SPIEGEL-Umfrage Mehrheit der Deutschen lehnt City-Maut ab

Politiker diskutieren über eine City-Maut für deutsche Städte. Die Bürger sind mehrheitlich gegen die Gebühr, wie eine SPIEGEL-Umfrage ergeben hat. Eine wichtige Bevölkerungsgruppe befürwortet die Abgabe jedoch.

Mautschild an der Stadtautobahn in Rostock
DPA

Mautschild an der Stadtautobahn in Rostock


Wer in die Innenstadt fährt, zahlt: Auf einfache Weise soll eine City-Maut den Verkehr in den Zentren reduzieren. Die Maßnahme ist aber hoch umstritten - und fällt bei den Deutschen mehrheitlich durch, wie eine Umfrage für den SPIEGEL zeigt. Deutlich mehr als die Hälfte der Bürger lehnt die Gebühr ab (siehe Grafik).

Zuletzt hatte die Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) die Diskussion über eine City-Maut für Berlin neu belebt. "Über kurz oder lang" werde man in der Hauptstadt über eine solche Abgabe diskutieren müssen, sagte Günther. "Es wird bei der knappen Ressource Fläche in der Stadt deutlich teurer werden müssen, mit Autos den öffentlichen Raum zu nutzen."

Der Deutsche Städtetag zeigte sich ebenfalls aufgeschlossen. Die Städte müssten selbst entscheiden, welche Instrumente zur Verkehrslenkung sinnvoll seien, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy. "Denkbar wäre beispielsweise, eine City-Maut oder Nahverkehrsabgaben in einzelnen Städten zu erproben, die dies wünschen."

Der Städte- und Gemeindebund sieht es anders. Eine City-Maut käme "allenfalls für Megastädte" infrage, wie es sie in Deutschland nicht gebe.

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen lehnt die Abgabe ebenfalls ab. Knapp 57 Prozent sind der City-Maut gegenüber "eindeutig negativ" oder "eher negativ" gegenüber eingestellt, wie eine repräsentative Umfrage des Online-Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL ergeben hat. Nur gut 35 Prozent sehen die Innenstadtgebühr "eindeutig positiv" oder "eher positiv".

Dabei hängt die Meinung über die City-Maut stark vom Wohnort der Menschen ab. In dicht bevölkerten Gebieten mit mehr als 5000 Einwohnern pro Quadratkilometer, also den Innenstädten selbst, liegt die Zustimmung zur Maut bei gut 53 Prozent. In den betroffenen Gebieten sind politische Mehrheiten für die Einführung dieser Gebühr somit denkbar.

In Gebieten mit weniger als 150 Einwohnern pro Quadratkilometer - also in Dörfern und ländlichen Regionen - sehen die Menschen das Thema völlig anders. Dort sind gut 63 Prozent gegen die Einführung einer City-Maut. Es handelt sich um den Teil der Bevölkerung, der oft nur mit dem Wagen bequem zur Arbeit oder zum Einkaufen in die Stadt gelangt.

Am geringsten ist die Zustimmung konsequenterweise unter den Autofahrern. In dieser Gruppe ist mit 27 Prozent nur rund jeder vierte offen für eine City-Maut.

Überraschenderweise stehen junge Leute einer Maut nicht besonders offen gegenüber. Menschen im Alter zwischen 18 und 39 Jahren sind genau wie Ältere (50 bis mehr als 65 Jahre) mehrheitlich gegen die City-Maut. Dabei wird häufig gerade den jüngeren Leuten nachgesagt, die "Generation Carsharing" interessiere sich nicht mehr für Autos, sondern nur noch für verfügbare Mobilität. Die größte Zustimmung findet die Gebühr bei Menschen im Alter zwischen 40 und 49 Jahren (knapp 42 Prozent).

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Während die Einführung einer Innenstadtgebühr in Deutschland derzeit offen ist, ist sie in anderen Städten schon längst Realität. Der asiatische Stadtstaat Singapur machte 1975 den Anfang. In Europa war die norwegische Küstenstadt Bergen 1985 Vorreiterin, gefolgt von Oslo und Trondheim in den Neunzigerjahren. Die britische Hauptstadt London führte 2003 eine Mautzone ein, deren Gebühren sich auch an der Abgasnorm orientieren, die ein Auto einhält.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.

Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

cfr



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Herr Besserwisser 02.05.2019
1. Dieses Thema ist überflüssig
Bereits heute wird das in vielen Kommunen über die Parkgebühren geregelt, und diese werden künftig drastisch steigen.
Ichbines2 02.05.2019
2. London
macht es doch vor: Da kommen nur noch diejenigen in die City, die sich das auch leisten können. Das sind die, die die durch Wohnungsbau und Bewohnen im hochpreisigen Segment in der Stadt wohnen. Nun wollen sie da mit ihren chicen Autos auch rumfahren und nicht genervt werden, durch die von der Gentrifizierung Vertriebenen, die sich zunächst nicht die Wohnungen dort leisten konnten und nun natürlich auch nicht die Maut. Außerdem möchten die Bewohner in ihren teuren Lofts auch gute Luft haben.....Wer dort arbeitet, soll gefälligst pendeln mit den Öffentlichen, radfahren oder laufen!
snoxx 02.05.2019
3. Richtig so.
Statt einer City-Maut deren Einfuerhung zu einer weiteren anwachsen der Ballungsraeume fuehren wuerde. Ist es Sinnvoll dieser Bevoelkerungsbewegung entgegen zu wirken. Will man den Verkehr aus den Zentren heraushalten bzw. minimieren, dann muss man bei den Bewohnern dieser Zentren anfangen. Also zuerst mal Anwohnerparken massiv einschraenken bzw. deutlich teurer machen. Weiter kann man auch ueber einen Zwang zu einem OPNV Ticket nachdenken, dessen Preis sich in erster Linie an der QUalitaet des OPNV Abdeckung und nicht nach der Fahrstrecke berechnet. Sprich Tickets in der City sind deutlich teurer und subventionieren Tickets aus den Randregionen.
Schartin Mulz 02.05.2019
4. Die City-Maut
verringert den Verkehr nach sozialen Gesichtspunkten. Wer Geld hat, fährt weiter durch die Stadt, wer nicht, mus aufs Fahrrad umsteigen.
freudentanz 02.05.2019
5. Nix neues
Wenn ich für eine Stadt Eintritt bezahlen soll dann meide ich diese Stadt und noch mehr Geschäfte schließen und das Steueraufkommen, Vielfalt, gesunde Konkurenz, Stadtbild etc etc sinkt. In die Bresche werden, wenn überhaupt Drogeriemärkte, Starbucks und evtl Amazon-Läden springen. Wenn man aus der Stadt natürlich einen Zoo machen will (Amsterdam, Barca, Venedig) dann liegt man mit dieser Methode richtig. es ist richtig das es schon Citymaut in manchen Städten gibt aber in diesen Städten leben auch nur noch Leute die es sich leisten können wie in London zB. Vielleicht fordern auch deshalb manche einen Verstaatlichung von Mietgesellschaften damit man es sich leisten kann in einem teuren Zoo zu leben? Das kann dem Rest der Republik egal sein aber natürlich müssen diese Städte dann auch mit den Konsequenzen leben.
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