Boom der Automuseen Hersteller im Rückwärtsgang

Audi, BMW, Mercedes: Alle paar Wochen eröffnet derzeit ein neues Automuseum oder eine Oldtimer-Ausstellung. Dass die großen Pkw-Hersteller ihre glorreiche Vergangenheit so aufwendig inszenieren, liegt auch daran, dass moderne Karossen immer langweiliger werden.

Von Jürgen Pander


Es wird kaum Zufall sein: Wenige Tage nach der Wiedereröffnung des BMW-Museums in München beginnt nur ein paar U-Bahn-Stationen weiter die Ausstellung "Meilensteine Automobil-Design - Beispiel Mercedes-Benz" in der Pinakothek der Moderne. Der "Erfinder des Automobils", wie sich Mercedes gerne selbst tituliert, versucht dem Konkurrenten BMW mit einigen besonders ausgefallenen Autoraritäten die Show zu stehlen. Gezeigt werden formvollendete Karossen wie der Blitzen Benz von 1909, der den damals unfassbaren Geschwindigkeitsrekord von 228,1 km/h aufstellte. Auch der Autobahn-Kurier ist zu sehen, von dem 1938 lediglich zwei Exemplare gebaut wurden.

Wie schon im BMW-Museum gibt es nur eine Handvoll Fahrzeuge zu sehen - dazu aber etliche Skizzen und Renderings, die ebenfalls in der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne gezeigt werden. Sie sollen einen "hochspannenden Blick auf die Formengeschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrunderts" ermöglichen, wie Museumsdirektor Florian Hufnagel es ausdrückt.

In den vergangenen Jahren haben alle großen Hersteller - darunter Audi, VW, Mercedes und nun auch BMW - neue Werksmuseen eröffnet. Porsche wird im Dezember ebenfalls einen spektakulären Museumsbau einweihen. Und in Hamburg startete vor Kurzem die markenunabhängige Sammlung Prototyp. Warum gibt es plötzlich so viele Autoarchive?

Viele Autos vergisst man sofort wieder - zu Recht

Vermutlich liegt es daran, dass man die Formen vieler aktueller Autos völlig zu Recht vergisst, sobald sie aus dem Blickfeld gerollt sind. Einander immer ähnlicher werden die Modelle - und womöglich ist das einer der wesentlichen Gründe, warum Menschen zunehmend bereit sind, Eintritt für ein Museum zu zahlen, um dann wirklich tolle Autos zu sehen.

Dazu kommt ihre Symbolhaftigkeit für die individuelle Freiheit sowie die eigene Jugend und Vergangenheit: Weißt Du noch, damals im blassbeigen VW Käfer ... Und vielleicht hängt die Sehnsucht nach alten Autos auch mit der Vorahnung zusammen, dass gerade eine Ära zu Ende geht: Wird es in zehn Jahren noch Autos mit knatternden Verbrennungsmotoren, Ölschmiere und Auspuff geben? Angesicht der Vision, dass in Zukunft alle Pkw elektrisch fahren könnten, steigt wohl das Bedürfnis, sich noch einmal "richtige" Autos anzuschauen.

Verwertung der Vergangenheit

Angesichts zunehmend austauschbarer Neuwagen ist die museale Verwertung von Automobilen und die Pflege des Firmenerbes für viele Hersteller inzwischen ein wichtiges Marketinginstrument. Nun werden die alten Zeiten und vor allem die alten Autos beschworen - all die Silberpfeile, Stromlinien, Barockengel -, um das Markenimage mit Werten aufzuladen, die über das stets identische Mantra von Sportlichkeit, Qualität, Sicherheit hinausgehen. "Die Museen der Hersteller sehe ich als strategische Maßnahme zur historischen Aufladung der Marke", sagt Designprofessor Lutz Fügener von der Fachhochschule Pforzheim.

Das funktioniert vornehmlich über die Optik, und da haben die Modelle aus der Zeit, in der Dinge wie Fußgängerschutz oder cW-Wert noch unbekannt waren, natürlich beste Voraussetzungen.

"Gutes Automobildesign ist zwangsläufig zu einem bedeutenden Faktor - und heutzutage vielleicht zu dem bedeutenden Faktor - für den Erfolg einer Automobilmarke geworden", sagt Peter Pfeiffer, der ehemalige Designchef von Mercedes-Benz. "Gutes Autodesign muss Sinn und Sinnlichkeit paaren." Oft tut es das leider nur noch im Museum.



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