Verkehrsexperte zur City-Maut "Zwei Drittel aller Autos müssen verschwinden - und zwar nicht nur von den Straßen"

Verkehrsexperte Heiner Monheim geht die City-Maut nicht weit genug. Er fordert eine Gebühr für jeden Kilometer auf allen Straßen. Bisher seien Autofahrer faktisch Schwarzfahrer.
Maut-Schild am Warnowtunnel in Rostock

Maut-Schild am Warnowtunnel in Rostock

Foto: Jens Büttner/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Monheim, in Deutschland wird wieder über die Einführung einer City-Maut diskutiert. Gehören gebührenpflichtige Innenstädte zur Zukunft der Mobilität?

Monheim: Ich halte sehr viel von einer Maut, aber sehr wenig von einer City-Maut. Vielmehr brauchen wir eine generelle Maut auf deutschen Straßen, eine Gebühr für jeden gefahrenen Kilometer. Eine Maut, die sich nur auf die Innenstädte bezieht, würde keinen Sinn machen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nicht?

Monheim: Damit würde man das Problem verstopfter Straßen nur verlagern. Stellen Sie sich vor, Stadt A erhebt eine City-Maut, Stadt B, die direkt nebenan liegt aber nicht. Die Leute würden nach der Arbeit einfach zum Einkaufen und Flanieren in Stadt B fahren. Die Kommunen denken ja in den Kategorien Kaufkraft und Einkaufsverkehr. Das würde dann zu einem wahren Unterbietungswettbewerb führen und Stadt A würde die Maut alsbald wieder abschaffen. In Berlin ist eine City-Maut noch halbwegs vorstellbar, da es rundherum keine Konkurrenz, sondern nur kleinere und mittlere Städte gibt. Im dicht besiedelten Ruhrgebiet sieht das schon wieder ganz anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Und was wäre Ihr Vorschlag?

Monheim: Wir brauchen in Deutschland eine intelligente Maut, deren Höhe sich nach Tageszeit, Straßentyp und aktueller Verkehrssituation richtet. Je mehr Stau, desto teurer die Nutzung der betroffenen Straße. Das würde dann dazu führen, dass die Menschen andere Routen einschlagen oder ihr Auto stehen lassen. Außerdem müssten Fahrten in der Nacht teurer sein als am Tag, damit man keine Probleme mit dem Lärmschutz bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Verdrängung der Autofahrer aus der Innenstadt denn wirklich eine Lösung oder ein Zeichen von Hilflosigkeit der Politik?

Monheim: Wir brauchen eine massive Reduzierung des Autoverkehrs - nicht nur in den Innenstädten. Denn besonders große Verkehrsprobleme gibt es an den Stadträndern. Dieses suburbane Chaos ist klimapolitisch viel schlimmer als das, was wir in den Innenstädten haben. Am Stadtrand herrscht das eigentliche Chaos und der Stau und zugleich ist der ÖPNV dort schlecht ausgebaut. Es geht ja außerdem nicht um Verdrängung, sondern um die Gleichbehandlung aller Verkehrsteilnehmer.

Zur Person
Foto: Muschwitz

Heiner Monheim ist Professor für Angewandte Geographie, Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier. Seine thematischen Schwerpunkte sind Mobilität allgemein und speziell Fuß- und Radverkehr, öffentlicher Verkehr, Städtebau und Verkehr. Monheim ist außerdem Geschäftsführer des Instituts für Raumentwicklung und Kommunikation in Trier.

SPIEGEL ONLINE: Was hat denn das Aussperren von Autofahrern mit Gleichbehandlung zu tun?

Monheim: Ich nenne ihnen ein Beispiel: Als die Leihfahrradanbieter gekommen sind, ist die Politik fast in Ohnmacht gefallen, weil sie Angst hatte, dass jetzt überall Fahrradmüll auf den Straßen steht. Aber bei den 44 Millionen Autos, die regelmäßig an den Straßen auf einem der 160 Millionen Stellplätzen und leider viel zu oft auf Gehwegen und Radwegen stehen, kommt kein Mensch auf die Idee zu sagen: Weg mit dem Automüll! Hierzulande sind Fahrräder immer Störenfriede und Autos wunderbar. Aber ein Fahrrad ist doch ebenso ein Fahrzeug wie ein Auto und hat Anrecht auf angemessenen Verkehrsraum zum Fahren und Abstellen. Alles was Räder hat ist ein Fahrzeug - basta! Und deshalb sollte beides auch so behandelt und mit den gleichen Investitionen und der gleichen Priorität gefördert werden. Es gibt doch keinen Grund zu sagen, dass Autos wichtiger als Fahrräder sind.

SPIEGEL ONLINE: Würde ein Innenstadtverbot von Autos wiederum nicht die Fahrräder bevorzugen?

Monheim: Nein, denn die Gleichbehandlung muss auch in umgekehrter Richtung für Fahrräder gelten. Nehmen wir das Thema Parkplätze. Derzeit werden Fahrräder ja noch überwiegend auf den Gehwegen geparkt. Da gehören sie aber nicht hin. Genau so wenig wie Autos auf die Gehwege gehören. Wir brauchen also auch Parkplätze für Fahrräder. In den Niederlanden oder Dänemark werden in den Städten grundsätzlich 20 Prozent der Stellplätze für Fahrräder reserviert.

SPIEGEL ONLINE: Aber glauben Sie ernsthaft, dass die Autofahrer dann künftig auf das Rad umsteigen?

Monheim: Nein, nicht alle. Man muss an mehreren Schrauben drehen. Beispielsweise das Angebot eines kostenlosen ÖPNV oder zumindest das Jahresticket für 365 Euro. Allerdings stößt der ÖPNV in den Großstädten derzeit an seine Kapazitätsgrenzen, da besteht dringender Reformbedarf. Der Bund muss dem ÖPNV mehr Geld zur Verfügung stellen, um den Ausbau von Bus- und Bahnlinien vorantreiben. Insbesondere in ländlichen Gebieten, wo die Menschen oft gar keine Möglichkeit haben, ohne ihr Auto mobil zu sein, weil der Nahverkehr dort noch deutlich unterentwickelt ist.

Fotostrecke

Alternativen zum Auto: Verkehrsprojekte in EU-Städten

Foto: Stringer/ picture alliance/dpa

SPIEGEL ONLINE: Und wer soll das zahlen?

Monheim: Da schließt sich dann der Kreis. Denn im Gegensatz zur LKW-Maut, die es ja bereits gibt, aber von deren Einnahmen die Städte und Kommunen nichts haben, würden die Erlöse einer generellen Maut auch in die Kassen der Städte und Gemeinden fließen. Die wiederum könnten davon den Ausbau des ÖPNV und Carsharing fördern. Denn das Groteske ist doch, dass wir mit den Autofahrern derzeit ja gewissermaßen Millionen Schwarzfahrer auf deutschen Straßen haben, die zwar die Infrastruktur nutzen, aber nicht dafür bezahlen - auch zulasten anderer Verkehrsteilnehmer.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Dinge so klar sind, warum passiert dann nichts?

Monheim: Weil die Regierung sich bislang nicht geregt hat. Und das, obwohl das Umweltbundesamt ausgerechnet hat, dass dieses Land nicht mehr als 150 Pkw pro 1000 Einwohner verträgt. Wir brauchen Mut zu einer Entmotorisierungspolitik. Zwei Drittel aller Autos müssen verschwinden, und zwar nicht nur von den Straßen, sondern auch von den Parkplätzen. Denn Verkehr entsteht im Wesentlichen auch aus einem Überangebot an Stellplätzen.

SPIEGEL ONLINE: Denken wir zwanzig Jahre in die Zukunft. Wie werden wir uns dann idealerweise fortbewegen?

Monheim: Im besiedelten Raum werden wir in Zukunft viele verkehrsberuhigte und Tempo-30-Zonen haben. Es wird deutlich weniger Autos geben. Andere Verkehrsteilnehmer werden gleichberechtigt mit den Autos sein und der öffentliche Raum allen gehören. Vierspurige Straßen wird es nicht mehr geben. Sie werden stattdessen zu Bauland umgewandelt und auf den viel zu großen Straßenkreuzungen werden Wohnungen gebaut.

Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.