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29. Mai 2014, 13:37 Uhr

Rennwagen für Querschnittgelähmten

Reine Kopfsache

Von Margret Hucko

Sam Schmidt ist nach einem Rennunfall von den Schultern abwärts gelähmt. Jetzt fährt er wieder - er lenkt eine 460-PS-starke Corvette durch bloße Kopfbewegung und seine Zähne.

Sam Schmidt wirft den Kopf in den Nacken. Die Tachonadel der Corvette schnellt nach rechts. "Yeah". Noch mal. "Das war großartig", erzählt Schmidt drei Tage später am Telefon. Noch immer scheint der 49-Jährige berauscht vor Glück. Niemals hätte er sich erträumt, hinter das Steuer eines Rennwagens zurückzukehren.

Schmidt ist von den Schultern abwärts gelähmt, seit er vor mehr als 14 Jahren bei einem Training auf dem Walt Disney Speedway in Orlando, Florida, gegen eine Wand knallte. Damals war er ein hoffnungsvoller Fahrer in der Indy Racing League, einer der populärsten Rennserien in den USA. Doch das war nach dem Unfall vorbei. "Ich kann viele Dinge, die anderen Menschen normal erscheinen, einfach nicht mehr tun: einen Football werfen, meine Kinder umarmen." Oder Auto fahren.

Bis zu einem Sonntag im Mai in Indianapolis. Vor dem Qualifikationsrennen zum 98. Lauf des 500-Meilen-Klassikers soll Schmidt erstmals wieder fahren. Mithilfe eines Lifts hieven ihn Helfer in eine Corvette C7 Stingray. Auf seinem Kopf sitzt statt eines Helms eine Baseballkappe, ausgestattet mit vier reflektierenden Sensoren. Diese sollen Kontakt halten zu Infrarotkameras auf dem Armaturenbrett. Vor dem Start lächelt Schmidt in die Kameras. Der 460 PS starke Motor läuft bereits. "Es war ein wundervolles Gefühl", erzählt er. Es fällt ihm schwer, seine Emotionen in Worte zu fassen.

Eine Software überprüft die Signale

Schmidt wirft seinen Kopf in den Nacken, es geht los. Die Sensoren auf seinem Kopf senden den Befehl, zu beschleunigen. Innerhalb von Millisekunden werden die Signale durch eine Software überprüft. Diese stellt sicher, dass die Kopfbewegungen auch absichtlich erfolgen - und nicht etwa, weil der Pilot Schluckauf hat oder Niesen musste. Ein Computer empfängt die Informationen und setzt sie um, bedient Bremsen oder Lenkung.

Kommt es zu einer Störung auf der Rennstrecke, kann ein Team aus Technikern das System kurzschließen. Am Heck des Fahrzeugs ist noch ein GPS-Gerät integriert, das Alarm schlägt, falls der 49-Jährige zu nah an den Streckenrand gerät. Schmidt fährt eine Kurve, dazu neigt er den Kopf zur Seite. Die Räder der Corvette schlagen ein. "Die überraschendste Erkenntnis war für mich, wie unglaublich normal es sich anfühlte, wieder Auto zu fahren", sagt Schmidt.

An dem Projekt SAM (Semi-Autonomous Motorcar) waren vier Unternehmen und die Non-Profit-Organisation eines Neurochirurgen beteiligt, der sich für die Mobilität von Menschen mit Handicaps einsetzt. "Es sollte eine Demonstration sein, was technisch machbar ist", sagt Chakib Loucif, Technikchef von Arrow Electronics, einem Unternehmen, das im Bereich der medizinischen Technik, IT und Elektronik arbeitet. Ein direktes kommerzielles Interesse, aus dem Prototypen ein Serienfahrzeug zu machen, bestünde nicht.

Schmidt beißt auf einen Sensor - und der Wagen bremst

Weniger als ein Jahr hatten die Unternehmen Zeit, um mit dem Projekt SAM in Indianapolis an den Start zu gehen. Dabei war es hilfreich, dass die gesamte Hardware, die in der Corvette zum Einsatz kommt, bereits vorhanden war, Selbst wenn sie in dieser Kombination noch nie in einem Auto genutzt wurde. Was das Projekt an Geld verschlungen hat, können oder wollen die Beteiligten nicht sagen. Allein die Corvette kostet in Deutschland ab 70.000 Euro.

Arrow, mit Sitz in Colorado, hatte bereits Erfahrungen gesammelt mit Autos für Menschen mit Handicap. Im vergangenen Jahr baute das Unternehmen eine Corvette ebenfalls für einen Exrennfahrer um, deren komplette Funktionen per Hand gesteuert werden konnten.

Schmidt bremst ab. Dazu beißt er mit Zähnen auf einen Sensor, die Bremsbeläge packen zu. Anschließend legt der Rennfahrer seinen Kopf erneut in den Nacken. Das Gaspedal fährt Richtung Bodenblech. Die Corvette beschleunigt, mit bis 97 Meilen pro Stunde, umgerechnet knapp 160 km/h, fährt er über die Ziellinie - vor den Augen seiner Eltern. "Ich hoffe, beim nächsten Mal schneller unterwegs zu sein", sagt Schmidt im Nachhinein. Angst habe er zu keinem Zeitpunkt gehabt. Schließlich habe er sich in einem Simulator auf seine erste Fahrt nach gut 14 Jahren vorbereitet.

Schmidt, der nach seinem Unfall mit einem eigenen Team in den Motorsport zurückkehrte, ließ das Rennfieber nie los. "Seit ich fünf Jahre alt war, wollte ich Rennfahrer werden". Die an dem Projekt beteiligten Firmen arbeiten bereits an einer verbesserten Version der Corvette. So könnte der Wagen künftig beispielsweise per Sprachsteuerung gestartet werden.

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