Autogramm Cadillac ATS Der amerikanische Patient

Niemals aufgeben. Nach diesem Motto versucht die US-Marke Cadillac unverzagt, in Europa Fuß zu fassen. Dem neuen Cadillac ATS fehlt im Feldzug gegen Audi, BMW und Mercedes eigentlich nur ein Austattungsmerkmal - dafür aber ein sehr entscheidendes.

Cadillac

Der erste Eindruck: Wo ist der Apfel? Wer zum ersten Mal ins Cockpit des neuen Cadillac ATS schaut, sucht unweigerlich nach dem Apple-Logo. Denn ein so brillantes Display, eine so einfache Menüstruktur und eine so simple Bedienung mit Wischen und Schieben kennt man bislang nur vom iPad. Das faszinierende Infotainment-System ist nicht das Einzige, womit die neue Limousine von Cadillac, die im Spätherbst nach Europa kommen wird, punktet.

Auch rings um den Bildschirm und die attraktiven Instrumente sieht der Innenraum gut aus; es gibt edle Oberflächen und stramm gepolsterte Sitze, die ordentlich Halt bieten. Außerdem kann der ATS auch gegen deutsche Wettbewerber wie die Mercedes C-Klasse, Audi A4 oder 3er BMW mit Hightech punkten: Er verfügt über einen elektronischen Abstandhalter, hilft bei Spurführung und Spurwechsel und bietet ein Head-up-Display.

Das sagt der Hersteller: Cadillac feiert den völlig neu und ohne direktes Vorgängermodell entwickelten ATS als Rivalen der deutschen Nobelhersteller und setzt große Hoffnung in das Auto. "Die Limousine bedient alle Wünsche der europäischen Kunden", sagt Cadillac-Europa-Chef Wolfgang Schubert. "Er ist stylish, schnell, agil und bietet jede Menge Fahrspaß. Damit hat er das Zeug, die Platzhirsche in der gehobenen Mittelklasse herauszufordern."

Das ist uns aufgefallen: Vor allem, dass der betont kantig gezeichnete ATS nicht nur gut aussieht, sondern auch gut fährt. Mit Heckantrieb, 1,6 Tonnen Leergewicht, das ausgeglichen verteilt ist, und einem knackigen Fahrwerk, das auf der Nordschleife des Nürburgrings abgestimmt wurde, macht das Auto nicht nur auf schnurgeraden Highways eine gute Figur. Kurvige Landstraßen oder Serpentinen im Küstengebirge - selten fühlte sich ein US-Auto so präzise und bestimmt an wie der mit 4,64 Meter Länge ungewöhnlich kurze Cadillac. Kehrseite des ambitionierten Fahrwerks ist der nur mäßige Komfort, wenn es über breite Querfugen oder Asphaltscharten geht.

Unter der Motorhaube des Testwagens steckte der bei General Motors schon länger bekannte V6 mit 3,6 Liter Hubraum und Direkteinspritzung, der 321 PS und bis zu 373 Nm mobilisiert. Allerdings schluckt die betagte Sechsgang-Automatik einen Teil des Elans, und das übertrieben kernige Auspuffröhren wirkt irgendwie pubertär.

Agil und antriebsstark ist der ATS allemal. Immerhin schafft er den Sprint von null auf hundert in 5,4 Sekunden und wird erst bei 250 Sachen elektronisch abgeregelt. Mit diesen Daten schließt Cadillac auf zur deutschen Konkurrenz. Dass man den Wagen angesichts solcher Leistungswerte (und ohne Start-Stopp-Automatik) kaum unter zehn, zwölf Liter Durchschnittsverbrauch fahren kann, sollte niemanden überraschen - und wird Cadillac-Fans kaum stören.

Allerdings kommt dieser Motor in Europa eh nicht zum Einsatz. Hierzulande bietet Cadillac das Auto nur mit dem aus dem Opel Insignia bekannten 2-Liter-Vierzylinder-Turbomotor mit 272 PS an. Weit entscheidender für einen Erfolg dürfte die Tatsache sein, dass kein Dieselaggregat wählbar ist. Dass ein Ölbrenner fehlt, wird den ATS heftig ausbremsen, denn die deutschen Wettbewerber kommen auf einen Dieselanteil von mehr als 50 Prozent.

Wenn man länger mit dem Auto unterwegs ist, entdeckt man außerdem noch weitere Macken und Mängel. Etwa, dass die vorderen Kopfstützen viel zu kurz sind, dass man sich im Fond mit zunehmender Fahrtzeit beengt fühlt und dass zwischen all dem Chromzierrat und den Softtouch-Oberflächen reichlich Hartplastik verbaut wurde.

Das muss man wissen: In den USA kommt der ATS im September in den Handel, in Deutschland wird das noch zwei oder drei Monate dauern. Gebaut werden sämtliche ATS-Modelle in Michigan. Auf Wunsch können die Wagen auch mit Allradantrieb ausgestattet werden, und für den hierzulande verfügbaren Vierzylinder gibt es neben der Automatik auch ein Schaltgetriebe.

Was genau das Auto in Europa kosten und wie die Ausstattung aussehen wird, will Cadillac erst zur Markteinführung bekanntgeben. Doch ähnlich wie in Amerika dürften neben den vielen Assistenzsystemen auch Lederausstattung, Klimaautomatik und Xenonlicht immer Standard sein. Nimmt man die anderen Cadillac-Modelle als Basis, dürfte der ATS mit Vierzylinder-Turbo hierzulande etwa 35.000 Euro kosten.

Das werden wir nicht vergessen: Den Fahrspaß, den wir mit dem ATS hatten und den guten Eindruck, den der Wagen hinterlassen hat. Optisch ist er eine Alternative zum Einheitsgrau der deutschen Mittelklasse. Doch nur, um damit aufzufallen, wird so ein Auto natürlich nicht gekauft. Deshalb wird wohl auch dieser Cadillac nur selten auf unseren Straßen aufkreuzen.

Die Gründe? Cadillac klingt in hiesigen Ohren noch immer nach Heckflossen und Fifties-Opulenz - und nach Spritschlucker, und dieses Vorurteil kann ja auch der ATS nicht ganz ausräumen. Sein Schicksal dürfte ein ähnliches sein wie jenes von Mittelklasseautos der Marken Lexus oder Infiniti: Im Zweifel greifen die Deutschen dann doch wieder zu Albekanntem. Also Audi, BMW oder Mercedes.

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insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
microscooter 07.09.2012
1. Komplett dämlich
Zitat von sysopCadillacNiemals aufgeben. Nach diesem Motto versucht die US-Marke Cadillac unverzagt, in Europa Fuß zu fassen. Dem neuen Cadillac ATS fehlt im Feldzug gegen Audi, BMW und Mercedes eigentlich nur ein Austattungsmerkmal - dafür aber ein sehr entscheidendes. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,852480,00.html
Toll! Ein bleischwerer Wagen, der wenigstens 12 Liter auf 100 km schluckt. Das alles erreicht man bei dieses Cadillac mit komplett fantasieloser und veralteter Mainstream-Technik. Was ficht SPON eigentlich an über eine derartig anachronistische Fehlentwicklung derart undifferenziert zu berichten?
sabaro4711 07.09.2012
2. nix Titel
Zitat von sysopCadillacNiemals aufgeben. Nach diesem Motto versucht die US-Marke Cadillac unverzagt, in Europa Fuß zu fassen. Dem neuen Cadillac ATS fehlt im Feldzug gegen Audi, BMW und Mercedes eigentlich nur ein Austattungsmerkmal - dafür aber ein sehr entscheidendes. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,852480,00.html
Also, abgesehen davon dass die Kiste potthässlich ist (meine persönliche Meinung).... GM wird hierzulande wohl eher als Opel-Killer angesehen und hat damit das, was schlimmer ist als Verbrauch und eckige Scheinwerfer: ein mieses Image. Also Nokia auf Rädern. Und sind wir ehrlich, ohne Image keine Marktanteile, schon gar nicht im Geschäftswagen-Segment. Da kommt der Verbrauch und ein Karnickelstall als Kofferraum nur noch nebensächlich daher.
Teile1977 07.09.2012
3. Gewicht?
Zitat von microscooterToll! Ein bleischwerer Wagen, der wenigstens 12 Liter auf 100 km schluckt. Das alles erreicht man bei dieses Cadillac mit komplett fantasieloser und veralteter Mainstream-Technik. Was ficht SPON eigentlich an über eine derartig anachronistische Fehlentwicklung derart undifferenziert zu berichten?
Ähem, 1,6 Tonnen, das wiegt mein neuer 3er BMW auch. Und mit dem Opel Motor, mit Schaltgetriebe dürfte der Verbrauch auch deutlich nach unten gehen. Mein Gott, etwas mehr Abwechslung auf den Straßen würde doch guttun!
CaptainSubtext 07.09.2012
4.
---Zitat von Artikel--- Der erste Eindruck: Wo ist der Apfel? Wer zum ersten Mal ins Cockpit des neuen Cadillac ATS schaut, sucht unweigerlich nach dem Apple-Logo. Denn ein so brillantes Display, eine so einfache Menüstruktur und eine so simple Bedienung mit Wischen und Schieben kennt man bislang nur vom iPad. Das faszinierende Infotainment-System ist nicht das Einzige, womit die neue Limousine von Cadillac, die im Spätherbst nach Europa kommen wird, punktet. ---Zitatende--- Meine ersten Eindrücke, wenn ich bei neuen Autos ins Cockpit schaue, beziehn sich immer auf * Sind die Instrumente gut ablesbar? * Wie sind die Sitze? * Wie ist das Lenkrad? * etc. * Wie ist die Verarbeitung, Materialien, Geruch, etc. Sie wissen schon, so hauptsächlich Dinge, die wichtig sind fürs Autofahren. Und daran hat die gestiegene Bedeutung der Elektronik nichts geändert. Aber jeder nach seiner Facon und was ihm wichtig ist.
meineidbauer 07.09.2012
5.
Zitat von Teile1977Ähem, 1,6 Tonnen, das wiegt mein neuer 3er BMW auch. Und mit dem Opel Motor, mit Schaltgetriebe dürfte der Verbrauch auch deutlich nach unten gehen. Mein Gott, etwas mehr Abwechslung auf den Straßen würde doch guttun!
sehe ich genauso. Wenn ich mir den teutonisch geprägten Einheitsbrei ansehe, wo bleibt der Raum für Individualität? Der zu kleine Kofferraum indes ist ein no-go. Ich vermute, dass er bei uns nicht allzuviele Käufer finden wird. Das Auto ist von vielem etwas, aber nichts so richtig. Er stößt mit dem 4-Zylinder Turbo auch nicht wirklich in das Segment der Sportlimousinen vor. Der 6-Zylinder-Motor wäre in diesem Fahrzeug gewiss nicht verkehrt :-) und würde den Fahrspass nochmal deutlich anheben. Wenn dann noch dazu der Preis stimmte, sähe die Sache vielleicht schon wieder ganz anders aus.
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