Chrysler ohne Daimler Lass' uns Freunde bleiben

Wenn eine Partnerschaft scheitert, erwartet man traurige Gesichter. Bei Daimler und Chrysler ist das anders. Dass Mercedes-Chef Dieter Zetsche strahlt, ist wenig überraschend. Aber auch die Führung von Chrysler in Detroit und in Berlin fühlt sich nicht als Verlierer.


Es war eine "Hochzeit im Himmel". Aber bei der Scheidung gingen Daimler und Chrysler in den Augen vieler Betrachter durch die Hölle. Doch die einstigen Partner bleiben überraschend gelassen. Jetzt, wo die lähmenden Verkaufsverhandlungen vorbei sind, blicken alle hoffnungsfroh nach vorn und sehen statt eines riesigen Scherbenhaufens vor allem Chancen – und zwar auf beiden Seiten. Während die Schwaben sich wieder auf Mercedes konzentrieren können, freut sich die Chrysler Group unter der Regie des Finanzinvestors Cerberus auf neue Freiheiten, ohne dass die Vorteile aus der Vergangenheit völlig verloren wären. Schließlich ist Daimler über eine prozentuale Beteiligung noch immer mit im Boot.

"Alle aktuellen und künftigen Projekte mit Mercedes, von denen beide Seiten profitieren, sind bestätigt und laufen wie geplant", sagt Thomas Hausch, der den Verkauf der Marken Chrysler, Dodge und Jeep in die Exportmärkte verantwortet und dabei nicht nur an die laufende und die nächste Modellgeneration denkt. "Wir haben auch über Kooperationen gesprochen, die erst mit zukünftigen Modellgenerationen auf den Markt kommen werden", umreißt er den Scheidungsvertrag, der auch Spritspartechniken wie den Hybridantrieb oder die Bluetec-Initiative für saubere Dieselmotoren umfasst. Das stimmt Hausch zuversichtlich. "Seit 24 Monaten verzeichnen wir einen stetig wachsenden Auftragseingang. Diesen Erfolg wollen und werden wir fortsetzen."

Dabei baut Hausch auch auf die anhaltende Produktoffensive, die mit der Ausweitung des Jeep-Portfolios begonnen hat und mit der weltweiten Einführung der Marke Dodge noch lange nicht zu Ende ist. Denn jetzt wird erst einmal das Chrysler-Programm erneuert, und auch die anderen beiden Marken bekommen Nachwuchs. Solche Aussagen schüren vor allem in US-Medien die Spekulationen über neue Modellreihen, die ohne Daimler möglicherweise mehr Chancen haben. Von einer Serienfertigung der Oberklasse-Studie Imperial ist da ebenso zu lesen wie von einer Wiederauferstehung des Sportwagens ME-412. Jetzt, wo man keine Rücksichten mehr auf die Entscheider in Deutschland nehmen müsse, so der Tenor, stünden die Chancen dafür wieder besser.

Nun blühen Spekulationen um neue Modelle

Der Idee erteilt Hausch eine klare Absage. Ob, wann und wie solche Fahrzeuge nun doch gebaut würden, lässt er weiter offen. "Mit vermeintlichen Rücksichten auf Mercedes hatten solche Entscheidungen auch in den letzten sechs Jahren nichts zu tun", macht er unmissverständlich deutlich. Selbst wenn ein Imperial formal gegen eine S-Klasse oder ein ME-412 gegen den SLR antreten könnte, seien Ziel- und Kundengruppen so weit auseinander, dass man eine Kannibalisierung nie befürchtet habe.

Was Hausch insbesondere für das Exportgeschäft viel wichtiger wäre, sind Fahrzeuge in der Mittelklasse und darunter, für die er bessere Chancen sieht. Denn dafür braucht Chrysler Kooperationspartner wie den chinesischen Autohersteller Cherry, mit denen sich künftig einfacher verhandeln lasse. "Solche Partnerschaften schließt man leichter, wenn man nicht mehr ständig die Interessen eines Weltkonzerns und seiner abertausend Aktionäre bedenken muss", ist er überzeugt.

Chrysler setzt weiter auf Internationalität

Ein wichtiger Grund für seinen Optimismus ist auch die unveränderte Strategie der Amerikaner: Im weiterhin gültigen Sanierungsplan wurde eine noch stärkere internationale Ausrichtung festgeschrieben und vor wenigen Tagen durch ein eigenes Vorstandsmandat für das internationale Geschäft bestätigt. Hausch will deshalb bis auf ein paar Formalitäten im Namens- und Finanzrecht auch an der Vertriebsstruktur nicht rütteln. Im Gegenteil: Allein in Europa soll das Händlernetz um 100 Betriebe aufgestockt werden. Dabei lockt er mit ermunternden Zahlen. Schließlich sei die Umsatzrendite der Händlerschaft im letzten Jahr von 1,7 auf 2,1 Prozent gestiegen. "Das macht uns zu einem attraktiven Partner."

Die Gelassenheit der Amerikaner spürt man auch in der Deutschlandzentrale. "Weder für unsere Kunden, noch für unsere Händler wird sich durch die Trennung etwas ändern", glättet Statthalter Radek Jelinek die Wogen. "Die Händler bleiben, Service und Garantie laufen weiter und am Markt wird man keinen Unterschied merken." Aus seinem Händlernetz hört er angeblich nur besonnene Stimmen. "Chrysler gab es vor DaimlerChrysler, und Chrysler wird es nach DaimlerChrysler geben", fasst er die Stimmung an der Basis zusammen.

Das gelte auch für jenes Viertel der Betriebe, die zugleich auch Mercedes-Modelle verkaufen und die US-Marken erst in den letzten Jahren unter ihre Fittiche genommen haben. "Ich sehe keine Anzeichen, dass sich diese Unternehmen wieder von uns trennen wollen", sagt er. "Solange wir dafür Sorge tragen, dass unsere Marken für diese Betriebe attraktiv und wirtschaftlich sind, gibt es dafür keinen vernünftigen Grund." Statt das Netz also wieder zu verkleinern, will er es sogar von jetzt 170 auf bald 200 Betriebe aufstocken. "Von Rückzug kann also keine Rede sein, das Gegenteil ist der Fall."



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