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Bürgerbus: Murg fährt schon mal vor

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Bürgerbus-Initiative Murg macht mobil

"Bürgerbus", das klingt so unsexy wie "Thrombosestrumpf". Tatsächlich könnte dieses Konzept ein großes Mobilitätsproblem unserer Zeit lösen. In der Kleinstadt Murg wird damit experimentiert - mit Erfolg.
Von Steve Przybilla

Als die Sonne über dem Rhein untergeht, fängt Monika Duttlingers Arbeitstag erst an. Die 65-jährige Rentnerin schließt die Tiefgarage auf, trennt den Renault Zoe von der Ladestation und stellt sich den Rückspiegel ein. Von 19.35 Uhr bis 23.35 Uhr wird Monika Duttlinger zur Busfahrerin. Gehalt: null Euro.

Die Rentnerin ist eine von 26 Ehrenamtlichen, die im baden-württembergischen Murg einen sogenannten Bürgerbus steuern. Die 7000-Einwohner-Stadt an der Schweizer Grenze litt lange unter einem Problem, das in vielen ländlichen Regionen bekannt ist: Mit dem ÖPNV ist schon abends Schluss. Der letzte Bus fährt in Murg um 18.58 Uhr.

Der Bürgerbus brachte die Lösung. Wenn der reguläre Linienverkehr abends endet, setzen sich die Murger selbst ans Steuer, um Fahrgäste zu transportieren. Die Idee stammt von einer Arbeitsgruppe, die sich im Jahre 2013 ausführlich mit dem Thema Nachhaltigkeit befasste. "Wir wollten CO2 sparen und gleichzeitig den öffentlichen Nahverkehr stärken", sagt Arndt Dohmen, 67, ein pensionierter Arzt, der das Projekt von Anfang an begleitet. "Zuerst sind wir nur am Wochenende gefahren", erzählt Dohmen. "Wir wussten ja nicht, wie gut die Idee ankommt."

Mobilität kann so einfach sein

Inzwischen ist klar: Die Murger lieben ihren Bürgerbus. Laut "Murg im Wandel", der Initiative hinter dem Projekt, nehmen pro Abend zwischen 15 und 30 Fahrgäste das Angebot wahr. Einer von ihnen ist Cam Baskan. Der 16-jährige Schüler steigt um 19.30 Uhr am Bahnhof zu. "Die Züge fahren hier zwar bis spät abends, aber früher gab es danach keinen Anschluss", erzählt Baskan. "Wenn ich mich jetzt Abends noch mit Freunden treffe, nehme ich zum Heimkommen immer den Bürgerbus."

Das Angebot könnte die selbstgestrickte Antwort auf ein Problem sein, das zunehmend auch die Autoindustrie für sich entdeckt hat und ein wichtiges Geschäftsfeld der Zukunft werden könnte: die Gewährleistung von Mobilität auch in ländlichen Gegenden. Dort kommen in den nächsten Jahren verschiedene gesellschaftliche Faktoren zusammen: Landflucht von jüngeren Menschen, Überalterung der Gesellschaft und dünnere Verkehrsinfrastruktur.

Die in Metropolen eingeführten Mobilitätskonzepte wie Carsharing helfen da aus verschiedenen Gründen wenig. Initiativen wie der Bürgerbus hingegen könnten eine Form der Mobilitätsgarantie auch für jene älteren Menschen in ländlichen Gegenden sein, die nicht mehr Auto fahren können oder wollen, aber trotzdem ja mobil bleiben müssen. Die Automobilindustrie würde dem Problem gerne mit autonom fahrenden Autos begegnen. Der Bürgerbus zeigt, dass es auch einfacher geht - und sich schneller umsetzen lässt.

Kostenlos als Konzept

Doch auch für junge Menschen ist das Angebot attraktiv. Achim Stadler, 22, ist fast jeden Abend an Bord. "Im Sommer nehme ich immer das Fahrrad", sagt der Einzelhandelskaufmann. "Aber im Winter ist das natürlich nicht so angenehm." Statt durch den Regen zu radeln, sitzt er nun im Bürgerbus - wobei der Begriff "Bus" an diesem Abend streng genommen gar nicht stimmt. Die Fahrgäste müssen sich in den kleinen Renault Zoe quetschen, der normalerweise als kommunales Dienstfahrzeug dient. Der größere Nissan-Transporter ist wegen eines beschädigten Seitenspiegels in der Werkstatt.

Bezahlen müssen die Fahrgäste nichts, auch das gehört zum Konzept. Den 35.000 Euro teuren Minibus hat zunächst die Gemeinde bezahlt und durch Sponsoren refinanziert. Auch die Kosten für Versicherung und Strom übernimmt die Kommune. "Für null Aufwand ist ein solches Projekt nicht zu haben", meint der Murger Bürgermeister Adrian Schmidle (parteilos). "Aber mit engagierten Bürgern funktioniert das."

Gerade am Anfang seien viele Fragen offen gewesen. Wie aktiviert man genügend Helfer, um ein solches Projekt durchzuziehen? Wo meldet man den Fahrplan an? Dürfen Ehrenamtliche überhaupt einen Bus steuern? Und wie lange hält der Akku des Elektrobusses im bergigen Murg durch?

Nicht immer läuft alles glatt

"Bei minus zehn Grad war einmal die Batterie leer", erinnert sich Arndt Dohmen. "Seitdem wissen wir, dass wir das Fahrzeug öfter laden müssen." Auch die anderen Fragen hätten sich Schritt für Schritt geklärt. Zum Beispiel machten alle ehrenamtlichen Fahrer einen Personenbeförderungsschein, um versicherungstechnisch abgesichert zu sein. Auch stehe der Bürgerbus inzwischen im offiziellen Fahrplan des öffentlichen Nahverkehrs. "Das macht uns besonders stolz", sagt Dohmen.

Ganz neu ist die Idee übrigens nicht, auch wenn sich das Modell noch nicht überall in Deutschland durchgesetzt hat. Wie viele Verkehrskonzepte stammt auch der Bürgerbus ursprünglich aus den Niederlanden. Dort sind die "Buurtbussen" schon seit den Siebzigerjahren ein fester Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs. 1985 wurde die Idee schließlich in Nordrhein-Westfalen aufgegriffen. In Deutschlands erster Bürgerbus-Stadt Heek (Münsterland) hat sich das Konzept bis heute bewährt.

In Baden-Württemberg listet die Nahverkehrsgesellschaft insgesamt 49 Bürgerbus-Projekte auf. Nicht alle funktionieren exakt nach dem gleichen Konzept, und nicht immer läuft alles so glatt wie in Murg. Zum Beispiel in Notzingen, einer Gemeinde in der Nähe von Stuttgart, in der seit August 2016 zweimal wöchentlich ein Bürgerbus verkehrt. Bisher nutzen aber offenbar nur wenige Fahrgäste das Angebot, wie die Lokalzeitung "Der Teckbote" berichtet.

Mit solchen Problem haben die Murger nicht zu kämpfen. Eher mal mit Fahrgästen, "die am späteren Abend angetüdelt einsteigen", wie Monika Duttlinger erzählt. Komplett betrunkene oder aggressive Personen habe sie aber noch nicht erlebt, sagt die ehrenamtliche Busfahrerin. Doch selbst darauf wäre sie im Ernstfall vorbereitet: "Wir haben alle ein Seminar zur Deeskalation besucht. Sicher ist sicher."

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