur.
dehnübung 01.11.2008
5. Schall und Rauch
Zitat von a.weishauptIn der Stadt wäre ich damit derzeit nicht schneller. 30 bis 35 fahre ich auch ohne Unterstützung ohne besondere Anstrengung, nur gibt es damit bei wirklich jeder einzelnen Fahrt brenzlige Situationen. Entweder ist die Verkehrsführung darauf nicht ausgelegt, oder gerade Fußgänger und andere Radfahrer unterschätzen die Geschwindigkeit und passieren einfach die Spur. Besonders schlimm sind die geisterfahrenden Radler (Radweg linke Seite). Andererseits bin ich wiederum zu langsam, um im Autoverkehr mitzuschwimmen (der freilich im Durchschnitt meist auch nicht schneller ist). Was wir brauchen, sind Fahrspuren auf der Straße für Radler. Bei vielen 6-spurigen Ausfallstraßen wäre problemlos jeweils die rechte zu reservieren. Im Endeffekt ist bei uns aber alles einfach zu sehr am Auto orientiert, um schnellen Radverkehr sinnvoll zu integrieren.
Die Politik, außer in einigen wenigen Städten, bringt kaum Maßnahmen auf den Weg, die dem Radverkehr dienen. Politiker mögen keine Radfahrer. Mann/frau schaue sich nur die Möglichkeiten an, ein Rad in der Bahn mitzunehmen, obwohl gerade das eine geniale Kombination ist und ist nicht der Besitzer der Bahn (noch) die Politik? Da müssen erst Gesetze aus Brüssel kommen, um die Umwelt(bewußte)Deutsche Bahn zu zwingen, in allen Zügen Räder mitzunehmen. Radfahrer sind schwer abzukassieren und Politiker mögen nur Bürger die abzockefähig und am besten komplett kontrollierbar sind.
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