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02. Mai 2019, 13:02 Uhr

SPIEGEL-Umfrage

Mehrheit der Deutschen lehnt City-Maut ab

Politiker diskutieren über eine City-Maut für deutsche Städte. Die Bürger sind mehrheitlich gegen die Gebühr, wie eine SPIEGEL-Umfrage ergeben hat. Eine wichtige Bevölkerungsgruppe befürwortet die Abgabe jedoch.

Wer in die Innenstadt fährt, zahlt: Auf einfache Weise soll eine City-Maut den Verkehr in den Zentren reduzieren. Die Maßnahme ist aber hoch umstritten - und fällt bei den Deutschen mehrheitlich durch, wie eine Umfrage für den SPIEGEL zeigt. Deutlich mehr als die Hälfte der Bürger lehnt die Gebühr ab (siehe Grafik).

Zuletzt hatte die Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) die Diskussion über eine City-Maut für Berlin neu belebt. "Über kurz oder lang" werde man in der Hauptstadt über eine solche Abgabe diskutieren müssen, sagte Günther. "Es wird bei der knappen Ressource Fläche in der Stadt deutlich teurer werden müssen, mit Autos den öffentlichen Raum zu nutzen."

Der Deutsche Städtetag zeigte sich ebenfalls aufgeschlossen. Die Städte müssten selbst entscheiden, welche Instrumente zur Verkehrslenkung sinnvoll seien, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy. "Denkbar wäre beispielsweise, eine City-Maut oder Nahverkehrsabgaben in einzelnen Städten zu erproben, die dies wünschen."

Der Städte- und Gemeindebund sieht es anders. Eine City-Maut käme "allenfalls für Megastädte" infrage, wie es sie in Deutschland nicht gebe.

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen lehnt die Abgabe ebenfalls ab. Knapp 57 Prozent sind der City-Maut gegenüber "eindeutig negativ" oder "eher negativ" gegenüber eingestellt, wie eine repräsentative Umfrage des Online-Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL ergeben hat. Nur gut 35 Prozent sehen die Innenstadtgebühr "eindeutig positiv" oder "eher positiv".

Dabei hängt die Meinung über die City-Maut stark vom Wohnort der Menschen ab. In dicht bevölkerten Gebieten mit mehr als 5000 Einwohnern pro Quadratkilometer, also den Innenstädten selbst, liegt die Zustimmung zur Maut bei gut 53 Prozent. In den betroffenen Gebieten sind politische Mehrheiten für die Einführung dieser Gebühr somit denkbar.

In Gebieten mit weniger als 150 Einwohnern pro Quadratkilometer - also in Dörfern und ländlichen Regionen - sehen die Menschen das Thema völlig anders. Dort sind gut 63 Prozent gegen die Einführung einer City-Maut. Es handelt sich um den Teil der Bevölkerung, der oft nur mit dem Wagen bequem zur Arbeit oder zum Einkaufen in die Stadt gelangt.

Am geringsten ist die Zustimmung konsequenterweise unter den Autofahrern. In dieser Gruppe ist mit 27 Prozent nur rund jeder vierte offen für eine City-Maut.

Überraschenderweise stehen junge Leute einer Maut nicht besonders offen gegenüber. Menschen im Alter zwischen 18 und 39 Jahren sind genau wie Ältere (50 bis mehr als 65 Jahre) mehrheitlich gegen die City-Maut. Dabei wird häufig gerade den jüngeren Leuten nachgesagt, die "Generation Carsharing" interessiere sich nicht mehr für Autos, sondern nur noch für verfügbare Mobilität. Die größte Zustimmung findet die Gebühr bei Menschen im Alter zwischen 40 und 49 Jahren (knapp 42 Prozent).

Während die Einführung einer Innenstadtgebühr in Deutschland derzeit offen ist, ist sie in anderen Städten schon längst Realität. Der asiatische Stadtstaat Singapur machte 1975 den Anfang. In Europa war die norwegische Küstenstadt Bergen 1985 Vorreiterin, gefolgt von Oslo und Trondheim in den Neunzigerjahren. Die britische Hauptstadt London führte 2003 eine Mautzone ein, deren Gebühren sich auch an der Abgasnorm orientieren, die ein Auto einhält.

Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

cfr

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