Berliner Verkehrsbetriebe Zu wenig Busfahrer - zwölfmal mehr Fahrten fallen aus

Ein Warnstreik hat die Berliner Verkehrsbetriebe erschüttert, doch vor allem im Alltag läuft es nicht rund. Das Unternehmen hat offenbar viel zu wenig Bus- und Straßenbahnfahrer - immer mehr Fahrten fallen aus.

Busse der BVG
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Busse der BVG

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Knapp 36-mal rund um den Äquator - so lang ist die Strecke, die Busse, U- und Straßenbahnen in Berlin 2018 nicht wie geplant fahren konnten, weil Personal fehlte: 1.431.536 Kilometer. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Wert verachtfacht. Insgesamt fuhren die BVG-Fahrzeuge etwa 133 Millionen Kilometer. Mehr als jeder 90. Kilometer fiel also aus.

Am dramatischsten ist die Situation bei den Bussen. Dort hat sich die Zahl der personalbedingt ausgefallenen Kilometer verzwölffacht.

Schuld sei der Krankenstand, erklärt BVG-Sprecherin Petra Nelken: "Der lag bei uns immer zwischen sieben und acht Prozent, ist nun aber auf über zehn Prozent gestiegen." Das liegt der BVG-Sprecherin zufolge auch am Erfolg des Unternehmens. So seien die Fahrgastzahlen von 925 Millionen im Jahr 2009 auf rund 1,1 Milliarden im Jahr 2018 gestiegen - bei immer stärkerem Verkehr auf den Straßen. "Das ist eine Herausforderung für unsere Fahrer und sorgt für mehr Stress am Arbeitsplatz", so Nelken: Mehr Stress bedeute eben auch mehr Ausfälle.

Ältere Mitarbeiter fallen öfter aus

Und noch ein weiteres BVG-typisches Problem spiele eine Rolle, erklärt die Sprecherin: Viele Mitarbeiter seien über 50 Jahre alt und führen seit über 30 Jahren für die BVG. "Dadurch spielen Faktoren wie zum Beispiel Ausfälle durch Rückenprobleme bei uns eine entsprechend größere Rolle." Ein Sprung von rund 180.000 ausgefallenen Fahrkilometern auf 1,4 Millionen durch einen um zwei Prozent höheren Krankenstand - das klingt auch für den Sprecher des Ver.di-Bezirks Berlin-Brandenburg, Andreas Splanemann, realistisch. Schließlich fahre die BVG viel mehr Kilometer als früher bei immer weniger Personal, so Splanemann.

"Die BVG wird an der Grenze betrieben", erklärt er. Sowohl beim Personal als auch bei den Fahrzeugen gebe es kaum noch Reserven. Vor allem die Busfahrer würden unter schlechten Bedingungen leiden, sagt er. So arbeiteten viele in geteilten Schichten, also morgens und nachmittags mit einer langen Mittagspause. "Da haben sie am Ende eine Arbeitszeit von elf, zwölf Stunden und keine Zeit für Familie oder Freizeit", so Splanemann.

BVG will 1100 Busfahrer einstellen

Dass Busfahrer besonders oft ausfallen, liege auch an ihrer exponierten Position, sagt Splanemann. Sie würden häufiger als ihre Kollegen angegriffen oder bespuckt. Zudem bekämen sie vergleichsweise wenig Geld. "Viele Busfahrer verdienen 2100 Euro brutto. Da haben manche Schwierigkeiten, die Miete zu bezahlen." Busfahren sei deshalb gerade in Berlin ein schwieriger und schlecht bezahlter Job. Auch deshalb würden sich viele umorientieren und eine neue Arbeitsstelle suchen - oder für bessere Arbeitsbedingungen streiken.

So legten die BVG-Mitarbeiter kürzlich mit einem Warnstreik den Nahverkehr in Berlin beinahe vollständig lahm. Sie fordern 36,5 statt 39 Stunden Wochenarbeitszeit, bei gleicher Bezahlung. Um diese Forderung zu erfüllen bräuchte die BVG jedoch 500 Fahrer mehr - neben den 1100, die die BVG ohnehin in diesem Jahr einstellen will.



insgesamt 41 Beiträge
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pamhalpert 20.02.2019
1. Komisch,...
dass es den Fachkräftemangel oft vor allem in Branchen, bei Unternehmen oder in Gegenden gibt, die nicht unbedingt für gescheite Löhne bekannt sind. Vielleicht müsste man da als Unternehmer mal ansetzen. Wer konkurrenzfähige Löhne und ein gesundes Betriebsklima hat, hat weder das Problem, dass Personal scharenweise davon läuft, noch dass man keinen Nachwuchs findet. Vielleicht wäre es auch mal an der Zeit, bei Stellenangeboten die Verdienstmöglichkeiten anzugeben. Ein Unding in Deutschland aber eine simple Lösung. Lohn rauf + öffentlich damit werben = mehr Erfolg bei der Bewerbersuche!
mens 20.02.2019
2. Was wollt ihr?
Ich dachte, dass wir jetzt alle unsere Autos stehen lassen sollen. Durch politische Verkehrsplanung soll dem Bürger (in Berlin) das Autofahren madig gemacht werden. Dieselverbot, 30 auf Hauptstraßen, künstliche Parkraumverknappung, keine Grüne Welle (angeblich, weil es ja Querverkehr gibt. Ach, nee). Nervig. Aber von mir aus... ABER: Gleichzeitig wird ein jämmerlicher und prekärer Ö. Nahverkehr bereitgestellt. Wie passt das zusammen? Wollt ihr uns veräppeln?
na-bravo 20.02.2019
3. Schafft ordentliche Rahmenbedingungen
dann klappt es auch mit dem Personal. Alles haben wollen aber nichts geben wollen klappt halt nicht mehr.
eunegin 20.02.2019
4. Berlin - stets auf der Schwelle zum failing state
Als Alt-Zugezogener kann ich zu Berlin nur anmerken, dass man hier gut leben kann, wenn man die vielen Mängel als Berliner Lokalkolorit hinnimmt. Für einige Milieus ist das sogar guter Nährboden, da erheblich Bewegungsfreiheit und Verdienstmöglichkeiten geboten werden. Geht man mit Maßstäben aus anderen Städten und Regionen Deutschlands vor, muss man aber feststellen: Berlin ist traditionell an der Schwelle zum failed state. Mehrere Generationen von Regierenden Bürgermeistern und Senate haben bewiesen, dass Missmanagement System haben kann. Inzwischen entwickelt sich Berlin insb. durch massiven Zuzug schneller, als es die Infrastruktur (v.a. einschließlich der Politik und Verwaltung) beherrschen kann. Die BVG ist nur ein kleineres Beispiel und aus Berliner Sicht wirklich nicht das dramatischste, doch auch die Ursachen für das BVG-Problem liegen tiefer, wie der Artikel ja andeutet. Über vieles, was in Berlin nicht oder nur teilweise funktioniert, spricht man gar nicht mehr und ist erstaunt, wie es anderswo aussieht.
muekno 20.02.2019
5. Der Grund wird doch im Artikel offen nagespochen
schlechte Bezahlung! 2100 Brutto, wer will davon in Berlin aber auch anderswo leben können, mit Familie, mit Kindern. Bezahlt die Leute ordentlich, dann bekommt ihr auch Nachwuchsfahrer. Busfahrer, aber auch Straßenbahn oder U-Bahn Fahrer ist ein verantwortungsvoller und stressiger Job, der muss auch entsprechend honoriert werden.
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