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25. Juli 2006, 10:25 Uhr

Brooke Double R

Flitzer ohne Frontscheibe

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Mit der Formel 1 von heute kann James Booker nicht viel anfangen. Sein Herz schlägt für die Rennwagen aus den Fünfzigern. Diesen Geist von Gestern bringt der Geschäftsführer von Brooke aus Devon nun mit einem ebenso winzigen wie kräftigen Roadster wieder auf die Straße.

Nicht jeder Wagen, der aussieht wie ein Klassiker, ist auch tatsächlich einer. Im Gegenteil, für manche Autos hat die Geschichte noch gar nicht begonnen, obwohl sie bereits die Aura des Historischen umweht. So ein Wagen ist der Brooke Double R, der jetzt in den Londoner Docklands seine Weltpremiere gefeiert hat und der nach dem Sommer in ausgesprochen homöopathischen Stückzahlen auf den Markt kommen soll.

"Wir wollten den Geist der Formel-1-Rennwagen aus den fünfziger und sechziger Jahren einfangen", sagt James Booker, Geschäftsführer der exklusiven Sportwagenschmiede Brooke. Dabei wirkt der smarte Brite so jung, dass er diese Autos nur aus dem Fernsehen kennen kann. Trotzdem hat er wohl ziemlich genau hingesehen und den Geist von Gestern gut getroffen. Zwar ist sein Double R mit nur 3,52 Metern etwas kurz geraten und mit 1,76 Metern vielleicht auch ein bisschen zu breit, weil es hier anders als in der Formel 1 natürlich zwei Plätze geben sollte.

Doch die dafür nur 93 Zentimeter flache Grundform schlägt eine ziemlich stabile Brücke in die Vergangenheit. Nach vorn reckt der Roadster deshalb eine lange Nase mit einem großen Saugrüssel in den Wind, die sicher auch Ameisenbären attraktiv fänden. Es folgt ein extrem knapp geschnittenes Abteil für zwei Passagiere, das lediglich von einem kleinen Windabweiser vor den Kapriolen des britischen Sommers geschützt wird. Der Fahrer greift dabei in ein winziges Sportlenkrad und blickt auf nicht viel mehr als einen großen Drehzahlmesser. Wer Geschwindigkeit nicht nur fühlen, sondern auch sehen möchte, muss dafür das digitale Display bemühen, das wie im Rennwagen die aktuellen Untertitel zur Hatz nach dem Rundenrekord schreibt.

Besseres Leistungsgewicht als der Porsche GT2

Hinter den beiden schmalen Schalensitzen ragen, ganz wie bei den zitierten Formel-1-Boliden von Lotus, Brabham & Co., über einem zigarrenrunden Heckstummel zwei große Hutzen auf, die an die Höcker eines Kamels erinnern. Darunter steckt die Antriebstechnik, die jeden Kubikzentimeter des knappen Motorraums füllt. Dort setzen die Briten auf einen 2,0 oder 2,3 Liter großen Vierzylinder von Ford, der bei Cosworth zum Kraftmeier wird. Dafür sorgen Mitarbeiter, die mit schnellen Autos durchaus Erfahrung haben, verspricht Booker: "Unsere Motoren werden von den selben Mechanikern montiert, die auch die Motoren für das Williams-Grand-Prix-Team zusammenschrauben."

Angeboten wird der feuerrot lackierte Double R zunächst in drei Leistungsstufen mit 202, 264 und 304 PS, die mit dem Kraftzwerg buchstäblich leichtes Spiel haben: "Weil er nur etwa 550 Kilogramm auf die Waage bringt, ist das Leistungsgewicht besser als bei einem Lamborghini Murcielago oder einem Porsche GT2", schwärmt Booker und verweist nicht ohne Stolz auf das Datenblatt, das respektable Zahlen enthält. Schließlich schafft sein Auto den Spurt von 0 auf 100 in nur wenig mehr als drei Sekunden, und mit einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 249 km/h ist er schneller, als es in England die Polizei auf öffentlichen Straßen erlaubt. Wer sich allerdings in Zurückhaltung übt, muss mit dem Brooke nicht auf der Rennstrecke bleiben, verspricht der Geschäftsführer: "Wir haben eine uneingeschränkte Straßenzulassung."

Der kleine Flitzer ist ein exklusives Gefährt. Obwohl er schon für umgerechnet etwa 41.000 Euro zu haben ist und auch schon die ersten Bestellungen aus dem Ausland vorliegen, plant Geschäftsführer James Booker erst einmal mit einem Produktionsvolumen von jährlich nur 25 Autos. Und selbst wenn es besser läuft, werden die rund zwei Dutzend Mitarbeiter in Devon nicht mehr als 50 Fahrzeuge pro Jahr auf die Räder stellen können.

Eingeschränkte Alltagstauglichkeit

"Natürlich ist der Double R vor allem ein Spielzeug für Menschen, denen ein gewöhnlicher Sportwagen viel zu komfortabel ist", sagt Booker, der mit seinem Wagen eine kompromisslose "Thrill-Machine" auf die Räder stellen wollte. Doch auch wenn es weder eine Frontscheibe noch ein Verdeck und schon gar keinen Kofferraum gibt, spricht er seinem Wagen eine gewisse Alltagstauglichkeit nicht ab. "Immerhin sind wir damit schon bis nach Südfrankreich gefahren." Für einen modernen Sportwagen sollte das keine echte Herausforderung sein; doch mit einem alten Formel-1-Renner wird diese Strecke sonst wohl niemand in Angriff nehmen.

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