Charmante Winzlinge Mehr Mini wagen

Mini ist keine Monokultur. Nachdem BMW in der ersten Generation des britischen Kleinwagens neuer Zeitrechnung das Cabrio etablierte, folgt nun in Stufe zwei der Kombi. Das soll es noch nicht gewesen sein. Eine Testfahrt in die Vergangenheit zeigt: Mehr Mini ist möglich.


Das Bild vom Mini ist in den Köpfen so fest eingebrannt wie das vom VW Käfer oder der Ente von Citroën. Doch wie bei diesen Dauerbrennern aus Deutschland und Frankreich hat auch der charmante Winzling von der Insel seine weniger bekannten Seiten. Daran erinnert sich allmählich auch der Neueigentümer BMW, der 2001 das Erbe angetreten und mittlerweile bereits eine Million Mini neuer Zeitrechnung produziert hat. Nachdem die Bayern in der ersten Generation unter ihrer Führung das Cabrio in den Serienstand erhoben, steht jetzt, in der zweiten Auflage des Modells, nun die dritte Karosserievariante ins Haus: Der Clubman genannte Kombi.

Zwar wird BMW den Wagen wohl erst auf der IAA im September in Frankfurt enthüllen. Doch die Werbetrommel rühren die Bayern schon jetzt. Das jüngste Beispiel dafür war die Möbelmesse in Mailand, wo das Münchner Mini-Team eigentlich nur anhand von Grafiken und Kunstwerken das Konzept des Clubman erläutern wollte. Doch für den abendlichen Cocktail hatten sich die Strategen eine Überraschung ausgedacht, berichtet Pressesprecher Guiseppe Faranna über dem entscheidenden Moment, als für wenige Minuten ein getarnter Vorserienwagen durch die Gästeschar rollte. Zwar konnten die verdutzen Partygänger vom Auto weniger erkennen als auf den bereits kursierenden Fotos, doch das Ziel wurde erreicht: Der Mini war in aller Munde.

Geht es nach Kay Segler, wird das auch in Zukunft so bleiben. "Mini bietet mehr Möglichkeiten, als man sich vorstellen kann", sagt der Markenchef. Dass BMW diese Möglichkeiten bislang nur zaghaft nutzte, lag vor allem an einer eklatanten Fehleinschätzung: Mit 100.000 Mini pro Jahr hatten die Bayern gerechnet - und wurden vom Erfolg förmlich überrollt. Am Ende waren es mehr als doppelt so viele, und entsprechend eng wurde es im alten Rover-Werk Oxford. "Unser vordringlichstes Ziel war es, dort ausreichende Kapazitäten zu schaffen", sagt Segler und erklärt damit auch, warum die Nachfrage nicht durch weitere Modelle zusätzlich angeheizt wurde.

Kapazität ausreichend - jetzt wird es bunt

"Doch mit der Umstellung auf die zweite Generation haben wir das Werk so erweitert, dass wir wieder frei atmen und den Blick in die Zukunft richten können", sagt Segler. Dort sieht er nicht nur den Clubman, sondern auch Raum für andere Spielarten des Dauerbrenners. "Es ist ja schon über zahlreiche Mini-Varianten spekuliert worden. Die Ideen gehen uns deshalb ganz sicher nicht aus", deutet er eine Erweiterung der Palette an. Nur dürfe man sich nicht alleine von der Faszination tragen lassen, sondern müsse immer auch die Absatzchancen im Blick haben: Nicht alles, was möglich ist, wird sich auch rechnen.

Das ist schade. Denn damit scheidet der charmanteste Ableger des Mini von vornherein aus: der Moke. Obwohl er ähnlich wie der VW Buggy lange als Kultauto in sonnigen Feriengebieten galt, blieb er stets eine liebevolle Randerscheinung und würde heute wohl keine Renditeziele erfüllen. Entwickelt wurde er parallel zum Mini als leichtes und preiswertes Fahrzeug für die britische Armee. Allerdings hat sich der Wagen weniger bei den Militärs als bei den Millionären etabliert, die ihn gerne als Drittauto neben dem Strandhaus parkten. Die ersten 15.000 Exemplare wurden von 1964 bis 1968 in Birmingham gebaut, danach wurde die Produktion erst nach Australien und später nach Portugal verlegt, wo 1993 der letzte Moke vom Band lief.

Testfahrt auf dem Hotelgelände

Mit einem davon war SPIEGEL ONLINE jetzt auf Sardinien unterwegs - und von der Überdosis Frischluft ausgesprochen angetan. Denn wo andere Autos eine feste Karosserie und allenfalls ein Faltdach haben, lässt der Mini Moke buchstäblich alle Hüllen fallen: Nur die für einen Mini beinahe riesige Frontscheibe und eine dünne Plane schützen vor Wind und Wetter. Die Karosserie beschränkt sich auf Bodenblech, Kotflügel und einen Seitenschweller, der kaum bis an die Waden reicht. Wird das Hauszelt über den Sitzen abgebaut, genießt man mehr Platz, als man je in einem anderen Mini hatte. Nirgends schabt die Schulter an der Scheibe, selbst im Fond stößt kein Knie an, und auch die Kopffreiheit ist endlich unendlich.

Außerdem gibt es wohl keine Mini-Spielart, bei der das ohnehin schon legendäre Fahrgefühl noch näher am Go-Kart ist als beim Moke. Zwar klingt der kleine Vierzylinder, der vorn unter der Haube sitzt, etwas asthmatisch, der dürre Schaltknüppel klackert nur noch widerwillig durch die vier Gänge, und wann der Testwagen zum letzten Mal die Spitzenmarkierung von 140 km/h auf der großen Tachoskala erreicht hat, wissen allein die Götter. Doch wenn man bei Tempo 50 frei im Wind sitzt, will man gar nicht schneller fahren. Außerdem wäre die Tour sonst viel schneller vorbei. Schließlich gab es bei der Schlüsselausgabe eine eindeutige Anweisung: "Hier auf dem Hotelgelände haben Sie freie Fahrt – doch raus in den Verkehr darf unser Mini nicht mehr."



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