Brabus-Technologiestudie Stille Tage in Bottrop

Stärker, schneller, schriller: auf diese Art ist Brabus zu einem der größten Tuningunternehmen der Welt geworden. Dass die Formel auch mit Akku-Autos funktioniert, zeigt eine elektrisch angetriebenen E-Klasse von Mercedes. Statt des Auspuffs qualmen nun nur noch die Reifen.


Der leise Auftritt ist sonst nicht seine Art. Und der seiner Autos schon gar nicht. Wo Bodo Buschmann vorfährt, kann es schon mal etwas lauter werden. Buschmann ist der Boss der Tuningfirma Brabus aus Bottrop. Er lässt in der Regel Fahrzeuge bauen, die mit acht Zylindern losbollern, lieber noch mit derer zwölf.

Doch jetzt, unmittelbar vor der Internationalen Automobilausstellung (IAA), ist es verdächtig still am Stammsitz des Tuners. Und das, obwohl noch hektisch an drei mattweiß lackierten Mercedes-Modellen vom Typ E-Klasse gearbeitet wird. Es ist so ruhig, weil auch Brabus buchstäblich mit dem Strom schwimmt und für die Messe in Frankfurt die ersten Elektroautos aus eigener Entwicklung vorbereitet. Und weil bei Buschmann das "stärker, schneller, schriller" für alles zu gelten scheint, was sich bewegt, ließ er jetzt das womöglich stärkste straßentaugliche E-Mobil der Welt bauen.

"Erzählen kann man viel", sagt Buschmann. "Wir wollen jedoch beweisen, dass unser Auto auch fährt." Dann lässt er ein Rolltor öffnen und bittet zu einer exklusiven Testfahrt mit einem der Messeautos. Der Kombi auf E-Klasse-Basis ist leiser als jeder Brabus-Typ vor ihm. Außerdem sieht er trotz der weit ausgestellten Kotflügel ungewöhnlich brav aus. Aber sobald sich der Fuß aufs Fahrpedal senkt, ist alles wieder sortiert im Tuning-Universum.

Wenn die Elektromotoren mit 435 PS und 3200 Nm zupacken, kommt zwar kein Abgas aus dem Auspuff, doch dafür qualmen die Reifen - und das trotz des Allradantriebs. Und statt Motorgedröhn ist Gummiquietschen zu hören, wenn der fast 2,2 Tonnen schwere Kombi loslegt. Tempo 100 erreicht der E-Renner in 6,9 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 220 km/h. Da kommt selbst ein Tesla Roadster nicht mehr mit.

Ein elektrisches Kraftpaket in jedem Rad

Möglich werden die Fahrleistungen durch eine technische Errungenschaft, die Buschmann den Großserienherstellern voraus hat: Während üblicherweise die Elektromotoren irgendwo im Unterboden nahe der Achsen platziert sind, stecken sie bei Brabus in den ungewöhnlichen 19-Zoll-Felgen: Radnabenmotoren heißen die kompakten Kraftwerke, die kaum größer sind als eine Sachertorte und jeweils rund 30 Kilo wiegen -Steuerelektronik und Wasserkühlung eingeschlossen. Die Maschinen stammen vom Entwicklungspartner Protean aus England. Noch kann sie zwar kein Kunde bezahlen, denn die Produktion ist extrem aufwändig, und das Problem mit den ungefederten Massen im Fahrwerk fordert die Ingenieure bei der Abstimmung. "Aber wir machen uns ernsthaft Gedanken über eine Serienproduktion", sagt einer der englischen Entwickler. Ab 2014 könnte die Technik reif sein für eine kleinere Stückzahl aus industrieller Fertigung.

Charmant an den Radnabenmotoren sei nicht nur das günstige Verhältnis von Kraft und Gewicht, sagt Buschmann. "Sie sparen Platz im Fahrzeug." Der wird gebraucht für die Akkus. Im Fall des E-Klasse-Kombis stecken die Lithium-Ionen-Zellen der US-Firma Boston Power unter dem Ladeboden, im Mitteltunnel sowie im ehemaligen Motorraum. mit Stolz zeigt Buschmann die Abdeckung mit dem traditionellen V der Achtzylinder über dem Akku. "V wie Volt", witzelt er.

Die Kapazität der insgesamt 3456 Akkuzellen summiert sich auf 56 Kilowattstunden und ist damit etwa drei Mal höher als im elektrischen Smart. Obwohl die E-Klasse auch dreimal schwerer und doppelt so schnell ist, kommt sie deshalb viel weiter. Wer sich mit 272 PS begnügt und nicht schneller fährt als 190, schafft bis zu 350 Kilometer, sagt Buschmann. Wechselt man vom Eco- in den Power-Modus ohne künstliche Beschränkung, sind 240 Kilometer drin.

Bei ausreichend Nachfrage wird wohl eine Kleinserie gebaut

Mit dem Elektro-Umbau, den Brabus auf der IAA auch in einer Plug-In-Hybrid-Konfiguration für einen E220 CDI mit nur zwei E-Motoren zeigt, geht Buschmann weiter als die meisten anderen Fahrzeughersteller. Aber auch wenn Brabus-Kunden gern etwas tiefer in die Tasche greifen, glaubt Buschmann nicht an einen schnellen Erfolg. "Wir wollen erst einmal zeigen, was möglich ist und denken noch nicht an ein fertiges Produkt", sagt der Tuner. "Nach zwei Jahren Entwicklungsarbeit wäre dieser Prototyp schlichtweg unbezahlbar und steht deshalb nicht zum Verkauf." Sollten sich jedoch auf der IAA ausreichend Interessenten für ein Auto dieses Kalibers melden, "können wir ja immer noch eine Kleinserie planen."

Zwar gibt sich Brabus mit den Technologieträgern einen grünen Anstrich, doch so ganz verabschieden will sich Buschmann vom konventionellen Wettrüsten noch nicht. Das demonstriert in Frankfurt die Neuauflage des Modells "Rocket" auf Basis des Mercedes CLS. Das Auto mit 800 PS starken V12-Motor und mehr als 370 km/h Topspeed soll seinen Ruf als schnellste Limousine der Welt festigen. Solche Superlative ziehen noch immer. Trotz des Preises von 429.000 Euro haben die ersten Kunden bereits einen Rocket-CLS bestellt.

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Seite 1
Muhli9 11.09.2011
1. Renner?
Im Artikel steht: "Tempo 100 erreicht der E-Renner in 6,9 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 220 km/h. Da kommt selbst ein Tesla Roadster nicht mehr mit." Ein Tesla Roadster benötigt 3,7 Sekunden von null auf hundert, das ist fast die Hälfte der Zeit und schneller, als 80% des Porsche-Portfolios für diese Disziplin benötigt. Dass des Teslas Vmax mit 19km/h geringer ist, hat einen simplen (behebbaren) Grund: " Um die Getriebemechanik zu schonen, wird der Roadster bei 201 km/h (125 mph) elektronisch abgeregelt." [wikipedia.org] Das Heraufsetzen der Höchstgeschwindigkeit wird also in weniger als drei Zeilen Programmcode erledigt sein. Davon abgesehen: Diese Technologiestudie zeigt einmal mehr, dass 'dick' nicht 'elegant' (respektive effizient, 'sophisticated', etc) ist.
syracusa 11.09.2011
2. @ Muhli9
Zitat von Muhli9Im Artikel steht: "Tempo 100 erreicht der E-Renner in 6,9 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 220 km/h. Da kommt selbst ein Tesla Roadster nicht mehr mit." Ein Tesla Roadster benötigt 3,7 Sekunden von null auf hundert, das ist fast die Hälfte der Zeit und schneller, als 80% des Porsche-Portfolios für diese Disziplin benötigt. Dass des Teslas Vmax mit 19km/h geringer ist, hat einen simplen (behebbaren) Grund: " Um die Getriebemechanik zu schonen, wird der Roadster bei 201 km/h (125 mph) elektronisch abgeregelt." [wikipedia.org] Das Heraufsetzen der Höchstgeschwindigkeit wird also in weniger als drei Zeilen Programmcode erledigt sein. Davon abgesehen: Diese Technologiestudie zeigt einmal mehr, dass 'dick' nicht 'elegant' (respektive effizient, 'sophisticated', etc) ist.
Dazu wäre noch anzumerken, dass der Tesla ursprünglich ein Schaltgetriebe bekommen sollte, auf das aus Gewichts- und Belastungsgründen im Serienmodell verzichtet wurde. Mit nur einem Gang dreht der E-Motor dann bei Tempo 200 wohl schon mit fast 20.000 Umdrehungen. Das tut dem E-Motor erstens nicht gut, und zweitens bricht dabei dann auch der Wirkungsgrad ein. Interessanter fand ich die Behautpung von Brabus, man käme mit dem 2,2-Tonnen-Fahrzeug und den 56-kWh-Akkus bei Tempo 190 immer noch 350 km weit. Das halte ich für extrem unglaubwürdig. Der Akku des Tesla ist genau so groß und der reicht nur bei Tempo 80 für gute 300 km.
litholas 11.09.2011
3. ...
Zitat von syracusaDazu wäre noch anzumerken, dass der Tesla ursprünglich ein Schaltgetriebe bekommen sollte, auf das aus Gewichts- und Belastungsgründen im Serienmodell verzichtet wurde. Mit nur einem Gang dreht der E-Motor dann bei Tempo 200 wohl schon mit fast 20.000 Umdrehungen. Das tut dem E-Motor erstens nicht gut, und zweitens bricht dabei dann auch der Wirkungsgrad ein. Interessanter fand ich die Behautpung von Brabus, man käme mit dem 2,2-Tonnen-Fahrzeug und den 56-kWh-Akkus bei Tempo 190 immer noch 350 km weit. Das halte ich für extrem unglaubwürdig. Der Akku des Tesla ist genau so groß und der reicht nur bei Tempo 80 für gute 300 km.
Dem stimme ich zu, obwohl das Gewicht des Fahrzeugs dabei fast keine Rolle spielen dürfte. Bei 190 dürfte das Fahrzeug etwa 80kW benötigen, was zu einer Reichweite von etwa 130km führen würde - wenn das Ding bei Antritt der Fahrt 100% vollgeladen ist und auf 0% heruntergefoltert wird, wobei jeder erfahrene Fahrer schon bei 30%, also nach 90km, wegen des Drangs zu tanken nervöse Ticks entwickeln dürfte.
Das Grauen 11.09.2011
4. "Da kommt selbst ein Tesla Roadster nicht mehr mit."?
Bei der Beschleunigung schon, und zwar locker. Der kleine Flitzer braucht weniger als 4 Sekunden von 0 auf 100. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei 201 abgeregelt (von der Kraft her wäre mehr drin), weil die Motoren auf die Dauer keine höhere Drehzahl vertragen.
iGelb 11.09.2011
5. Radnabenmotoren
---Zitat--- Möglich werden die Fahrleistungen durch eine technische Errungenschaft, die Buschmann den Großserienherstellern voraus hat: Während üblicherweise die Elektromotoren irgendwo im Unterboden nahe der Achsen platziert sind, stecken sie bei Brabus in den ungewöhnlichen 19-Zoll-Felgen: Radnabenmotoren heißen die kompakten Kraftwerke, ... ---Zitatende--- Das ist so nicht richtig, siehe das "Active Wheel" von Michelin, einfach mal googlen.
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