Chrysler Sebring König der Cupholder

Mit nur wenigen tausend Autos pro Jahr war der erste Sebring kein Exportschlager. Mit VW Passat & Co. wird es zwar auch der Neue kaum aufnehmen können, doch etwas mehr Hoffnung hat Chrysler diesmal schon. So wurde die Limousine in London statt in Detroit enthüllt.


Chrysler nimmt einen neuen Anlauf in der Mittelklasse. Nachdem die Mercedes-Schwester mit der ersten Generation des Sebring außerhalb der Vereinigten Staaten bislang allenfalls eine Außenseiter-Rolle gespielt hat, will sie nun mehr. Mit der zweiten Auflage ab Anfang nächsten Jahres erhofft sich Chrysler, zumindest ein paar Krümel mehr von dem Kuchen abzubekommen, den sich hierzulande vor allem Autos wie der VW Passat, der Opel Vectra und der Ford Mondeo und Importmodelle wie der Mazda 6 oder der Renault Laguna teilen.

Dafür haben die Amerikaner vor allem am Design gearbeitet und das gesichtslose Stufenheck der Vergangenheit in eine ungewöhnliche Limousine verwandelt. Nach dem Vorbild der 2003 in Genf enthüllten Designstudie "Airflite" trägt der 4,84 Meter lange Viertürer vorne drei breite Chromspangen unter dem geflügelten Logo, an die sich weit nach hinten geschwungene Scheinwerfer und eine geriffelte Motorhaube anschließen.

Noch mehr als die Front sticht aber das Heck ins Auge, das so gar nicht zu einer klassischen Limousine passen will. Denn statt einer kurzen Rückscheibe und eines langen Kofferraums gibt es hier ein weit nach hinten fließendes Dach, das in einen kurzen Stummel ausläuft und ein wenig an den Alfa GT erinnert - und das sind ja nicht die schlechtesten Referenzen.

Gemeinsame Plattform mit Mitsubishi

Für den aufgeräumt wirkenden Innenraum versprechen die Amerikaner ein zweifarbiges Interieur, das sie mit dem Begriff "elegante Handwerkskunst" umschreiben. Auch wenn es selbst dort noch einmal ein paar Chromleisten gibt und der Fortschritt gegenüber dem Vorgänger deutlich sichtbar wird, scheint das bei so viel Kunststoff vielleicht doch etwas weit hergeholt.

Anders als der 300C hat der Sebring keinen direkten Verwandten bei der Schwester in Stuttgart. Stattdessen baut der Wagen auf einer Plattform auf, die gemeinsam mit Mitsubishi entwickelt wurde. Und auch die Motoren entstammen aus einer Kooperation. Bei den Benzinern setzt Chrysler zunächst auf die beiden "Worldengines", die man auch aus dem Dodge Caliber kennt: An der Basis steht ein Zweiliter mit 152 PS, darüber gibt es 2,4 Liter Hubraum und 173 PS.

Außerdem montieren die Amerikaner speziell für Europa den Pumpe-Düse-Diesel aus Wolfsburg, der aus ebenfalls zwei Litern Hubraum 140 PS schöpft und in Märkten mit entsprechender Sensibilität auch mit Filter verfügbar sein wird. Der einzige "eigene" Motor wird der weiterentwickelte V6 des aktuellen Modells, der aber erst später verfügbar sein wird. Geschaltet wird dabei von Hand mit fünf oder sechs Gängen oder mit einer Automatik, deren vier Fahrstufen allerdings wenig zeitgemäß erscheinen.

"Mit diesem Motorenprogramm sind wir breiter aufgestellt als je zuvor", sagt der für den Export zuständige Marketing- und Vertriebschef Thomas Hausch, der passend zum Premierenort London auch erstmals eine Rechtslenkerversion des Sebring ankündigt Diese Vielfalt könnte bald auch wieder für die Karosserievarianten gelten. "Zwar kann ich heute noch keine finale Entscheidung verkünden, doch wären wir schlecht beraten, nicht auch wieder ein Cabrio zu bauen", orakelt Hausch: "Schließlich war der Vorgänger über viele Jahre das meistverkaufte Open-Air-Modell in den USA."

Ausstattung erinnert an Yps-Gimmicks

Und auch im eigenständigen Gewand des dritten Europa-Dodge nach Caliber und Nitro wird uns diese Technik bald wieder begegnen, lässt der Exportchef durchblicken. Was es aber bei aller Orientierung an den Bedürfnissen der Kunden in Europa nicht geben wird, ist ein Kombi. "Zwar mag diese Karosserievariante hier riesige Marktanteile haben", sagt Hausch mit Blick auf die vielen Variants, Caravans und Turniers. "Doch anders als im Segment darüber wären die Stückzahlen für uns zu klein, damit sich ein Station Wagon rechnen würde." Deshalb müssen sich Fahrer mit viel Gepäck im Sebring wohl dauerhaft mit einer geteilt umklappbaren Rückbank und einer ebenfalls klappbaren Lehne des Beifahrersitzes begnügen.

Dazu gibt es unter anderem ein ESP, bis zu sechs Airbags, einen Bremsassistenten und eine ganze Reihe elektrischer Helfer. Neben diesen Standards verspricht Hausch auch ein paar neue Ausstattungsdetails, die ein wenig an die Gimmicks aus den Yps-Heftchen erinnern. So gibt es statt eines konventionellen Audio- und Navigationssystems mit CD-Laufwerk und tausend Knöpfen eine Multimedia-Einheit mit Touchscreen und 20-Gigabyte-Festplatte, die neben den Navigationsdaten auch eine digitale Jukebox speichern und über eine konventionelle USB-Schnittstelle alle gängigen MP3-Player integrieren kann.

Außerdem mit eingebaut sind eine Sprachsteuerung, ein digitales Fotoalbum und ein Diktiergerät. "Und weil amerikanische Autos ja für ihre Cupholder berühmt sind, gehen wir mit dem neuen Sebring bei den Becherhaltern nun noch einen Schritt weiter", verspricht Hausch: "Zum ersten Mal kann man sie nicht nur kühlen, sondern sogar heizen." Während hier also munter der Tee dampft, servieren die Konkurrenten höchstens kalten Kafffee.

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