SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. Juli 2013, 08:51 Uhr

Verblasster Mythos

Cadillacs Kurskorrektur

Von

Cadillac galt mal als Synonym für automobilen Glamour. Doch die Luxusmarke aus dem GM-Konzern hat über die Jahre ihren Glanz verloren. In den USA kämpft sich der Hersteller gerade zurück - doch für den europäischen Markt ist nicht mal das Flaggschiff gut genug.

Glamouröse Straßenkreuzer mit mächtigen Heckflossen machten den Autohersteller Cadillac einst berühmt. Stars liebten diese Limousinen: Jayne Mansfield, Dean Martin, Marylin Monroe, Clark Gable und natürlich Elvis Presley - sie alle fuhren einen Caddie. Die Modelle aus den goldenen Zeiten hießen Eldorado, Fleetwood oder DeVille. Und heute? Da tragen Cadillacs Namen wie ATS, CTS oder XTS.

Die nüchternen Bezeichnungen sind ein Symbol für den Wandel der Marke, sie dokumentieren, wie weit sie sich von ihrem einstigen Image entfernt hat. Bestes Beispiel dafür ist der Cadillac XTS: Er ist sozusagen das Pendant zur Mercedes S-Klasse - die teuerste und größte US-Serienlimousine und damit das Flaggschiff von Mutterkonzern General Motors.

Doch der Wagen ist nicht nur in Europa so gut wie unbekannt, auch in seiner Heimat fährt das Top-Modell hinterher. Die Zeiten, in denen Cadillac noch vor BMW, Mercedes oder Audi genannt wurde, sind längst passé; selbst Lexus oder Infiniti stehen bei vielen US-Autofahrern höher im Kurs.

Die Gründe für den Imageverlust

Das liegt einerseits am mangelnden Tempo der technischen Entwicklung, die im Imperium von General Motors oft träger vonstatten geht als bei der Konkurrenz. Und andererseits am Kundenverhalten: Über die Jahre wurde Cadillac zur Rentnermarke. Das ist fürs Geschäft gar nicht so schlecht, denn die kaufkräftige Klientel der Senioren wächst. Fürs Image ist diese Entwicklung aber katastrophal - denn welcher Jungunternehmer möchte schon den gleichen Wagen fahren wie sein Opa?

Cadillac hat dieses Problem erkannt, und versucht bereits seit ein paar Jahren gegenzusteuern. Die Marke führte eine neue Designlinie ein und rüstete die Autos technisch auf. Neue Plattformen mit Heckantrieb wurden entwickelt und Sportmodelle, die auf dem Nürburgring beachtliche Rundenzeiten erreichten - da wurden plötzlich auch jüngere Kunden wieder hellhörig.

Prompt ist das alte Selbstbewusstsein wieder da. "Cadillac ist zurück", sagt Markenchef Bob Ferguson und verweist auf ein Absatzplus von 38 Prozent in den ersten fünf Monaten dieses Jahres. So forsch legte die 110 Jahre alte Automarke seit 1976 nicht mehr zu. Für Jubel ist es aber noch viel zu früh, denn die Kennzahlen bewegen sich auf niedrigem Niveau. Cadillac liegt, was die US-Verkäufe anlangt, auf einer Höhe mit Audi - Mercedes oder BMW setzen fast die doppelten Stückzahlen ab.

Der Preisunterschied zu Mercedes

Mit einem neuen Modell des Flaggschiffs XTS will Cadillac jetzt weiter angreifen. Die Konstrukteure haben sich große Mühe gegeben, dem Wagen einen modernen Charakter zu verleihen.

Beim Design zeigt der XTS klare Kante. Die Karosserie sieht aus, als wäre sie aus einem einzigen großen Blechklotz geschnitzt, die Motorhaube trägt Bügelfalten und die Leuchten sind scharfkantig wie Glasscherben. Als kleiner Styling-Clou schimmern die Türgriffe hell im Dunkeln.

Aus dem Innenraum wurden sämtliche analogen Instrumente verbannt. Der Fahrer bekommt alle wichtigen Informationen stattdessen auf einem Head-up-Display auf der Frontscheibe angezeigt. Und während früher ein V8-Motor selbstverständlich war, sitzt im XTS nun ein Sechszylinder mit 3,6 Liter Hubraum und 304 PS.

Das 5,13 Meter lange Auto gibt es in den USA ab 44.075 Dollar zu kaufen. Zum Vergleich: Mercedes verlangt für die kleinere E-Klasse ab 51.900 Dollar und für die in der Größe vergleichbare S-Klasse ab 92.350 Dollar.

Hoffnung in den USA - Nostalgie in Europa

Mit solchen Ausstattungen und Preisen könnte Cadillac auf seinem Heimatmarkt tatsächlich den Erfolg ausbauen und sich etwas verjüngen. Aber auf der anderen Seite des großen Teichs weckt die Marke aber weiterhin bloß nostalgische Gefühle - denn in Europa wird der XTS gar nicht erst angeboten.

Der US-Hersteller gibt sich zwar auch hier Mühe, nicht völlig den Anschluss zu verlieren. Doch Gerüchte, Cadillac werde ein echtes Edelmodell auflegen, ein Auto im Stil der furiosen Studien Sixteen und Ciel, erwiesen sich als Träumereien. Das Projekt Luxusklasse wurde angeblich aus Kostengründen gestoppt - und der XTS bleibt damit auch weiterhin das glamouröseste Auto von General Motors.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung