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01. April 2019, 04:18 Uhr

Cargobike Muli

Halb Esel, halb Rad

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Lastenräder sind sperrig und schwer zu fahren? Nicht so das kleine, kräftige Muli. Problematisch wird es nur, wenn die Ladung in Bewegung gerät.

Der erste Eindruck: "Das ist ja mal ein schönes Rad!" Eine Frau steht am Gartenzaun und erfreut sich an der Last, die auf der Straße vorbeirollt: zwei Kinder, die tief im Gepäckkorb des Mulis versunken sind. Nur Helme und gut gelaunte Gesichter sind zu sehen. Und der Vater strampelt fröhlich.

Das sagt der Hersteller: "Das Nervige ist: Sie müssen an jeder Ampel einen kleinen Vortrag halten", sagt Felix Schön von Muli Cycles in Driedorf-Mademühlen. Will heißen: Mit dem Lastenrad fällt man nicht nur auf, sondern wird von Passanten auch häufig darauf angesprochen. Aber der Lastesel hat ja auch seine Besonderheiten.

Dazu zählt zum einen seine Kompaktheit. Die Entwickler wollten das Rad auf eine Gesamtlänge von unter zwei Metern bringen, um es wendiger zu machen. Denn agil und flink waren Lastenräder bisher meist nicht. Lastenrad kommt von Last, das Fahren ist beschwerlich. Um das Rad zu optimieren, montierte Muli vorn ein kleines 16-Zoll-Rad und schob ansonsten alles ein bisschen zusammen. Schließlich landete man bei 1,95 Metern Gesamtlänge. Damit ist es vielerorts möglich, das Rad in der Bahn mitzunehmen. Nicht so bei anderen Lastenrädern, die meist um die 2,50 Meter lang sind.

Als Alleinstellungsmerkmal nennt Schön auch den Kindersitz, ein 280 Euro teures, in Deutschland handgefertigtes Luxusextra. Dafür sitzt der Nachwuchs stoßgedämpft. Zwei Kinder bis zum empfohlenen Alter von fünf Jahren haben nebeneinander Platz. Die Sitzfläche wird mit Gummibändern an zwei Ösen aufgehängt und federt mit, wenn es mal über Stock und Stein geht. Eine Montage in und gegen die Fahrtrichtung ist möglich.

Haupteinsatzgebiet von Lastenrädern sind Städte und damit befestigte Wege. "Das Muli ist für jeden gemacht, der seinen Alltag bewältigen will und aufs Auto verzichten kann oder muss, weil er sich keins leisten kann", sagt Schön. "Kinder in den Kindergarten bringen, Einkäufe erledigen oder beides zusammen" - all das meistere das Cargobike. Wenn der Lastenkorb in Längsrichtung eingeklappt ist, schrumpft das Muli auf normale Fahrradbreite. Ein Rucksack oder eine Einkaufstüte passt aber auch dann noch in den Korb.

Das ist uns aufgefallen: Wendiger und kompakter ist das Muli - aber: Der Vergleich gilt in Bezug auf andere Lastenräder. Wer zum ersten Mal mit so einem Schlepper unterwegs ist, muss sich an ihn gewöhnen. Etwas eigenartig fühlt sich das Fahren zunächst an, weil man das Vorderrad beim Lenken hinter dem Lastenkorb kaum sieht. Um nicht in Schlangenlinien zu geraten, sind feinfühlige Lenkbewegungen notwendig. Doch ein paar Proberunden helfen merklich.

Mit ein paar Kilo Ladung auf dem kleinen Rahmen liegt das Muli schön satt auf der Straße. Wichtig ist aber, vorausschauend zu fahren. Hektische Lenkbewegungen mag das Muli ebenso wenig wie Bordsteinkanten. Diese führen mitunter dazu, dass der Fahrer abspringen muss, um die Fuhre zu stabilisieren. Besser, man umfährt solche Hindernisse - denn das Muli lässt sich nicht einfach mal während der Fahrt vorn hochreißen.

Noch etwas komplizierter wird es, wenn die Ladung lebendig ist und nicht stillhält: Mit Kindern kann es herausfordernd werden, den Karren auf Kurs zu halten. Schwierig wird es auch, wenn es stürmt. Trotz der Löcher in den Wänden ist der Lastenkorb etwas windanfällig. Zudem kommt das Muli - anders als sein behufter Namenspate - mit lockerem Grund nicht zurecht. Auf Sand stellt sich das Vorderrad schnell quer.

Das muss man wissen: Das Muli lässt sich mit maximal 170 Kilogramm bepacken - Fahrer inklusive. Der Korb ist für bis zu 70 Kilo ausgelegt, was im Alltag in den allermeisten Fällen völlig ausreicht. So können zwei Getränkekisten locker mitfahren, und für eine Sporttasche oder einen Rucksack ist auch noch Platz. In Kürze soll zusätzlich ein Gepäckträger für hinten als Extra verfügbar sein - wer mit dem Muli auf Reisen gehen will, kann sich freuen. Wer mal schneller unterwegs sein möchte, tauscht gegen Aufpreis die achtgängige Alfine-Nabenschaltung gegen die 11-Gang-Variante mit höherer Übersetzungsbandbreite aus.

Wer im Hügelland wohnt, wird womöglich für den E-Antrieb optieren, der 1400 Euro Aufpreis kostet (Pendix-Mittelmotor, 300 Wh-Akku). Der wartungsarme und zugfeste Carbonriemen statt Kette als Antrieb ist für 300 Euro mehr an Bord, auch ein Nabendynamo kostet extra. 120 Euro zahlt man in Verbindung mit einer Beleuchtung von Busch & Müller. Wichtiger vielleicht: Das Regenverdeck für 319 Euro, damit die Ware nicht einweicht und kein Kind mault.

Mit 2540 Euro für die nicht elektrifizierte Einstiegsversion sieht sich der Hersteller beim Gesamtpreis im Mittelfeld - günstiger sind zum Beispiel Bakfiets-Cargobikes, solche von Larry vs. Harry oder das Gazelle Cabby. Teurer sind viele Riese & Müller-Modelle. Marketing-Mitarbeiter Schön betont, dass das Muli in Deutschland gefertigt wird, selbst der Rahmen wird hierzulande geschweißt.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Die Lust an der Last. Das Muli motiviert, die ein oder andere Postsendung im Pick-up-Store selbst abzuholen, wo man sich sonst immer über die Zusteller geärgert hat.

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