Klimapolitik Rettet das 365-Euro-Ticket Deutschlands Innenstädte?

Noch im September will die Bundesregierung beschließen, mit welchen Mitteln sie die CO2-Emissionen in Deutschland eindämmen will. Das 365-Euro-Ticket könnte dazugehören. Es ist allerdings umstritten.

Was soll der Nahverkehr kosten? Fahrgäste in Frankfurt am Main
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Was soll der Nahverkehr kosten? Fahrgäste in Frankfurt am Main

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Die Zahl 365 elektrisiert derzeit viele Politiker. So viele Euro sollen Fahrgäste künftig zahlen, um den öffentlichen Nahverkehr in deutschen Städten und Gemeinden ein Jahr lang zu nutzen. Das haben in dieser Woche die SPD-Klimaexperten im Bundestag vorgeschlagen. Auch Vertreter anderer Parteien haben sich schon für die Idee ausgesprochen.

Das 365-Euro-Ticket soll helfen, eines der größten Probleme der deutschen Klimapolitik zu lösen: Während die Emissionen etwa bei der Stromerzeugung dank Wind- und Solarenergie sinken, steigen sie im Verkehrsbereich an.

Pkw haben 2017 in Deutschland laut Umweltbundesamt 0,5 Prozent mehr Kohlendioxid ausgestoßen als 1995. Lkw produzierten sogar 20 Prozent mehr des klimaschädlichen Treibhausgases. Die Fahrzeuge sind zwar sauberer und sparsamer geworden. Doch weil der Verkehr zunimmt, steigen die Emissionen oder bleiben konstant.

Wird es billiger, wächst die Zahl der Fahrgäste

Niedrigere Fahrpreise für Busse und Bahnen könnten Pendler dazu bewegen, ihr Auto stehen zu lassen. Am 20. September will die Bundesregierung beschließen, mit welchen Mitteln sie die CO2-Emissionen in Deutschland eindämmen will. Das 365-Euro-Ticket könnte dazugehören. Es ist allerdings umstritten.

"Wir wollen, dass jede und jeder flächendeckend mit Bus und Bahn zu bezahlbaren Preisen, egal ob in der Großstadt oder auf dem Land, unterwegs sein kann", begründen die SPD-Umweltpolitiker ihren Vorstoß. So könne die Politik "die Verkehrsströme auf Verkehrsträger mit geringeren Treibhausgasemissionen und Energieverbräuchen verlagern".

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Autofreie Stadtviertel: Das Glück liegt auf der Straße

Die Idee bietet grundsätzlich Chancen, bestätigen Verkehrsexperten. "Generell reagieren Menschen auf Preissenkungen im Nahverkehr", sagt ÖPNV-Fachmann Thomas Bruns, Co-Geschäftsführer der Unternehmensberatung BBA. Wird es billiger, wächst die Zahl der Fahrgäste - diese einfache Rechnung gehe prinzipiell auf, auch wenn sich nur schwer vorhersagen lasse, wie stark der Effekt im Einzelfall ausfällt.

Das Gegenteil des Gewünschten

Das Ticket habe einen weiteren Vorteil, sagt Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. "Es ist eine gute Idee, weil der Preis dann einfach zu verstehen ist." Ein Euro am Tag - dass das billig ist, leuchtet direkt ein und macht den Nahverkehr sofort attraktiver. Das Ticket könnte also schnell etwas bewirken.

Also los, einfach mal machen, keine Zeit verlieren? Etwas komplizierter ist die Sache dann doch. Ein schlecht gemachtes 365-Euro-Ticket könnte das Gegenteil des Gewünschten bewirken.

Die größte Sorge der Fachleute: Schon jetzt sind Busse und Bahnen morgens und am Nachmittag vielerorts überfüllt. Kommen durch ein billiges Jahresticket auch nur ein paar Prozent mehr Fahrgäste hinzu, droht Chaos.

Wien als leuchtendes Beispiel - oder doch nicht?

"Zuvor müssen die ÖPNV-Unternehmen die Kapazitäten erhöhen, damit Busse und Bahnen die wachsenden Pendlerströme bewältigen können", sagt Berater Bruns. Andernfalls könnte der Nahverkehr mehr leiden als profitieren - wenn potenzielle Kunden ihn als billiges und minderwertiges Transportsystem wahrnehmen.

Manche deutsche Städte wie Bonn oder Reutlingen experimentieren bereits mit dem 365-Euro-Ticket, doch als Paradebeispiel gilt Wien. Die österreichische Hauptstadt hat den Fahrschein 2012 eingeführt und gilt seither als leuchtendes Vorbild für günstigen Nahverkehr. Experten loben allerdings vor allem, wie akribisch die Stadt die Preissenkung langfristig vorbereitet hat - indem sie zusätzliche Busse und Straßenbahnen anschaffte und Autofahrern strengere Parkregeln auferlegte.

Diesen Maßnahmen verdankt der ÖPNV womöglich sogar mehr als dem 365-Euro-Ticket selbst. Vor 2012 war der Anteil von Bussen und Bahnen am Gesamtverkehr kontinuierlich von 29 auf 37 Prozent gewachsen. Nach 2012 stieg er zwar kurzfristig weiter von 37 auf 39 Prozent, sank seither jedoch wieder auf 38 Prozent.

Branche warnt vor Milliardenloch

In Wien riss das Ticket zudem ein vergleichsweise kleines Loch in die Kasse. Seine Einführung entsprach einer Preissenkung von moderaten 20 Prozent, vorher kostete die Jahreskarte gut 450 Euro. In vielen deutschen Städten stehen viel höhere Einnahmeverluste im Raum. So kostet das Jahresabo in Hamburg derzeit 1074 Euro, in Berlin 761 Euro und in München 750 Euro (diese beispielhaft ausgewählten Tickets umfassen unterschiedlich große Gebiete).

Etwa 13 Milliarden Euro Einnahmen würden den ÖPNV-Unternehmen pro Jahr wegbrechen, rechnet der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) vor. Obendrauf müssten sie viel Geld in den Ausbau ihres Angebots stecken. Deshalb lehnt ausgerechnet die Branche, die profitieren soll, das Ticket ab. Zu unsicher erscheint ihr, dass der Staat die Finanzlücke schließt. Manchen Anbietern drohe wegen der komplizierten Abrechnungsverfahren sogar die Insolvenz, heißt es aus Beraterkreisen.

SPD in Hamburg gegen 365-Euro-Ticket

Alles viel zu unsicher - die radikale Idee eines 365-Euro-Tickets verträgt sich offenbar schlecht mit den Gepflogenheiten der ÖPNV-Branche. Die Akteure, auf die es ankäme, ziehen nicht mit. Verkehrsmanager wollen ganz klassisch das Angebot verbessern, das Streckennetz erweitern, die Taktfolge verkürzen - aber eher nicht die Preise senken.

"Die Marktforschung zeigt, dass der Preis nicht an oberster Stelle steht, sondern Qualität, Sicherheit, Bequemlichkeit, Pünktlichkeit", sagt der Chef der Hamburger Hochbahn AG, Henrik Falk. Ein auf den Preis von 365 Euro reduziertes Jahresticket hält Falk nicht für zielführend. Das eigene Auto sei ohnehin immer teurer als eine Monatskarte.

Und weil die Stimme der Branche in der Politik Gewicht hat, dürfte es mit dem 365-Euro-Ticket in Deutschland vermutlich bestenfalls langsam vorangehen. Auch wenn es - intelligent gemacht - eine gute Idee sein kann. Ausgerechnet das rot-grün regierte Hamburg hat sich bereits mehr oder weniger offiziell von dem Projekt verabschiedet - per Beschluss auf dem SPD-Parteitag.



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Teutonengriller 07.09.2019
1. Billig ist nicht alles
gerade auf dem Land ist die Streckenzahl und-dichte viel zu gering. Da bezahle ich h lieber . ehe, als daß ich jeden Tag erstmal 30min bei Wind und Wetter bis zum nächsten Bahnhof oder Busstop laufen muß. Flexiblere Arbeitzszeitmodelle wirkten auch Wunder.
jdirker 07.09.2019
2. Deutscher Wahnsinn
In die Frankfurter Innenstadt € 4,95, in Paris in Zone 1+2 € 1,20. Die Metro ist voll die S-Bahn ist leer. Mit 2 Personen nach Frankfurt und zurück € 20,00. Reicht locker für 200 KM mit dem sparsamen SUV und 4 Stunden parken. Man möchte, dass wir auf das Auto verzichten. So nicht! Streicht unsinnige Subventionen und setzt sie dort ein, wo sie sinnvoll sind!
women_1900 07.09.2019
3. Wird es billiger, wächst die Zahl der Fahrgäste
und das bewältigen Busse, Bahn und U-Bahnen dann nicht mehr. Seit einem Jahr pendel ich mit Bahn und U-Bahn zur Arbeit. Ich verschwende nahezu täglich Lebenszeit an den verspäteten ÖPNV. Als ich bei meinem AG anfing, konnte ich die Arbeitsstelle leicht mit dem Fahrrad erreichen. Dann zog mein AG um und ich musste schon auf die U-Bahn umsteigen. Dann zog mein AG nochmals um und U-Bahn alleine genügt nicht mehr. Seit einem weiteren Umzug liegen zwischen meiner Arbeitsstätte und Wohnung inzwischen rund 80 km. Mit Ü60 brauch ich mir keine neue Arbeitsstelle suchen. Also schenke ich Lebenszeit dem ÖPNV., mit dem Auto brauche ich ca. 60 Minuten einfach, mit dem ÖPNV bin ich zwischen 90 und 120 Minuten unterwegs. Das 1€ Ticket wäre nur ein Trostpflaster.
Mr Bounz 07.09.2019
4. oh weh
Schon wird eine gute Idee mit den immer gleichen alten Argumenten platt gemacht. Gerne würde ich mit der Bahn fahren,aber leider geht das nur an 2-3 Tagen in der Woche, das wären hier über 1200,-?. Natürlich ist mein Auto teurer, aber ich kann es nicht abschaffen und so geht es sicher vielen. Die Kosten sind nicht entweder Auto oder Bahn sondern UND! Schlimm sind auch die Kosten für Einzelfahrten, mit einer 5 köpfigen Familie ist es einfach sehr teuer zum Einkaufen in der Stadt mit dem ÖPNV zu fahren.
miruwa 07.09.2019
5. Dringend nötig
Ich zahle aktuell für ein Tagesticket im Grossraum Frankfurt knappe 10 Euro. Das Jahresticket für die Pendlerdistanz liegt direkt im 4stelligen Bereich. Und wir sprechen hier von 15km Luftlinie. Ich bin mit dem Rad 10 Minuten eher da als mit der Bahn. Mir graust es jetzt schon wieder vor dem Winter.
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