China-SUV BYD Tang Überholen, ohne einzuholen

Wie gut sind Autos aus China inzwischen? Elektroautobauer BYD hat seinen SUV Tang an den Nürburgring geschickt - unseren Testfahrer Michael Specht beeindruckte nicht nur die Kraft der drei Motoren.

Michael Specht

Dass Menschen sich in Deutschland nach dem BYD Tang umdrehen, liegt schon am unbekannten Emblem im Kühlergrill. Aufmerksamkeit erregt aber auch die Form der hinteren Seitenfenster des chinesischen Plug-in-Hybriden. Ausgedacht hat sich das Detail Wolfgang Egger. Der ehemalige Audi-Designer möchte den Tang deutlich von dessen westlicher Konkurrenz abheben. Was ihm gelungen ist.

Den Herkunftsnachweis "Made in China" assoziieren viele in Europa noch mit Billigware. Im Automobilbau ist das allerdings nicht mehr angebracht - wie am Beispiel des Tang zu sehen ist. Auch die Messen in Peking und Shanghai haben zuletzt gezeigt, dass die Ingenieure Design und Qualität stark verbessert haben und die Autos mittlerweile westliche Standards erreichen. Plumpe Raubkopien gibt es praktisch nicht mehr.

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SUV von BYD: Was der Tang kann

China verdankt die erfolgreiche Aufholjagd dennoch zu großen Teilen der Zusammenarbeit mit etablierten Konzernen. "Durch Joint Ventures mit europäischen Automarken ist viel Know-how in östliche Richtung geflossen", sagt China-Experte Peter Fintl von der Technologieberatungsgesellschaft Altran.

BYD gilt als besonders aggressiver Angreifer. Einen Namen hat sich das Unternehmen, an dem US-Milliardär Warren Buffett beteiligt ist, besonders mit Elektroautos gemacht. Mit Mercedes gibt es ein Joint Venture. Die Stuttgarter verkaufen über BYD in China das E-Auto Denza. In Europa hat BYD bereits mit Elektrobussen den Fuß in der Tür. Gabelstapler und Laster sollen folgen. Und in einigen Jahren vielleicht auch Pkws.

Dass BYD den SUV Tang nun auf dem Nürburgring präsentierte, hat indes eher mit dem Heimatmarkt zu tun. Die Rennstrecke gilt in China als berühmte Messlatte. Wer auf der Nordschleife gut performt, gewinnt an Renommee. Der Kurs legt aber auch Schwächen offen.

Kraft aus drei Motoren

Doch der Tang zeigte sich solide, überzeugte mit harmonischer Fahrwerksabstimmung, Komfort, wenig Wind- und Abrollgeräuschen, einer präzisen Lenkung und griffigen Bremsen des renommierten Herstellers Brembo. Verantwortlich für das Chassis ist Heinz Keck, ehemaliger Fahrwerksentwickler von Mercedes.

Zudem verblüffte der Tang mit seinem Vorwärtsdrang. Dahinter steckt die Kombination aus Zweiliter-Turbobenziner und zwei Elektromotoren. BYD gibt eine Systemleistung von 530 PS und 950 Newtonmeter Drehmoment an, was dieses Modell zu einem der stärksten SUV der Welt macht. 200 PS kommen vom Verbrenner, 150 von der vorderen und 180 PS von der hinteren E-Maschine. Nur 4,5 Sekunden sollen für den Sprint von null auf 100 km/h vergehen. Das ist Porsche-Niveau.

Aber der Tang kann auch leise und emissionsfrei fahren. Im E-Modus, aktivierbar über einen Schalter auf der Mittelkonsole, sollen bis zu 80 Kilometer elektrische Reichweite möglich sein. BYD bietet sogar eine noch größere Batterie für den Tang an. Sie bunkert Strom für 100 Kilometer. Das ist für einen Plug-in-Hybriden ungewöhnlich viel, westliche Fahrzeuge dieser Bauart schaffen das nicht. In diesem Punkt hat China - frei nach dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbrich - überholt, ohne einzuholen.

Display lässt sich um 90 Grad drehen

Im Innenraum wird der Wagen seinem Anspruch als Flaggschiff der Marke ebenfalls gerecht. Das Cockpit ist sehr ordentlich layoutet mit virtuellen Instrumenten, wenigen Schaltern und einem laptopgroßen, freistehenden 14,6-Zoll-Bildschirm.

Weil sich ein Display im Querformat laut BYD besser bedienen lässt, ein senkrecht positioniertes dagegen besser ablesen, lässt es sich per Fingertipp um 90 Grad drehen. Die Verarbeitung ist solide, Dekorelemente sind sauber eingepasst, die Oberflächen wirken angenehm. Farblich abgesetzte Doppelnähte schaffen ein bisschen Premiumatmosphäre. In einem Kia Sorento oder Toyota Land Cruiser sieht es nicht hochwertiger aus. Die Sitze bezieht BYD von Faurecia, diverse Elektronik kommt von Bosch, Continental und Siemens.

Chinesische Mittelschicht wird reicher

So erreicht der Tang auch in Sachen Sicherheit das Niveau der westlichen Konkurrenz, zumindest was die Assistenzsysteme angeht. Abstandsradar, Rückfahrkamera, Spurhaltung, Totwinkelwarnung und Notbremsfunktion sind serienmäßig an Bord. Bei Crashs soll der Wagen internationalen Standards genügen, beteuert die Konzernzentrale in China.

Die Basisversion des Tang kostet 239.900 Yuan, das sind etwa 32.000 Euro. Für das voll ausgestattete Topmodell verlangt BYD etwa 44.000 Euro. Das mag in Europa als Schnäppchen durchgehen, in China ist es gehobene Preisklasse. Solche Autos können sich Angehörige der Mittelschicht in der Volksrepublik China aber zunehmend leisten.

Seit Markteinführung im Sommer dieses Jahres hat BYD über 88.000 Einheiten verkauft. Im Oktober ist der Tang bereits auf Rang eins der SUVs mit alternativen Antrieben vorgefahren.



insgesamt 27 Beiträge
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michiansorge 14.12.2018
1. Überraschend, und dennoch ...
Eigentlich ein recht gefälliges Design finde ich. Wirklich überraschend, wenn man bedenkt, dass die meisten Chinesischen Autobauer eher auf (teils billig wirkende) Kopien von Modellen anderer Hersteller setzen. Von Haptik und Qualität würde ich mich auch gerne überzeugen lassen. Auf den Bildern sieht es zumindest so aus, als könnten sie tatsächlich mit gewissen Konkurrenten mithalten. Und dennoch. Die Front erinnert mich an eine Mischung aus Ford und Hyundai. Das Heck ist ziemlich Ami-Style. Der Innenraum ist schön clean. Aber diese Klarheit wird mit dem überdimensionierten und aufgesetzten Tablet wieder unterbrochen. Und die Fensterlinie. Schön, wenn man bei BYD stolz auf diese Spielerei ist. Mich erinnert sie an eine Mischung aus Lexus RX 350 und dem Concept Car von Byton. Wobei es letztendlich aber Range Rover ist, die schon seit Jahren den Eindruck vermittelt, als würde das Fensterband unterbruchsfrei rund um das ganze Auto gehen - sollte das die Intention der Designer gewesen sein. Ach ja, und die Fahrleistungen. Nicht schlecht und für den Alltag wahrhaftig mehr als ausreichend. Für einen Hybriden mit 530 PS und 900 Nm Drehmoment jedoch nicht wirklich beeindruckend. Ein GLC 63s schafft den Sprint auf 100 km/h mit 510 PS und 700 Nm in 3.8 Sekunden.
dirkcoe 14.12.2018
2. Ich frage mich immer
warum diese hohen Leistungen? Klar mit dem Elektromotor sind auch 1000 PS kein Problem - aber wozu? Um so ein Auto normal zu bewegen reicht eine Systemleistung von unter 200 PS - also z B. 130 PS der Verbrenner und 70 PS der EMotor. Alles Andere mag ja auf dem Papier gut aussehen, vielleicht auch auf der Rennstrecke - aber doch nicht im normalen Straßenverkehr. Es wird höchste Zeit für ein generelles Tempolimit, damit dieser Wahnsinn endlich aufhört.
jupp78 14.12.2018
3.
Zitat von dirkcoewarum diese hohen Leistungen? Klar mit dem Elektromotor sind auch 1000 PS kein Problem - aber wozu? Um so ein Auto normal zu bewegen reicht eine Systemleistung von unter 200 PS - also z B. 130 PS der Verbrenner und 70 PS der EMotor. Alles Andere mag ja auf dem Papier gut aussehen, vielleicht auch auf der Rennstrecke - aber doch nicht im normalen Straßenverkehr. Es wird höchste Zeit für ein generelles Tempolimit, damit dieser Wahnsinn endlich aufhört.
Um ordentlich rekuperieren zu können, muss der E-Motor/Generator schon eine entsprechende Größe aufweisen. Mit grade mal 70PS geht da nicht so viel.
fresch 14.12.2018
4. Das stimmt so nicht...
Zitat von dirkcoewarum diese hohen Leistungen? Klar mit dem Elektromotor sind auch 1000 PS kein Problem - aber wozu? Um so ein Auto normal zu bewegen reicht eine Systemleistung von unter 200 PS - also z B. 130 PS der Verbrenner und 70 PS der EMotor. Alles Andere mag ja auf dem Papier gut aussehen, vielleicht auch auf der Rennstrecke - aber doch nicht im normalen Straßenverkehr. Es wird höchste Zeit für ein generelles Tempolimit, damit dieser Wahnsinn endlich aufhört.
Das ist ein chinesisches Fahrzeug, für den chinesischen Markt. Dort gibt es ein generelles Tempolimit. Wie auch z.B. in den USA, aber auch dort werden sehr gerne PS-starke Fahrzeuge gekauft. Ob wir in Deutschland ein Tempolimit haben oder nicht interessiert die Hersteller nicht mal ansatzweise. Zum Auto: Ich finde es rundum gelungen, sowohl im Innenraum als auch von außen und würde es gern mal real erleben um selbst einen Eindruck von der Qualität und Haptik zu bekommen.
neurobi 14.12.2018
5.
Zitat von jupp78Um ordentlich rekuperieren zu können, muss der E-Motor/Generator schon eine entsprechende Größe aufweisen. Mit grade mal 70PS geht da nicht so viel.
Sicher, wenn ich von der doppelten Energie die Hälfte rekuperiere, habe ich mehr rekuperiert als wenn ich es bei von der einfachen Menge tue. Mit steigender Leistung wird ein Elektromotor schwerer und auch teurer. Ein kleiner Elektromotor rekuperiert genug. Die Starken Motoren werden vor allen deswegen eingebaut, weil sie so tolle Fahrleistungen ermöglichen, nicht weil sie mehr Energie zurückgewinnen.
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