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30. April 2012, 15:33 Uhr

Marode Bauwerke

Schlechte Noten für deutsche Brücken

Hohe Verkehrsbelastung und Witterungseinflüsse lassen Brücken vorzeitig altern: Tausende Bauwerke an deutschen Fernstraßen sind marode. Das hat auch die Bundesregierung erkannt, doch mehr Geld als geplant gibt es für den Brückenerhalt nicht.

Berlin - 100 Jahre sollten die Autobahn- oder Straßenbrücken in Deutschland halten, die nach dem Zweiten Weltkrieg neu oder wieder errichtet wurden. Tatsächlich hat sich ihre Lebensdauer aber vielfach halbiert. Das hat verschiedene Gründe. Zum Teil entsprechen die verwendeten Werkstoffe nicht den Erwartungen, oder die steten Tropfen des sauren Regens machten dem Beton zu schaffen.

Vor allem aber hatte in den sechziger und siebziger Jahren niemand mit dem dramatisch zunehmenden Güterverkehr auf den Bundesstraßen und Autobahnen gerechnet. Nicht nur das: Die Fahrzeuge wurden außerdem viel schwerer.

Sie setzten den Brücken dermaßen zu, dass Tausende von ihnen inzwischen marode sind, obwohl sie gerade erst die Hälfte der berechneten Lebensdauer erreicht haben. Knapp 300 sind nach der offiziellen Kategorisierung sogar ungenügend. Nach einer Untersuchung im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) aus dem Herbst vergangenen Jahres müssen dafür die jährlichen Mittel von bisher rund 500 bis 600 Millionen Euro für mindestens fünf Jahre auf 750 Millionen aufgestockt werden.

Die Realität sieht anders aus. Die Bundesregierung hat 2010 rund 480 Millionen Euro für die Sanierung alter Bauten aufgewendet. 2012 sollen es 674 Millionen Euro werden. Erst 2015 soll das Budget auf 750 Millionen Euro wachsen und danach erst einmal auf diesem Niveau bleiben. Ob es überhaupt dazu kommt, entscheiden die Bundesregierungen, die dann an der Macht sind.

Unaufschiebbarer Handlungsbedarf

Die Notengebung bei der Zustandsbewertung von Brücken ist ähnlich wie in der Schule, nur dass schon oberhalb von 3,0 die Versetzung gefährdet, sprich: der Bauzustand nicht ausreichend ist. Eine Note größer als 3,4 gilt als ungenügend; schlechter als vier gibt es nicht. In ungenügendem Zustand befanden sich am 1. September 2010 bundesweit immerhin 302 Brücken.

Die Disqualifizierung mit den Noten drei und höher bedeutet im übrigen nicht zwingend, dass in Kürze etwa ein Zusammenbrechen des Bauwerks zu befürchten ist. Auch ein defektes Geländer kann zu einer derartigen Bewertung führen.

Um die restliche Lebensdauer der Brücken zu ermitteln, läuft zurzeit eine umfangreiche Neuberechnung der Querungen an Fernstraßen. Sie wird mehrere Jahre dauern. Vor allem Spannbetonbrücken mit mehreren Pfeilern, die weiter als 30 Meter auseinander stehen und zwischen 1960 und 1985 gebaut wurden, haben die Prüfer im Visier.

Auch ältere Talbrücken werden untersucht. Talbrücken sind ein wesentlicher Bestandteil einer der meist befahrenen Autobahnen Deutschlands, der A45 "Sauerlandlinie". Die durch Sauer- und Siegerland führende Autobahn Dortmund-Aschaffenburg, die das Ruhrgebiet mit dem Rhein-Main-Gebiet verbindet, wurde in ihren Gebirgsteilen in den siebziger Jahren fertig gestellt und verzeichnet seitdem einen überdurchschnittlichen Anteil an Schwerlastverkehr. Allein drei der größeren Brücken im Zuge dieser Autobahn schlagen mit einem Instandhaltungsaufwand von mehr als 30 Millionen Euro zu Buche.

rom/dapd

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