Erste Fahrt im Byton M-Byte Langsam, aber gewaltig

Bytons M-Byte ist das vielleicht aussichtsreichste Elektroauto aus China. Für Audi, Mercedes und Tesla könnte das SUV, hinter dem auch zwei Deutsche stecken, gefährlich werden. Eine Ausfahrt deckt aber auch Schwächen auf.

FRIEDEMANN VOGEL/ EPA-EFE/ REX

Aus Santa Clara berichtet


Betonfugen, Risse, Bodenwellen: Die Straßen im Gewerbegebiet von Santa Clara passen so gar nicht zu den nagelneuen Glaspalästen der Silicon-Valley-Technologiefirmen.

Damian Harty lässt sich davon nicht beirren. Der Fahrwerkschef des chinesischen Automobil-Start-ups Byton brettert im SUV-Modell M-Byte über den Burton Drive. Harty, seine rund 450 Kollegen in Kalifornien und noch einmal so viele Mitarbeiter in Nanjing (China) verpassen dem vielleicht aussichtsreichsten Elektroauto aus China gerade den letzten Schliff.

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Byton M-Byte: Kampfansage an Mercedes und Audi

Gerade ist der Wagen auf der IAA präsentiert worden, im kommenden Jahr soll er in Europa bestellbar sein. Bis zu 476 PS soll er leisten, die Reichweite dank einem 95-kWh-Akku in der teuersten Variante bei über 500 Kilometern liegen. Mit diesen Eckdaten geht der M-Byte auch gegen Autos wie den Audi e-tron oder den Mercedes EQ-C ins Rennen.

Beim Rennen um Schnelligkeit ist Byton raus

Obwohl Hartys Prototyp von Hand gefertigt wurde, und bisweilen die Konsolen auseinanderfallen, kommen die Unebenheiten nicht bei den Insassen an. Butterweich federt der M-Byte die Stöße weg, schwingt ein kleines bisschen nach und rollt unbeirrt weiter.

"Liquid Road", nennt Harty dieses Fahrgefühl und geht damit auf Distanz zu Tesla und Co. Die hätten sich von den Beschleunigungswerten eines Porsche zu einer ähnlich straffen Abstimmung verleiten lassen, sagt sein Chef, Entwicklungsvorstand David Twohig.

Natürlich hat auch der M-Byte einen gewaltigen Punch, wenn man das Fahrpedal durchtritt. Wuchten die Motoren den Brocken doch von der ersten Sekunde an mit mehr als 700 Nm voran. Aber selbst wenn Twohing noch keine weiteren Daten verraten will, macht er deutlich: Beim Wettrennen um das schnellste Akku-Auto will er nicht mitmachen, bei der Höchstgeschwindigkeit steckt er freiwillig zurück.

Riesiger Cinemascope-Bildschirm

Die 200 km/h eines Audi e-tron sollte man nicht erwarten. "Ein Stromer ist kein Sportwagen", erst recht nicht, wenn er eine SUV-Silhouette habe und mehr als zwei Tonnen wiege, sagt Twohig. Wozu auch, wenn die meisten Kunden den Wagen später ohnehin nur in der Rushhour durch Shanghai oder Peking und später mal durch Stuttgart oder Paris chauffieren? "Fahrdynamik steht da nicht gerade an erster Stelle," gibt der Entwicklungsvorstand zu bedenken und nennt stattdessen Ruhe und Gelassenheit als Ziel.

Zu dieser Philosophie passt das Platzangebot - zumindest in der ersten Reihe. Dort verliert man sich fast hinter dem riesigen Cinemascope-Bildschirm, der sich über die Fahrzeugbreite spannt. In wohl keinem anderen Auto sieht man die Landkarte größer, gibt es mehr Unterhaltung, nirgendwo sonst fühlt sich der Beifahrer weniger ausgeschlossen als im M-Byte.

Derartiger Wohnkomfort liegt bei chinesischen Herstellern im Trend. So punktet Konkurrent Nio in seinen Modellen ES8 und ES6 mit einem Loungesessel für den Sozius samt Fußauflage und Handtaschenstaufach.

Für große Menschen etwas ungemütlich

Die Hinterbänkler sind im M-Byte allerdings vom Digitalfeuerwerk abgehängt. Für sie gibt es keinen eigenen Bildschirm. Zudem bietet der M-Byte in der zweiten Reihe nur durchschnittlich viel Platz, trotz seiner knapp fünf Meter Länge. Für große Menschen wird es am Kopf ungemütlich.

Trotz dieses Mankos kommt das Auto recht vielversprechend daher - etwas anders sieht es für Byton als Unternehmen aus. Der Shooting-Star aus China, der vor 18 Monaten auf der CES in Las Vegas seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte und sofort als Tesla-Jäger gefeiert wurde, ist ins Straucheln geraten.

Der charismatische Firmenchef Carsten Breitfeld hat zwischenzeitlich den Dienst quittiert und ist inzwischen beim ebenfalls kriselnden Konkurrenten Faraday Future untergekommen. Breitfeld hatte bei BMW den i8 entwickelt und sich danach als Aussteiger aus dem traditionellen PS-Zirkus inszeniert.

Druck auf westlichen Märkten

Glaubt man Ganlu Feng vom chinesischen Marktbeobachter EFS, steht auch Bytons Finanzierung auf wackeligen Füßen. In den ersten drei Finanzierungsrunden habe das Unternehmen viel weniger Geld eingesammelt als die Wettbewerber Nio, Xiaopeng und Weltmeister.

"Seit Breitfelds Abgang sehe ich Byton nicht mehr mit dieser unfassbar breiten Brust," sagt deshalb Analyst Jan Burgard vom Strategieberater Berylls in München. Dass der Chef offenbar hochrangige Entwickler mitgenommen habe, helfe auch nicht gerade. Zwar würden die limitierten Mittel Byton nach Burgards Einschätzung dazu zwingen, sich zunächst auf den Heimatmarkt zu konzentrieren. Doch schon aus psychologischen Gründen werde Daniel Kirchert, Breitfelds Ex-Partner und nun Nachfolger auf dem Chefsessel, auch auf den westlichen Märkten Druck machen.

Allerdings räumt Burgard ein, dass der M-Byte einen soliden Eindruck mache. Startet er wie geplant für 45.000 Euro (allerdings netto), sei er eine Kampfansage an Mercedes oder Audi. "Langsam und Stück für Stück" könnte er seinen Platz in Europa finden.

"Smartphone auf Rädern"

Bei der Stippvisite in Santa Clara ist von einer Krise beim Start-up auf den ersten Blick nichts zu spüren. Die Großraumbüros sind an diesem Freitagmittag voll, dabei gibt es bei Byton keine feste Arbeitszeit. Die Dame am Empfang jongliert mit mehreren Telefonen, Technikchef Twohig wirkt aufgedreht, und Harty spult auf den Prototypen einen Kilometer nach dem anderen ab.

Zwischen den Zeilen ist im Silicon Valley allerdings herauszuhören, sich nicht immer alle einig waren in Bytons Führungsspitze. "Auch ein Smartphone muss fahren können, wenn es Räder hat", sagt Twohig. Als "Smartphone auf Rädern" hatte Breitfeld den Wagen einst inszeniert, daher all die Gimmicks: Gesichtserkennung statt Schlüssel, ein Touchscreen im Lenkrad, ein Tablet zwischen den Sitzen und vor allem den extrabreiten Cockpit-Bildschirm.

Twohig legt mehr Wert auf die Abstimmung und das weiche Fahrgefühl. Der Ire ist schwere bis aussichtslose Fälle gewöhnt und muss den Byton nun zu einem Auto weiterentwickeln, indem man nicht nur gern sitzt, sondern auch fährt. Bei Renault hat er einen faszinierenden Sportwagen, die Alpine, auf die Räder gestellt. Gelingt ihm bei Byton ein ähnlicher Coup, wird es für e-tron und Co. tatsächlich schwer.

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Lobhudel 12.09.2019
1. Branchenentlarvende Wuchtbrumme - danke Byton!
Der elektrische China-Panzer hält Tesla und allen anderen "Premium-E-Pionieren" den Spiegel vor und belegt schamlos was deren Batterie-Autos tatsächlich sind: halb durchdachte, sündhaft überteuerte Wegwerf-Produkte für Egoisten mit Greta-Thunberg-Syndrom. Natürlich sind die aktuellen Premium-Stromer nichts anderes als "Smartphones auf Rädern": hoffnungslos überfrachtet mit nutzloser Leistung und Gadgets, aber dennoch gehypt als "Must-have" - bis zur nächsten von Fan-Boys und status-abhängigen Spesen-Rittern sehnsüchtig erwarteten "ultimativen" Modellgeneration. Da tut der Byton richtig gut: Er ist das "1-Euro-Handy" unter den Elektro-Panzern. Ich hoffe, er tut Tesla, BMW, Audi & Co. richtig weh, damit die Herrschaften mal wirklich über smarte, nachhaltige Elektromobilität nachdenken müssen und nicht weiter ihren "mobil zwischengelagerten" +2-Tonnen-Elektroschrott als Rettung der Menschheit verkaufen können.
napoleonwilson 12.09.2019
2. Smartphone auf Rädern
Wieso ist die Benutzung einens Smartphones im Straßenverkehr strafbar, und die Nutzung eines 48Zoll Bildschirmes nicht. In beiden Fällen bin ich total abgelenkt vom Strassenverkehr. In meinem neuen Hybrid Dienst KFZ mit Stern sind auch mehrere Bildschirme eingebaut. Und die lenken schon ordentlich ab. Braucht dann das Smartphone auf Rädern andauernd Updates? Was ist nach ein paar Jahren ? Wegwerfen wie ein altes Smartphone ? Wohin mit einer halben Tonne Sondermüll Accus. Wer macht den Service für das Smartphone auf Rädern aus China ? Die App ? Wer haftet, wenn man chattend ein Kind überfährt ? Auch die App?
Infantiler_FFF_Huepfer 12.09.2019
3. Handgefertigt
Wo man mit einem handgefertigten Exemplar steht, davon kann Tesla ein langes und misstönendes Lied singen. Aber vielleicht bleibt Byton die "Manufacturing Hell" erspart: die chinesische Regierung hat Ende Juni die BEV-Subventionen um 2/3 gesenkt, im Juli ging daraufhin der weltweite Absatz von Batterieautos um 15% zurück, bis Ende des Jahres wird diese Förderung komplett eliminiert. Wer jetzt noch kein Elektroauto baut, der baut sich keines mehr...
Lotharou812 12.09.2019
4. Gefahr für TESLA?
Erschließt sich nicht aus dem Artikel. Für Audi oder Mercedes mit ihren vergleichbar geringen Reichweiten vielleicht Bin gespannt, wie die Werte im Alltag des Byton aussehen. Vermute aber ein weiterer selbsternannter 'TESLA Killer' aus der Rubrik 'als Adler gestartet, als Suppenhuhn gelandet'. Nachdem AMS als erste Deutsche Zeitschrift die Qualität wie den im Bereich der e-Technik erarbeiteten Vorsprung von Tesla anerkannt, stünde es auch SPON zu Gesicht dies einmal anzuerkennen. Noch spielt TESLA in einer eigenen Liga.
riomaster181 12.09.2019
5. Wie schön!
Und wieder ein 5m - SUV, der später sowieso nur in der Rushhour von Shanghai, Peking, Stuttgart oder Paris rumstauen wird. Na dann ist ja das Verkehrsproblem in den Innenstädten so gut wie gelöst.
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