Car Design Europe Was Autos in Form bringt

Ob ein Auto schön ist oder hässlich, ist nicht allein Geschmacksfrage. Das entscheidet sich auch daran, welche ästhetischen Ziele maßgebend für sein Aussehen waren. Ein opulentes neues Buch konzentriert sich auf Kulturgeschichte und gesellschaftliche Hintergründe von Autodesign. 

British Motor Industry Heritage Trust

Porsche 911, Jaguar E-Type, Lamborghini Miura - wer sich ein bisschen auskennt in der Welt des Automobils, gerät vermutlich schon bei der Nennung dieser drei Typen ins Schwärmen. Gehören die genannten Sportwagen doch zu jenem Kreis illustrer Fahrzeuge, die gern als Kultautos bezeichnet werden. Und als Design-Ikonen.

Warum eigentlich? Sind diese Autos besonders schön, rassig, exzentrisch, elegant? Vielleicht alles zusammen. Und sie sind Teil der jüngsten europäischen Kulturgeschichte - so jedenfalls sieht das Paolo Tumminelli, Professor für Designkonzepte an der Köln International School of Design, der jetzt den ersten Band einer Geschichte der Automobilästhetik vorgelegt hat. "Car Design Europe. Myths, Brands, People" heißt das fast 400 Seiten umfassende Werk mit mehr als 300 Fotos und Texten in Deutsch, Englisch und Französisch.

"Für mich beginnt die Geschichte des Automobils um das Jahr 1935, als man anfängt, das Auto nicht mehr nur als technisches Gerät, sondern als Designobjekt zu betrachten. Das Automobil bekommt eine eigene Form, wird zu mehr als bloßem Fahrwerk", schreibt Tumminelli. Und so startet das erste Kapitel eben nicht mit dem Motorwagen von Carl Benz, sondern mit dem BMW 328 mit Stromlinienkarosserie.

"Das moderne europäische Automobil ist ein faschistisches Erzeugnis"

Es folgt eine Tour de Force durch die Welt der europäischen Autohersteller. Gegliedert ist das Buch entlang der Zeitachse - die einzelnen Phasen der Autodesign-Entwicklung kennzeichnet Tumminelli mit Begriffen wie "Jet Set", "Radical", "Cosmetix" oder "Brandorama". Das klingt erstmal verwirrend und etwas aufgesetzt - wenn man sich aber auf das spezielle Vokabular einmal eingelassen hat, kommt man ganz gut damit zurecht.

Deutlich stärker stört schon das mitunter recht nachlässige Lektorat der Texte. Sie sind kurz und stellen das Auto stets in einen gesellschaftlichen Kontext und fallen durch klare Thesen auf, die auf den ersten Blick durchaus polarisieren. Etwa wenn es um die Einordnung in den politischen Kontext geht: "Auch wenn die Feststellung schmerzhaft ist: Das moderne europäische Automobil kann durchaus als faschistisches Erzeugnis betrachtet werden - was auch die andauernde politische Debatte um das Thema erklärt." Allerdings ist die Aussage nur auf den ersten Blick verstörend - man betrachte nur die Automobil- und Infrastruktur-Politik in Deutschland und Italien der dreißiger Jahre und ihre Folgen für die spätere Entwicklung der Fahrzeugindustrie.

Viel mehr jedoch konzentriert sich Tumminelli auf die Entwicklung des Designs. Wie sich gestalterische Entwicklungslinien durch die Jahrzehnte und Marken ziehen, wie Trends aufkommen, wieder abbrechen oder in völlig neuer Mixtur zu etwas vorher nie da gewesenem führen, dafür liefert der Gelehrte eine Fülle von Beispielen, und er tut dies so, dass es auch für Auto-Laien nachvollziehbar ist. "Bei Car Design Europe liegt der Schwerpunkt nicht auf Schönheit, sondern auf Bedeutung. Es wird von kleinen und großen, hübschen und hässlichen, teuren und billigen Autos erzählt. Denn jedes Auto ist gleichermaßen wertvoll wie unschuldig."

Drei Millimeter, die den Unterschied ausmachen

Einige Modelle sind aber dann doch interessanter als andere - und auf die und ihre Designer geht Tumminelli ebenso pointiert wie kenntnisreich ein. Besonders beeindruckend ist in diesem Zusammenhang die Anekdote von Design-Großmeister Battista Pinin Farina. Der hatte seine Mitarbeiter gebeten, das Heck eines Ferrari-Prototypen auf jeder Seite um drei Millimeter zu kappen. Die Männer jedoch lackieren den Wagen in der Annahme, der Chef werde schon nichts merken, wenn das Auto erstmal glänzend vor ihm steht. Farina begutachtet den lackierten Ferrari schließlich und geht. Dann aber bittet er den Meister in sein Büro. "Verzeihung, ich habe mich geirrt, wir müssen noch drei Millimeter wegnehmen."

Natürlich werden Autofans trotz der Opulenz des Buches diverse Autos vermissen, die eigentlich auch in eine europäische Auto-Design-Geschichte gehören. Den Trabi zum Beispiel oder die Minimalmobile der fünfziger Jahre wie etwa BMW Isetta oder Messerschmitt Kabinenroller und wohl auch den C111 oder den VW K70. Doch diese Debatte ist müßig, denn irgendein Auto wird angesichts eines solchen Generalprojekts immer außen vor bleiben. Im März 2012 übrigens wird die Reihe durch den Band "Car Design America" fortgesetzt.

Paolo Tumminelli: "Car Design Europe. Myths, Brands, People", teNeues, 392 Seiten, 49,90 Euro.



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Seite 1
mauimeyer 13.11.2011
1. Style Europe
Zitat von sysopOb ein Auto schön ist oder hässlich, ist nicht allein Geschmacksfrage. Das entscheidet sich auch daran, welche ästhetischen*Ziele maßgebend für sein Aussehen waren. Ein opulentes neues Buch konzentriert sich auf Kulturgeschichte und gesellschaftliche Hintergründe von Autodesign.* http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,795063,00.html
Guter Bericht! Mal was anderes , als immer nur vorgefertigte Fahrzeugvorstellungen vom "Reiseschriftsteller" Tom Grünweg. Alle Old- und Youngtimer-Freunde lieben das Auto als Kulturgut und investieren erhebliche Summen in diese Liebhaberei. Der heutige Design-Einheitstrend geht manchem auf den Keks! Das Buch ist bestellt. Weihnachten kann kommen! Kauri
tw2 13.11.2011
2. Meilensteine?
Verwundert klicke ich durch die Fotostrecke und stelle verblüfft fest: Designer in Europa sind schlecht. Diese hässlichen Kleinwagen sollen tatsächlich Meilensteine in Sachen Autodesign gewesen sein? Autos, in die man sich mühevoll hineinzwängen muss, und wo man mit dem Hintern nur wenige Zentimeter über den Asphalt sitzt? Liebe Güte... Nee, also mein Geschmack ist das ganz sicher nicht.
archivarin 13.11.2011
3. soso!
Schade, dass Paolo Tumminelli nur Professor an dieser Gestaltungsschule in Köln ist und kein Automobilhistoriker. Denn nur so konnte er willkürlich den Beginn des Automobildesigns auf das Jahr 1935 setzen, weil es ihm gerade so gefällt oder seine Kompetenzen erst mit diesem Jahr beginnen. Das Walter Gropius fünf Jahre zuvor den Adler Standard 8 gezeichnet hat und auch sonst in Gestaltungsfragen das Unternehmen beraten hat, was soll's! Für Paolo Tumminelli ist 1935 das Jahr! Das in den 1910er Jahren Automobile aus modischen Gründen ein Bootsheck verpasst bekamen, egal. Für Paolo Tumminelli ist 1935 das Jahr! Das die Form des Kühlers seit den 1900-Jahren gezielt von den Automobilherstellern zum Erkennungsmerkmal entwickelt wurden, Schwamm drüber! Für Paolo Tumminelli ist 1935 das Jahr! Wenn ein Buch schon so qualifiziert beginnt, möchte ich eigentlich gar nicht mehr wissen, was dieser Experte noch von sich gibt.
Leser161 13.11.2011
4. Interessant
Klingt interessant das Buch. Ich mag es immer gerne, wenn ein Gebiet in Gänze analysiert wird und in einen Gesamtkontext stellt, statt einfach nur die Fakten zu wiederholen. Das mit 1935 hat mich allerdings auch schon vorher gewundert, wenn man sich Autos aus dieser Zeit anguckt, dann ist da natürlich auch sowas wie Design. Aber vielleicht kennt sich der Autor in dieser Eproche einfach nur nicht aus und hat Sie deshalb wegelassen. Ich werde dem Buch eine Chance geben und wenn es gut ist, auch den Nachfolger kaufen.
robertusk 13.11.2011
5. dummes Geschwätz
Zitat von archivarinSchade, dass Paolo Tumminelli nur Professor an dieser Gestaltungsschule in Köln ist und kein Automobilhistoriker. Denn nur so konnte er willkürlich den Beginn des Automobildesigns auf das Jahr 1935 setzen, weil es ihm gerade so gefällt oder seine Kompetenzen erst mit diesem Jahr beginnen. Das Walter Gropius fünf Jahre zuvor den Adler Standard 8 gezeichnet hat und auch sonst in Gestaltungsfragen das Unternehmen beraten hat, was soll's! Für Paolo Tumminelli ist 1935 das Jahr! Das in den 1910er Jahren Automobile aus modischen Gründen ein Bootsheck verpasst bekamen, egal. Für Paolo Tumminelli ist 1935 das Jahr! Das die Form des Kühlers seit den 1900-Jahren gezielt von den Automobilherstellern zum Erkennungsmerkmal entwickelt wurden, Schwamm drüber! Für Paolo Tumminelli ist 1935 das Jahr! Wenn ein Buch schon so qualifiziert beginnt, möchte ich eigentlich gar nicht mehr wissen, was dieser Experte noch von sich gibt.
Schreiben Sie doch selber ein Buch. Haben Sie das hier rezensierte schon durchgesehen? Warum schreiben Sie über Dinge, die Sie nicht kennen? Neid? Missgunst? Unwissenheit?
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