Chrysler-Studien in Detroit Unter Strom

Die US-Autoindustrie steht unter Strom: Elektrisiert vom Steckdosen-Pkw Chevrolet Volt und dem Hype um den Akkuflitzer Tesla Roadster zeigt jetzt auch Chrysler die Vision eines sauberen Stromers - und zwar gleich in drei Varianten.


Es scheint, als wäre die Automobilindustrie vom Blitz getroffen worden. Jahrelang hat sie das Elektroauto geschmäht, jetzt steht plötzlich die gesamte Branche unter Strom. Zwar gibt es nach wie vor unterschiedliche Ideen, wie der Strom an Bord kommt und wie groß seine Anteil am Antrieb sein soll. Und Batterien mit ausreichender Kapazität und Qualität existieren bisher allenfalls in der Theorie. Doch hindert das die Autobosse nicht an spektakulären Ankündigungen.

Das gilt bei der Motorshow in Detroit besonders für die Chrysler Group, die ein Jahr nach der viel beachteten Premiere des Chevrolet Volt aus dem General-Motors-Konzern nun ihr eigenes Konzept für einen sauberen Stromer enthüllt. Die Technik des Chrysler-Elektrobaukastens kommt in gleich drei Designstudien der verschiedenen Konzernmarken zum Einsatz.

Herzstück von Dodge Zeo, Chrysler EcoVoyager und Jeep Renegade ist ein 268 PS starker Elektromotor, der bei Chrysler ganz vernünftig die Vorderachse antreibt, bei der sportlichen Marke Dodge auf die Hinterräder wirkt und bei Jeep traditionell im Zentrum eines Allradantriebs mit Geländeuntersetzung und Differentialsperren steht. Gespeist wird der Stromer mit Lithium-Ionen-Zellen, bei denen Chrysler aber ebenso auf den Durchbruch warten muss wie alle Konkurrenten.

Strom-Generator statt Motor

Den Strom zapfen die Autos an der Steckdose und produzieren ihn zudem etwa beim Bremsen selbst. Weil die Reichweite allerdings arg limitiert ist, setzt Chrysler bei zwei von drei Studien auf kleine Kraftwerke an Bord. Als so genannte Range Extender treiben sie einen Generator an und erweitern so den Aktionsradius deutlich. "Welche Technik wir für diese Range Extender nutzen, hängt vom technischen Fortschritt und dem jeweiligen Markt ab", sagt Entwicklungschef Frank Klegon, dessen Team in Detroit nur zwei von vielen Möglichkeiten demonstriert hat.

So bekommt der Jeep nicht nur je einen Elektromotor an Vorder- und Hinterachse, sondern zusätzlich einen 115 PS starken Bluetec-Diesel, der stets im optimalen Drehzahlbereich läuft und die Reichweite mit einem Zehn-Gallonen-Tank von 40 auf 400 Meilen vergrößern kann. Während diese Technik bereits halbwegs realistisch erscheint, gehen die Ingenieure bei der Chrysler-Studie noch etwas weiter und laden die Batterie mit einer Brennstoffzelle. Statt allein 40 schafft die Studie damit 300 Meilen.

Ganz ohne interne Stromversorgung fährt nur der Dodge, dessen Batterie dafür deutlich größer ist. Statt 16 kWh wie bei Chrysler und Jeep bietet sie 64 kWh und ermöglicht damit immerhin einen Aktionsradius von 250 Meilen. Und die Fahrleistungen können sich sehen lassen: so beschleunigt der Dodge Zeo in etwa sechs Sekunden auf Tempo 100 und erreicht fast 210 km/h. Auch die beiden anderen Studien sind keine Spaßbremsen: Der Chrysler sprintet in weniger als neun Sekunden auf Tempo 100 und schafft gut 180 km/h, und für den Jeep geben die Amerikaner einen Sprintwert von 8,5 Sekunden und knapp 150 km/h an.

Zwar folgt Chrysler mit dem Konzept technisch ziemlich genau der Idee von General Motors, wo man ebenfalls auf Elektroantrieb mit einem je nach Markt und technischem Fortschritt ausgewählten "Range Extender" setzt. "Doch anders als GM haben wir nicht nur einen Technik-Baukasten, sondern gleich drei Fahrzeuge gezeigt, die zudem jeweils zum Charakter der einzelnen Marke passen", sagt Entwicklungschef Klegon. Denn letztlich sei es nicht der umweltfreundliche Antrieb, der Begehrlichkeiten wecke. Das Auto müsse einfach cool aussehen und die Leute in den Bann schlagen, sagt er.

Auch optisch recht ansehnlich

Deshalb durften bei den Studien nicht nur die Techniker in die Zukunft blicken. Auch die Designern trauten sich etwas: Der Dodge wird zum futuristischen Sportwagen mit zwei gegenläufig angeschlagenen Flügeltüren und vier stark ausgeformten Einzelsitzen. Der Wagen steht auf 23-Zoll-Rädern und macht mit langer Haube, dicken Backen und kurzem Heck schon jetzt Lust auf die Zukunft.

Der EcoVoyager dagegen wirkt wie die amerikanische Interpretation des Renault Vel Satis und rollt als luxuriöser Viersitzer mit ungewöhnlichem Heck, ebenfalls gegenläufig angeschlagenen Türen, großem Glasdach und einem aufs Wesentliche reduzierten Innenraum auf die Bühne. Und der Jeep Renegade schließlich wird zum grünen Spielmobil für zwei Abenteurer, die nur von einem kleinen Windabweiser und zwei breiten Streben anstelle der üblichen Türen geschützt werden.

Entwickelt wird die saubere Antriebstechnik in einem neu geschaffenen Unternehmensbereich, der von Lou Rhodes geleitet wird. Für ihn ist der jetzt enthüllte Baukasten die ideale Antwort auf die "einzigartige Dynamik, mit der sich Kundenwünsche, weltweite Gesetze und Grenzwerte sowie die alternativen Antriebstechniken entwickeln". Mit diesem Konzept könne Chrysler künftig Autos bieten, die extrem sparsam und überdurchschnittlich sauber sind: "So können die Kunden umweltbewusste Kaufentscheidungen treffen, ohne ihr Fahrverhalten ändern zu müssen."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.